Grundeinkommen bewegte Köpfe und Herzen auf dem Kirchentag

csm_DEKT35_logoblock_dreizeilig_schwarz_b1919fecac Margot Käßmann und Hartmut Rosa erreichten mit der Botschaft vom Grundeinkommen Köpfe und Herzen der TeilnehmerInnen des Evangelischen Kirchentags in Stuttgart Anfang Juni.

Hartmut Rosa, Professor der Soziologie an der Universität Jena (Foto: Friedrich-Schiller-Universität Jena), machte im Gespräch mit Bundespräsident Joachim Gauck deutlich, dass der Mensch seine Beziehung zur Umwelt instrumentalisiert, wenn er, bei zunehmendem Lebenstempo, an ständigen Fortschritt glaubt und an Wohlstand durch unaufhörliches Wachstum. Damit reduziere er die Umwelt allein auf ihre Funktion. Das Tier werde als Ding gesehen, von dem wir uns ernähren. Genau das Gegenteil aber mache ein gutes Leben aus. Dieses Gegenteil nennt Rosa „Resonanz“.

Hartmut Rosa In der Moderne mit ihrem ständigen Zeitdruck und der Angst, im Wettbewerb nicht mithalten zu können, sieht Hartmut Rosa einen „Resonanzkiller“. Im Klartext: Mitmenschen werden wie die Umwelt auf ihre Funktion reduziert. Rosas Forderung an die Politik: Eine Reduzierung des Wettbewerbs, beispielsweise in den Schulen, soll zu weniger Angst führen; ein bedingungsloses Grundeinkommen zu einer „Pazifizierung der Existenz“. Wer nicht um ausreichendes Einkommen kämpfen müsse, habe Zeit für Dinge, die er tun will. Rosa fordert ein Demokratieverständnis, bei dem der Einzelne aktiv mitgestaltet, statt passiv zu sein. Er hält es für nötig, „dass es eine kollektive Einsicht gibt, dass der Fortschrittsglaube so nicht weitergehen kann“. Er plädiert für ein „Ja zur Homo-Ehe“, für ein „Ja zum Schutz des Sonntags ‚vor den Imperativen des Konsums'“. Das seien Worte, die der Theologe Joachim Gauck nicht mehr verstehe. Rosas Ideen halte er für „Luxusprobleme“. Er wirft ihm mit seinen Forderungen „Denunziation von Politik“ vor (Quelle: Website des Kirchentags, Frankfurter Allgemeine).

csm_margot_kaessmann_hh_a8fb568762 Margot Käßmann (Foto: Deutscher Kirchentag) liest Tausenden von Menschen eine Bibelstelle vor, das Gleichnis vom gerechten Verwalter. „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Die frühere Rats­vor­sitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland hat nichts von ihrer Faszination verloren. Eine protestantische Menschenfischerin – so berichteten die Stuttgarter Nachrichten vom Auftritt Käßmanns. Die „Magierin des Wortes“ meint: Das Erlassen von Schulden sei biblisches Gebot. Es solle Freiheit ermöglichen. Könne man nicht auch Staaten wie Griechenland Schulden erlassen? Großer Applaus. Käßmann gibt klare Antworten auf die Frage „Was braucht der Mensch?“ Der Mensch brauche eine Ethik der Liebe, an die er sich halten kann. Käßmann: „Von Hartz kann man nicht würdig leben.“ Es brauche ein Grundeinkommen für ein menschenwürdiges Leben!

Aber nicht nur Hartmut Rosa und Margot Käßmann erreichten die Köpfe und Herzen der Menschen auf dem Kirchentag:

Stand mit BesucherInnen

Am gemeinsamen Stand des Netzwerks Grundeinkommen, der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung Deutschlands e. V. (KAB) und der Initiative Bedingungsloses Grundeinkommen in der Bremischen Evangelischen Kirche informierten sich Hunderte über das Grund­ein­kom­men, diskutierten und überlegten, was sie tun würden, wenn für ihr Einkommen gesorgt wäre.

Wandzeitung Michael Behrmann von der Initiative BGE in der Bremischen Evangelischen Kirche hat die Wandzeitung mit den mehr als 360 Antworten auf diese Frage ausgewertet. Er hält fest: „Bei 60 bis 70 Prozent der Kontaktgespräche stellten wir fest, dass ein wohlwollendes Interesse am BGE vorhanden war. Bei ca. 25 Prozent der Kontakte ergab sich im Gespräch eine positive Vertiefung vorhandener Vorstellungen.“ Die Auswertung der Wandzeitung und der Gespräche findet sich hier als PDF-Dokument.

Workshop Sorgearbeit-Grundeinkommen Neben dem gemeinsamen Stand gab es am Nachmittag des heißen 4. Juni auf dem Kirchentagsgelände einen Workshop zum Thema Sorgearbeit und Grundeinkommen. Matthias Blöcher von der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung Deutschlands fasst die Ergebnisse des Workshops wie folgt zusammen: „Das Grundeinkommen verspricht Sorgearbeiter/innen und Betroffenen größere Zeitsouveränität, einen massiven Bürokratieabbau und fördert gemeinschaftliche Strukturen. Begleitet werden muss es durch Investitionen in die soziale Infrastruktur und Dienstleistungen, bei denen die Bedürfnisse der Nutzer/innen im Mittelpunkt stehen müssen. Um den Genderaspekt zu berücksichtigen, gehören die Themen Arbeitszeitverkürzung und Equal-Pay ebenfalls auf die Tagesordnung.“ Den Bericht zum Workshop kann man hier als PDF-Dokument herunterladen.

Am Abend des 4. Juni veranstalteten das Netzwerk Grundeinkommen und die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung gemeinsam mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Baden-Württemberg eine Diskussionsveranstaltung zu Kindergrundsicherung bzw. Kindergrundeinkommen.
Diskussionsveranstaltung Es diskutierten mit den weiteren TeilnehmerInnen Regina Dolores Stieler-Hinz, Vorsitzende der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung Deutschlands e. V., Birgit Löwe, 1. Vorsitzende der Evange­lischen Aktionsgemeinschaft für Familienfragen in Bayern e.V., und Prof. em. Dr. Franz Segbers, Theologe und Sozialethiker. Die sozialethischen, sozial­wissen­schaftlichen und sozialpolitischen Analysen und Argumente führten schnell zu einem Ergebnis: Wir brauchen eine grundlegende Absicherung der Existenz und sozialen Teilhabe aller Kinder und Jugendlichen – unabhängig vom Status der Eltern. Weil jedes Kind gleich viel wert ist! Die Verbände und Organisationen hatten die Idee einer gemeinsamen politischen Intervention mit anderen Bündnis­partnerInnen vor der Bundestagswahl 2017– sie umzusetzen, ist eine spannende Aufgabe für das kommende Jahr.

Fazit:

Prominente und AktivistInnen haben das Grundeinkommen beim Kirchentag überzeugend ins Gespräch gebracht. Viele Menschen konnten mit der Idee erreicht werden. Bündnisse wurden geschmiedet.

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Ein Kommentar:

  1. Hans Stallkamp
    schrieb am 06.07.15 um 11:03 Uhr ( Permalink ):

    Jetzt, nach der Volksabstimmung, ist die Zeit reif, in Griechenland über die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) in existenssichernder Höhe nachzudenken und es auf höchster politischer Ebene zu diskutieren. Oder soll in der reichsten Region unserer Erde die Würde des Menschen weiter mit Füßen getreten werden und der Friede zerbröseln?

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