Earth for All – mit Grundeinkommen?!

    Ronald Blaschke 05.10.2022 Druckversion

    Der neue Bericht von Expert*innen an den Club of Rome, 50 Jahre nach „Die Grenzen des Wachstums“, warnt eindringlich: business as usual sei eine wirtschaftliche, soziale und ökologische Katastrophe. Deswegen brauche es mit „Earth for All“ eine radikale politische, eine wirkliche sozialökologische Wende. Eine „Grunddividende“ ist Bestandteil dieser notwendigen Wende. Der neue Bericht zeigt, dass die Grundeinkommens- und Degrowthbewegung dafür mit anerkannten wissenschaftlichen Argumenten, Begründungen und Vorschlägen aufwarten können.

    Rückblick

    Vor 50 Jahren, also 1972, erschien ein viel beachtetes, diskutiertes und zitiertes Buch: Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Damals kam man zum Schluss, „dass die Gefahr eines Zusammenbruchs von Gesellschaften sehr ernst genommen werden muss. Wenn die Menschheit ihr Wirtschaftswachstum ohne Rücksicht auf die endlichen Ressourcen und die Kosten für die Umwelt fortsetze, […] werde die globale Gesellschaft die physikalischen Grenzen der Erde überschreiten und einen starken Rückgang der verfügbaren Nahrungsmittel und des Lebensstandards erfahren, gefolgt von einem Rückgang der Geburtenrate in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts.“ (21, Seitenzahl des neuen Berichts an den Club of Rome)

    Der neue Bericht an den Club of Rome mit dem Namen „Earth for All“ zeigt auf, dass dieses berechnete Szenario gemäß einem Weiter so (business as usual) den realen Tendenzen entspricht. Politische, ökologische, wirtschaftliche und soziale Veränderungen, die zu anderen Entwicklungen geführt hätten, habe man nicht, nur in geringem Umfang bzw. zu spät angepackt. (22 ff.)

    Die Analysen und möglichen Szenarien, die die Autor*innen der „Grenzen des Wachstums“ anstellten und aufzeigten, wurden mithilfe des damals neuen Computermodells World3 berechnet. Die Autor*innen von „Earth for All“ nutzen für ihre aktuelle Analysen und Szenarienbeschreibungen zwar einige Techniken des Computermodells World3, als Grundlage dient ihnen aber ein neues Modell, nämlich „Earth4All“. Eine genauere Erklärung dieses „systemdynamischen Computermodells“ findet sich im Anhang des neuen Berichts an den Club of Rome. (227 ff.)

    Ausblick

    Der Bericht „Earth for All“ hat den Untertitel „Ein Survivalguide für unseren Planeten“. Er beschränkt sich auf die Darstellung zweier, mit dem neuen Modell „Earth4All“ berechneter Szenarien der zukünftigen Entwicklung. Eines heißt „Too little too late“ und das andere „Giant Leap“. Letzteres ist Grundlage für den Survivalguide.

    Das Szenario „Too little too late“ zeigt die Folgen eines Weiter so, eines business as usual, einer Politik der zu wenigen und zu späten Schritte. Die Autor*innen des neuen Berichts an den Club of Rome beschreiben anhand von Lebensverläufen vierer Mädchen bzw. Frauen aus verschiedenen Ländern und mit verschiedenen Tabellen, was der Menschheit und der Erde dann bevorsteht. (52 ff.)

    Das Szenario „Giant Leap“ beschreibt eine erwartbare ökologisch, wirtschaftlich und sozial nachhaltige Entwicklung infolge eines „Riesensprungs“: „Unsere Analyse ergibt, dass gegenwärtig nichts Geringeres als ein ‚Riesensprung‘ nötig ist, wenn sich die Menschheit ernsthaft vom gegenwärtigen Kurs abwenden und bis 2050 den Weg in eine nachhaltige Welt einschlagen will.“ (47) Auch dieses Szenario wird anhand der Lebensverläufe und -situationen der vier Frauen und mit Tabellen beschrieben. (66 ff.) Der neue Bericht macht deutlich: Entscheidende und grundlegende Veränderungen, von den Autor*innen Kehrtwenden genannt, sind nötig – und zwar jetzt, in diesem Jahrzehnt und nicht irgendwann!

    Die fünf Kehrtwenden – ein Survivalguide

    Im neuen Bericht an den Club of Rome werden fünf notwendige Kehrtwenden beschrieben, aber auch Hürden und Hindernisse, die ihnen im Wege stehen. Die fünf Kehrtwenden möchte ich im Folgenden wiedergeben:

    Bereich Armut – „Einkommensschwache Länder benötigen andere Wirtschaftsstrukturen. Ein Ausgangspunkt ist die Reform des internationalen Finanzsystems, um Risiken zu minimieren und Investitionen in einkommensschwache Länder zu revolutionieren.“

    Bereich Gleichheit – „Schockierende (Einkommens-)Ungleichheit muss beseitigt werden. Dies kann durch eine höhere Steuerprogression und eine stärkere Besteuerung von Vermögen, die Stärkung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und eine allgemeine Grunddividende erreicht werden.“

    Bereich Ermächtigung der Frauen – „Überwindung des eklatanten Machtgefälles zwischen den Geschlechtern. Ermächtigung der Frauen und Investition in Bildung für alle.“

    Bereich Ernährung – „Um die Landwirtschaft zu transformieren, unsere Ernährung zu ändern, den Zugang zu Lebensmitteln zu verbessern und ihre Verschwendung zu minimieren, muss das System der Erzeugung von Nahrungsmitteln bis 2050 einem regenerativen Pfad folgen und Kohlenstoff wieder zunehmend in Böden, Wurzeln und Pflanzen binden. Es sollten Anreize für lokale Lebensmittelproduktion geschaffen und der übermäßige Einsatz von Düngemitteln und anderen Chemikalien deutlich reduziert werden.“

    Bereich Energie – „Transformation der Energiesysteme, um die Treibhausgase alle zehn Jahre zu halbieren und saubere Energie all denen zur Verfügung zu stellen, denen sie fehlt. Das wird auch Energiesicherheit bringen.“ (alles 34 ff.)

    Diese Veränderungen in den genannten fünf Bereiche werden im Bericht konkretisiert, in vielen Fällen auch ergänzt, so zum Beispiel mit 15 Empfehlungen an die Politik. (221 ff.) Ich möchte mich im Folgenden auf die Argumentationen konzentrieren, die mit der allgemeinen Grunddividende zusammenhängen.        

    Das Grundeinkommen in Form einer allgemeinen Grunddividende

    Für die Autor*innen des neuen Berichts an den Club of Rome ist ein „allgemeines Grundeinkommen in Form einer Global Commons Dividend (Dividende auf die globalen Gemeingüter)“ (118) Bestandteil dringend notwendiger politischer Veränderungen (68, 105, 117, 204). Bestimmte Abgaben sollen in einem gesonderten Bürgerfonds gesammelt und verwaltet werden: „Demnach müssen Unternehmen, die beispielsweise CO2-Emissionen erzeugen, zur Entwaldung beitragen, öffentliche Daten nutzen oder zu Land oder im Meer Ressourcen extrahieren, für die Verwertung dieses öffentlichen Gemeinguts eine Abgabe zahlen. Die Regierungen würden diese Einkünfte dann gerecht an alle Bürgerinnen und Bürger als Dividende auszahlen.“ (118) Angesichts dieser Auflistung wird klar, dass die allgemeine Dividende sich aus den Abgaben auf die Verwertung verschiedener Arten von Gemeingütern speisen (inkl. Abgaben auf die schädlichen Folgen der Verwertung bestimmter Gemeingütern, z. B. CO2-Emissionen). Das sind sowohl erschöpfbare, also nicht regenerierbare Güter (wie z. B. Mineralien, fossile Brennstoffe, etc.), als auch erneuerbare Gemeingüter (wie z. B. Sonnenkraft). Immaterielle Gemeingüter (wie z. B. Ideen und Wissen) kommen auch noch hinzu. Konkret heißt es: „Die aus der Bewirtschaftung all dieser Gemeingüter erhobenen Abgaben könnten für die sofortige Rückverteilung an alle Bürger*innen zur Verfügung gestellt werden. Dies wäre eine Entschädigung für die Einhegung der Gemeingüter, eine Wiedergutmachung für die Bürger*innen.“ (208)

    Diese Überlegungen sind nicht neu. In seiner 1796 erschienenen Schrift „The right of infants“ trug Thomas Spence, der Begründer der Idee des Grundeinkommens, etwas Ähnliches vor. Er schlug die gesellschaftliche Wiederaneignung „eingehegter“, privatisierter Ländereien vor. Diese solle man dann an Farmer verpachten und eine Abgabe für die Bewirtschaftung des Gemeingutes Land verlangen, die der Allgemeinheit zugutekommt: Aus diesen Abgaben sollten ein Grundeinkommen für alle und die öffentliche Infrastruktur finanziert werden. (vgl. Blaschke 2010, 51 ff.; Blaschke 2015) Die Autor*innen des neuen Berichts an den Club of Rome knüpfen an diese Idee an, erweitern allerdings die Liste der Gemeingüter.

    Unklar ist, ob es sich beim Vorschlag der allgemeinen Grunddividende im neuen Bericht an den Club of Rome tatsächlich um ein Grundeinkommen handelt. Es ist zwar eine bedingungslos an alle ausgezahlte, universelle Geldleistung. Ob diese aber die Existenz und gesellschaftliche Teilhabe sichert, wird nicht klar herausgearbeitet. Dies ist davon abhängig, ob die Einnahmen aus Abgaben auf die Verwertung bzw. Bewirtschaftung der Gemeingüter ausreichen, um ein Grundeinkommen für alle zu finanzieren. Falls nicht, müssten diese durch Einnahmen aus der geforderten höheren Steuerprogression und stärkeren Besteuerung von Vermögen ergänzt werden. Thomas Spence beabsichtigte mit seinem Vorschlag die Sicherung eines komfortablen Lebensunterhalts und Beseitigung von Armut. (vgl. Blaschke 2010, 51 ff.; Blaschke 2015)

    Analog zum Vorschlag von Thomas Spence gehen die Autor*innen des neuen Berichts an den Club of Rome davon aus, dass neben dem Grundeinkommen auch die Ausgestaltung öffentlicher Infrastruktur zur notwendigen Kehrtwende gehört (kostenfreie Bildung, Gesundheitsversorgung für alle, 139). Gleichwohl soll diese Ausgestaltung nicht – wie bei Spence – zwangsläufig durch Abgaben für die Verwertung bzw. Bewirtschaftung von Gemeingütern finanziert werden, sondern unter anderem auch aus der Verstärkung der Steuerprogression und Vermögensbesteuerung oder aus anderen Quellen.

    Wie viele linke und emanzipatorische Befürworter*innen des Grundeinkommens plädieren auch die Autor*innen des jüngsten Berichts an den Club of Rome für weitere politische Veränderungen hin zu einer Demokratisierung der Wirtschaft. Als Beispiele werden die Miteigentümerschaft der Arbeitnehmer*innen an den Unternehmen (116 ff.) und die gemeinschaftliche Nutzung der Gemeingüter durch Genossenschaften und Kooperativen (208 f.) genannt. Beides sind allerdings keine umfassenden Formen der Vergesellschaftung, sondern lediglich auf bestimmte Gesellschaftsgruppen bezogene Miteigentümerschaften bzw. Vergemeinschaftungen. Sie betreffen nur Arbeitnehmer*innen sowie Mitglieder von Genossenschaften bzw. Kooperativen. Das sind dann ebenfalls „eingehegte“, kollektiv privatisierte Formen des Gemeingutes und dessen Bewirtschaftung bzw. Verwertung ist ebenso abgabepflichtig. Eine Genossenschaft oder Kooperative ist nichts anderes als eine Assoziation von Privatpersonen, die unter Ausschluss anderer Personen, nämlich der Nichtmitglieder der Genossenschaft oder Kooperative, allgemeine Gemeingüter bewirtschaftet. Analoges gilt für die Miteigentümerschaft der Arbeitnehmer*innen an Unternehmen. Auch ihre Miteigentümerschaft schließt andere aus. Gleichwohl haben auch diese privat-kollektiven Eigentümer*innen Anspruch auf die allgemeine Dividende, weil sie ja ebenfalls von der Bewirtschaftung anderer Gemeingüter ausgeschlossen sind – und dies allein schon aufgrund der fortgeschrittenen Arbeitsteilung.

    10 bekannte Argumente, Begründungen und Vorschläge für Grundeinkommen bzw. Grundeinkommenskonzepte, die sich im Bericht an den Club of Rome wiederfinden 

    In der Grundeinkommens- und Degrowthszene gibt es verschiedene Argumente, Begründungen und Vorschläge für Grundeinkommen und Grundeinkommenskonzepte. Viele davon finden sich im neuen Bericht an den Club of Rome bestätigt. Mindestens zehn sind es an der Zahl. Sie zeigen, dass die Grundeinkommens- und Degrowthbewegung mit von Expert*innen anerkannten und wissenschaftlichen Argumenten, Begründungen, Vorschlägen und Konzeptionen aufwarten kann.

    1) Als erstes wäre hier zu nennen, dass die allgemeine Grunddividende eingebettet ist in ein radikales Gesamtkonzept eines grundlegenden gesellschaftlichen und politischen Wandels und einer sozialökologischen Transformation. Das trifft ebenfalls für viele Grundeinkommens- und Degrowthkonzepte zu. Eine tiefgreifende und komplexe Krise bedarf tiefgreifender und komplexer Lösungsvorschläge.

    2) Dass Naturgüter und immaterielle Güter Gemeingüter sind, also allen gehören, und deren exklusive Verwertung bzw. Bewirtschaftung berechtigten Anlass zur Forderung einer Abgabe gibt, die allen in Form eines Grundeinkommens zugutekommt, ist eine seit Thomas Spence bekannte Begründung für das Grundeinkommen. Ein jüngeres, aber ebenfalls breit anerkanntes Argument ist, dass der Umweltverschmutzung und -zerstörung, die bei der Verwertung bzw. Bewirtschaftung entstehen, u. a. durch Abgaben entgegengewirkt werden kann. Diese Abgaben können dann ebenfalls zur Finanzierung des Grundeinkommens herangezogen werden, solange die Umweltverschmutzung/-zerstörung anhält (Stichwort ökologisches Grundeinkommen, Ökobonus etc.).

    3) Auch wird in der linken bzw. emanzipatorischen Grundeinkommens- und Degrowthbewegung ebenfalls davon ausgegangen, dass die Natur- und Wissensgüter Gemeingüter sind. Diese Tatsache begründet nicht nur die Erhebung einer der Allgemeinheit zugutekommenden Abgabe, sondern die Re-Kollektivierung und Demokratisierung der Bewirtschaftung selbst. Insofern betrifft „Earth for All“ nicht nur die Gestaltung der Distribution, sondern auch Produktion.

    4) Viele Grundeinkommenskonzepte beinhalten – wie der Bericht auch – Vorschläge für den Ausbau bzw. die Ausgestaltung der öffentlichen und sozialen Infrastruktur sowie der Gesundheitsversorgung. Das bettet das Grundeinkommen in ein universelles, inklusives Wohlfahrtssystem ein. (vgl. Blaschke in Rätz, Paternoga, Reiners, Reipen 2019, 14-26)

    5) Die Einrichtung eines Bürgerfonds oder analoger gesonderter Fonds, in denen die Abgaben bzw. Einnahmen für das Grundeinkommen gesammelt und verwaltet werden, ist vielen Grundeinkommenskonzepten inhärent.

    6) Die der folgenden Aussage des Berichts zugrunde liegende Argumentation für die Finanzierung der Grunddividende und weiterer gesellschaftlicher Veränderungen findet sich ebenfalls in der Grundeinkommens- und Degrowthbewegung: „Wie können sich Regierungen eine allgemeine Grunddividende und andere Lösungen, die ihre finanzielle Belastung erhöhen, überhaupt leisten? Nun, vieles von dem, was wir diskutiert haben, ist keine Frage des Geldes, sondern eine Frage der Verteilung und Zuweisung der finanziellen Mittel. Langfristig wird dies durch die gerechtere, höhere Besteuerung der Reichen erreicht werden. Kurzfristig können Regierungen mit ihren stabilen Landeswährungen dieses Geld einfach herausgeben.“ (120) Mit anderen Worten: Es ist genug für alle da. Die Argumentation für eine (Rück-) Verteilung des bei einigen privat angehäuften gesellschaftlichen Reichtums an alle ist dieselbe wie in Kate Picketts und Richard Wilkinsons Buch „Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind“. Die Autor*innen von „Earth for All“ schreiben: „… die Menschen in gerechteren Gesellschaften [haben] ein größeres Maß an Wohlergehen und eine bessere Gesundheit […]. Vor allem aber belegt die Analyse des Earth4All-Modells zweifelsfrei, dass finanzielle Sicherheit, Nahrung und Energie für alle nur in einem Szenario mit einer tiefgreífenden Vermögensumverteilung erreicht werden kann.“ (121)

    7) Ein weiteres Argument des Berichts nutzen die Protagnost*innen der Grundeinkommens- und Degrowthszene ebenfalls oft: „Dass wir im nächsten Jahrzehnt vor massiven Umbrüchen stehen, lässt sich nicht leugnen. Ohne ein Sicherheitsnetz werden sich die Menschen dagegenstemmen, eher Populisten wählen und eine Transformation ablehnen, die in ihren Augen nur ein weiterer Versuch der Elite ist, sich die Taschen zu füllen. Doch dieses Sicherheitsnetz kann auch als Innovationsnetz gesehen werden, denn es ermöglicht den Menschen etwas mehr Flexibilität, um die Ökonomie der Zukunft zu gestalten.“ (121, vgl. 102 und 118) Erik Olin Wright, z. B., hat herausgearbeitet, dass ein Grundeinkommen zugleich eine gute Voraussetzung für verschiedene Formen der radikalen Demokratisierung und Umgestaltung der Wirtschaft ist (vgl. z. B. Wright 2017). Hervorhebenswert finde ich, dass die Autor*innen des Berichts die genossenschaftliche und kooperative produktive Beteiligung an der Bewirtschaftung der Gemeingüter als eine Möglichkeit der Einübung von Partizipation und Zusammenarbeit verstehen. (209)

    8) Auch die folgende Argumentation ist den Befürworter*innen des Grundeinkommens gut vertraut: „Sicherlich könnte man fragen, ob es nicht gerechter wäre, die Dividende nur an die Bedürftigsten auszugeben. Doch das Risiko eines Scheiterns ist zu groß, wenn nicht alle Mitglieder der Gesellschaft auf diesen Weg mitgenommen werden. Das Konzept muss also für die Mehrheit funktionieren. Wie wir wissen, unterstützt die Mittelschicht Maßnahmen, aus denen sie selbst Nutzen zieht. Wenn sie jedoch den Eindruck gewinnt, dass andere von ihrer harten Arbeit profitieren, wird sie solche Maßnahmen kaum gutheißen. Zudem zeichnet sich das Konzept durch seine Einfachheit aus. Es ist leicht zu vermitteln und hat damit eine größere Chance, breite Unterstützung zu finden.“ (118 f.)

    9) In einigen Grundeinkommenskonzepten – aber auch in der Debatte über das Grundeinkommen generell – nimmt die Frage der Geschlechtergerechtigkeit einen hohen Stellenwert ein. Den nimmt sie auch im Bericht ein. Es geht um Ermächtigung, um mehr Handlungsmacht der Frauen. Einen Beitrag dazu – ich betone: einen Beitrag neben vielen anderen – leistet das Grundeinkommen. Dem pflichten wohl die Autor*innen bei, wenn sie fragen: „Wie wäre es, wenn alle Frauen einer Gemeinschaft eine bedingungslose monatliche Geldzahlung bekämen?“ (138) Die Autor*innen verweisen auf die bekannten positiven Ergebnisse der Modellversuche in Indien und halten fest: „Eine weder bedarfsorientierte noch an Bedingungen geknüpfte regelmäßige Einkommensquelle unterstützt Handlungsmacht, Gleichheit und Inklusion.“ (139) Die Autor*innen wiederholen ihr Bekenntnis zum universellen, inklusiven Wohlfahrtssystem – auch vor dem Hintergrund der angestrebten Geschlechtergerechtigkeit: „Neben einem allgemeinen Grundeinkommen und kostenloser Bildung sehen wir in einer allgemeinen Gesundheitsversorgung einen weiteren systemischen Schritt hin zu mehr Geschlechtergerechtigkeit. Diese betrachten wir als ein menschliches Grundrecht und als Basis einer funktionierenden Gesellschaft im 21. Jahrhundert.“ (139)

    10) Ein Grundeinkommen stärkt nicht nur Frauen, sondern auch alle Arbeitnehmer*innen. Auch dies wird in Grundeinkommensdebatten oft betont. Das sehen die Autor*innen des neuen Berichts an den Club of Rome genauso: „In einer Zeit des Umbruchs bieten sie [Grundeinkommen, Grunddividende, R. B.] eine gewisse finanzielle Sicherheit; sie verschaffen Arbeitnehmer*innen die Möglichkeit, Dumpinglöhne abzulehnen, und geben ihnen die Macht, sich gegen Ausbeutung zu wehren.“ (118) Das ist sicherlich nur möglich, so mein Zusatz, wenn die bedingungslose Absicherung eine Existenz und Teilhabe sichernde Höhe hat, also ein Grundeinkommen ist. Zu niedrige bedingungslose Geldtransfers hebeln nicht den Zwang zum Verkauf der eigenen Arbeitskraft aus – ob nun zu Dumpinglohn oder nicht.

    Fazit: Die ausgewählten Beispiele zeigen, dass die Grundeinkommens- und Degrowthbewegung mit in der Wissenschaft anerkannten Argumenten, Begründungen, Vorschlägen und Grundeinkommenskonzepten aufwarten kann. Diese werden von den Wissenschaftler*innen des neuen Berichts an den Club of Rome bestätigt.

    Wollen die Menschen aber nun einen politischen, ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Wandel? 

    Ja, sie wollen – so die Ergebnisse der Umfragen in den G20-Staaten, die zumindest auf die generelle Unterstützung eines politischen, ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Wandels hindeuten. So machen sich 58 Prozent Sorgen über den jetzigen Zustand unseres Planeten, 83 Prozent wollen mehr für den Schutz der Natur und des Klimas tun. 74 Prozent wollen eine Abkehr von der alleinigen Ausrichtung auf Profit und Wirtschaftswachstum und eine verstärkte Ausrichtung der Wirtschaft Wohlergehen, zur Gesundheit und Schutz des Planeten. Die wirtschaftlichen Prioritäten sollten „nicht Profit und Vermehrung von Reichtum, sondern menschliches Wohlergehen und der Schutz der Umwelt“ (221) sein.

    Nun ist die Zeit reif, um die Menschen mit konkreten Vorschlägen inkl. Grundeinkommen zu überzeugen. Packen wir es an und streiten gemeinsam für eine wirkliche sozialökologische Transformation!

    Hier die Powerpoint-Präsentation EARTH FOR ALL.

    Weitere Literatur/Quellen zum Thema Grundeinkommen, Degrowth und Klimagerechtigkeit (Auswahl):

    Adler, Frank: Wachstumskritik, Postwachstum, Degrowth : Wegweiser aus der (kapitalistischen) Zivilisationskrise. München, 2022. URL

    Blaschke, Ronald: Wenn es ums Klima geht, ist der Ruf nach dem Grundeinkommen nicht weit. Ein Beitrag für die Website Klimareporter, 2020. URL

    Blaschke, Ronald: Emanzipatorisches Grundeinkommen und Postwachstumsgesellschaft. In: KAB Deutschlands: Zukunft der Arbeit : Nachhaltig wachsen, besser arbeiten, gut leben. Waldmünchen, 2019, S. 74-77. URL

    Blaschke, Ronald: Grundeinkommensbewegung: Keine nachhaltige ökologische Transformation ohne bedingungslose soziale Sicherung aller Menschen. In: Konzeptwerk Neue Ökonomie e.V., DFG-Kolleg Postwachstumsgesellschaften (Hrsg.): Degrowth in Bewegung(en). 32 alternative Wege zur sozial-ökologischen Transformation. München, 2017, S. 200-211. URL (englisch: URL)

    Blaschke, Ronald: Postwachstumsgesellschaft und Grundeinkommen. Berlin, 2013. URL

    Blaschke, Ronald: Postwachstumsgesellschaft und Grundeinkommen. In: Woynowski, Boris u. a. (Hrsg.): Wirtschaft ohne Wachstum?! : Notwendigkeit und Ansätze einer Wachstumswende. Freiburg, 2012, S. 135-149. URL

    Netzwerk Grundeinkommen: Umverteilen statt Vermehren. Beitrag auf der Website des Netzwerks zum offenen Brief von 238 Wissenschaftler*innen an die EU-Mitgliedsstaaten. 2018. URL

    Schmelzer, Matthias; Vetter, Andrea: Degrowth / Postwachstum zur Einführung. Hamburg, 2021.

    Rätz, Werner: Input zum Workshop „Gesellschaftliche Arbeitsverhältnisse, individuelle Arbeitszeit, Grundeinkommen und Wachstumsrücknahme“ auf der Konferenz „Grundeinkommen und Degrowth“ 19./20. Mai 2016, Hamburg. URL

    Rätz, Werner ; Meisterernst, Doris ;  Paternoga, Dagmar: Statt Verdammung „falscher“ Bedürfnisse : Demokratische Debatte über Inhalt und Gestalt der Produktion. In: Werner, Rätz; von Egan-Krieger, Tanja; Muraca, Barbara; Passadakis, Alexis; Schmelzer, Matthias; Vetter, Andrea (Hrsgg.): Ausgewachsen! Ökologische Gerechtigkeit. Soziale Rechte. Gutes Leben. Hamburg, 2011, S. 96-108. URL

    Ein Kommentar

    Gerhard Seedorff schrieb am 15.10.2022, 17:50 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

    Liebe Befürworter des Grundeinkommens für ALLE,

    Wer sich die Mühe macht, diese Aufzählung von allen in unserer Gesellschaft mit dem Grundeinkommen verbundenen Gedanken zu lesen, muss sich Fragen, warum werden keine auch einen Bürger mit Volksschulabschluss verständlichen zum Grundeinkommen führenden Konzepte bekannt gemacht? Sind unsere Vordenker dazu nicht in der Lage?

    Gerade werden Richard David Precht und Harald Welzer, die sich darum bemühten vom Mainstream der Meinungsmacher zum Abschuß freigegeben!

    Wo bleibt die Antwort des Netzwerkes Grundeinkommen?

    "Die Ehre des Menschen ist unantastbar° sagt unser Grundgesetz. Wo sind die Verteidiger, die die vielen Gesetze, die in jeder Legislaturperiode (von Lobbyisten initiierten) von unseren Repräsentanten beschlossenen Gesetze, zum Abschuß freigeben?

    Wenn wir als Maßstab den Schillerspruch mit dem Grundgesetz verbinden und verlangen, dass ein Bürgergeldgesetz IN WÜRDE LEBEN UND IN WÜRDE LEBEN LASSEN ermöglichen muss. Wenn das Netzwerk Grundeinkommen sich weiterhin bemüht komplizierte rechtliche + Soziale + wirtschaftliche + ökologische Zusammenhänge zu erklären, dann werden wir auch mit noch so vielen unterschiedlichen Initiativen das gewünschte Grundeinkommen in Deutschland nicht einführen.

    Einen Kommentar schreiben

    Erforderliche Felder sind mit * markiert.
    Bitte beachten Sie die Regeln für die Veröffentlichung von Kommentaren.

    Sie können diese HTML-Tags nutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>