Arbeitszeiten verkürzen mit Grundeinkommen

Archiv 01.07.2008 Druckversion

Der Produktivitätsfortschritt könnte die allgemeine Entlastung von mühseliger, stupider, zeitraubender, perspektivloser und Perspektiven vernichtender Arbeit ermöglichen. Das Gegenteil findet statt. Das elende Schicksal der Erwerbslosen wirkt als „Anreiz“, mit dem Beschäftigte erpresst werden, immer miesere Arbeitsbedingungen zu akzeptieren. Insbesondere verlängerte Arbeitszeiten sind seit einigen Jahren groß im Kommen, in unterschiedlicher Gestalt: als verlängerte Wochenarbeitszeit, als verlängerte Lebensarbeitszeit und als „Vertrauensarbeitszeit“, also als hochgradig flexibles Zur-Verfügung-Stehen, letztlich als freizeitlose Dauerarbeitszeit. Dass die Vermehrung der Arbeitlast angesichts der stattfindenden oder zumindest möglichen Verüberflüssigung menschlicher Arbeit unsinnig ist, erkennen inzwischen auch manche Linke, seit neuestem sogar Linke innerhalb der SPD. Sie greifen zurück auf die altehrwürdige (und deshalb noch lange nicht falsche) Forderung, das verbleibende Volumen der immer produktiver werdenden Arbeit gerechter, d.h. auf mehr Schultern, zu verteilen, also die Arbeitszeit wieder zu verkürzen.

Ein Problem, das Arbeitszeitverkürzung oft für die Erwerbstätigen erschwert, sind zu niedrige Stundenlöhne. Gerade in den Tätigkeitsbereichen, wo das Interesse an verkürzten Arbeitszeiten am größten und das Umverteilen auf weitere Schultern am einfachsten ist, also bei eher unattraktiven Jobs, sind die Stundenlöhne zu niedrig, um mit 30, 20 oder gar 10 Wochenstunden Arbeit finanziell über die Runden zu kommen. Hier helfen auch Mindestlöhne nicht weiter. Der Skandal, dass sogar manche Vollzeit-Arbeitende von ihren Löhnen nicht menschenwürdig leben, geschweige denn ihre Familie ernähren können, macht die Forderung nach Mindestlöhnen so populär. Aber die Forderung, von „eigener Hände Arbeit“ leben zu können, bezieht sich immer auf Vollzeit-Arbeitsplätze. Zwar ist es denkbar, Arbeitszeitverkürzung im Niedriglohnbereich durch komplizierte staatliche Lohnbeihilfen, Kombilohnmodelle oder Steuervergünstigungen zu ermöglichen. Zu erwarten ist hierbei jedoch ein großes Gezerre. Wer soll weniger arbeiten dürfen? Chronisch Kranke? Ältere? Alleinerziehende Mütter? Zu erwarten wären unübersichtliche und schlecht aufeinander abgestimmte Regelungen.

Wesentlich einfacher wäre die Arbeitszeitverkürzung, wenn es ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle gäbe, eine existenzsichernde Einkommensausstattung, die allen von vorneherein die Wahl lässt. Viele werden weiterhin auf eine gut bezahlte Vollzeit-Erwerbsarbeit setzen. Sie werden dann mehr Steuern zahlen müssen, um ihr eigenes Grundeinkommen und das der anderen mitzufinanzieren. Aber ebenfalls viele werden auf verkürzte Arbeitszeiten umsteigen, wenn es ihnen finanziell möglich ist. Hinzu kommen die verschiedensten Kombinationen von Teilzeit-Erwerbsarbeit, Familienarbeit, bürgerschaftlichem Engagement, Bildungsaktivitäten und unzähligen anderen unbezahlten Tätigkeiten – und natürlich auch Freizeit!

Arbeitszeitverkürzung und Grundeinkommen stehen einander also nicht als sich gegenseitig ausschließende Alternativen gegenüber, sondern sie ergänzen sich. Erst die allgemeine Einkommenssicherheit, wie sie das bedingungslose Grundeinkommen bietet, ermöglicht denen, die dies wollen, individuelle Arbeitszeitverkürzung im gewünschten Umfang.

2 Kommentare

Mathias Schweitzer schrieb am 03.07.2008, 17:17 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Leider nehme ich in den letzten Jahren auch wahr, dass längere Wochenarbeitszeiten (siehe verdi und Telekom 2007 und VW und IG Metall) zwischen AG und Gewerkschaften vereinbart werden. Diesen Zustand haben wir alle letztendlich mit verursacht, da den Gewerkschaften ja bekannterweise die Mitglieder davonlaufen und somit eine starke Gegenmacht zur Arbeitgeberlobby fehlt. Außerdem verstärkt sich bei mir der Eindruck, dass das sogenannnte Jobwunder in Deutschland ausschliesslich darauf zurückzuführen ist, dass Arbeinehmerrechte (wie z.B. Arbeitszeiten, Löhne etc.) verschlechtert werden und prekäre Arbeitsverhältnisse Hochkonjunktur in Deutschland haben. In so fern kann man nur Unterstützer eines ausreichenden (kein Hartz IV Ersatz ohne Bedürftigkeitsprüfung!!) Grundeinkommens sein. Ich glaube auch, dass unsere Gesellschaft im 21. Jahrhundert längst reif für ein derartiges Projekt zum Wohle aller Menschen ist.

Grace König schrieb am 09.09.2008, 22:47 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Das bedingungslose Grundeinkommen soll endlich kommen - ich warte schon so lange darauf. Als Alleinerzieherin vom einen monotonen Hauptjob zu vielen kleinen Zusatzerwerben zu hetzen und dabei meine süße 6-Jährige noch gut versorgt zu wissen und neben den haushalterischen Muß-Arbeiten auch noch irgendwann eine gemeinsame Zeit abzuzwacken UND vielleicht sogar hin und wieder noch ein paar Minuten für sich selbst zu haben - das ist wirklich nicht immer einfach!

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