Papst Franziskus, die Katholische Soziallehre und das Grundeinkommen

Ronald Blaschke 04.11.2021 Druckversion

Dr. Markus Schlagnitweit, Direktor der Katholischen Sozialakademie Österreichs (ksoe), hat einen Text (PDF-Dokument) veröffentlicht*, in dem er die Aussagen des Papstes zum Grundeinkommen analysiert und sie in einen soziologischen und theologischen Zusammenhang stellt. Dabei widerspricht er auch der Kritik am Grundeinkommen.

Schlagnitweit weist die Behauptung zurück, das Grundeinkommen verstoße gegen Prinzipien der Katholischen Soziallehre. Es sei nicht nur vereinbar mit den Prinzipien der Subsidiarität und Solidarität, sondern es stärke sie zudem.

Auch den Einwand, das BGE verletze das Prinzip der Eigenverantwortung, weist Schlagnitweit zurück. Das BGE ermögliche es dem Menschen erst, frei und (eigen)verantwortlich zu leben und zu arbeiten. Dieser Einwand wird auch gegen eine sanktionsfreie Mindest-/Grundsicherung (vgl. Blaschke 2019 und Blaschke 2020) in Stellung gebracht wird.

Er führt in seinem Text weiter aus, dass „der biblische Arbeitsbegriff und darauf aufbauend der KSL [Katholischen Soziallehre] ebenso wie Pp. Franziskus‘ nicht auf den engen Begriff der Erwerbsarbeit beschränkt“ sei. Noch mehr: Dass der Mensch in der Arbeit „seine personale Würde als Ebenbild seines Schöpfergot­tes“ realisieren kann und in seiner Arbeit sozial anerkannt wird, bleibe vielen in der herrschenden Marktökonomie verwehrt, so Schlagnitweit. Umgekehrt könne

„die Realisierung eines BGE einen wertvollen Beitrag dazu leisten, die sozialen Ungerechtigkeiten und andere Verwerfungen generierende Koppelung von sozialer Sicherheit und gesellschaftlicher Teilhabe an marktkonforme Erwerbsarbeit ebenso aufzubrechen wie die Engführung des Arbeitsbegriffs auf eben diese. Die Erfahrung zeigt vielmehr, dass alleine schon die Debatte um ein BGE auch die unverzichtbare, immer wieder neu zu führende Auseinandersetzung um Sinn, Würde und Bedeutung von Arbeit sowohl für die Entfaltung der menschlichen Person als auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördert.“

Am Schluss seiner Auseinandersetzung mit der Kritik am BGE begründet er, dass dessen Bedingungslosigkeit dem christlichen Menschenbild entspricht:

„Wer also das Menschenbild eines BGE als unrealistisch, naiv und irregeleitet abtut, muss sich seitens der christlichen Theologie vorhalten lassen, mit dieser Haltung Gott selbst den Vorwurf eines falschen, unrealistischen Menschenbildes zu machen, wenn Er dem Menschen das Geschenk seiner Liebe zumutet – und zwar bedingungslos: ohne Vorleistung, ohne Gegenleistung, ohne sonstiges Verdienst und einzig im Vertrauen darauf, dass der Mensch auf diese bedingungslose Vorleistung Gottes eine adäquate Antwort zu finden vermag. Vor diesem Hintergrund könnte das Konzept eines BGE also sogar als Versuch einer direkten gesellschaftspolitischen Umsetzung der biblischen Grundkategorie der Bedingungslosigkeit betrachtet werden […].“

Im Resümee bemerkt Markus Schlagnitweit, dass „der realpolitische Weg zur Realisierung eines BGE nicht ohne Kompromisse und Zwischenschritte auskommen [wird]. Eine BGE-Gesellschaft wird in diesem Sinn nicht von heute auf morgen realisierbar sein, sondern bedarf kluger, aber gleichwohl entschlossener Umsetzungsschritte auf vielen Teilgebieten der Gesellschaftspolitik […].“

Er führt weiterhin aus, dass

die Einführung eines BGE keinen eingleisigen Weg markiert: Ob ein BGE nur der sozialen ‚Aussteuerung‘ und damit weiteren Marginalisierung von prekarisierten Bevölkerungsgruppen dient oder die gesellschaftliche Organisation und Sozialpolitik unter den Bedingungen einer – v.a. technologiebedingt – noch nie dagewesenen Produktivität vielmehr modernisiert und von den durch das industriegesellschaftliche (damit aber historisch kontingente) Erwerbsarbeitsparadigma verursachten Verwerfungen und Ungerechtigkeiten befreit, ist keineswegs ausgemacht und wird Gegenstand politischer Auseinandersetzungen bleiben müssen.“

* Der Text von Dr. Markus Schlagnitweit wurde zuerst in der österreichischen Wochenzeitschrift DIE FURCHE veröffentlicht: https://www.furche.at/religion/papst-franziskus-und-das-grundeinkommen-6222652. Die erneute Veröffentlichung des Textes auf grundeinkommen.de erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Ein Kommentar

Wolfgang Schlenzig schrieb am 05.11.2021, 10:07 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Ich finde das immer wieder großartig, wie der Papst sich immer ins Zeug legt für eine bessere, gerechtere Welt gegen Kapitalismus, Rüstung, Profit und u.a. eben auch für das Bedingungslose Grundeinkommen.

Aber was kommt "unten" davon an?

Was vermitteln die Lehrer in den deutschen katholischen Schulen dazu?

Was enthalten die Predigten in den Kirchen zu diesen Themen?

Ich erfahre nur selten und bruchstückhaft darüber. Aber bisher wusste keiner was.

Wo bleibt der nach den Kritiken des Papsten in seinen Enzyklika der Aufstand der Katholiken gegen die Zustände?

Ich würde mich freuen, ich wäre schlecht informiert und es brodelt schon.

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