„Das Grundeinkommen ist wie ein Generalschlüssel.“

Moritz Schebitz 06.05.2015 Druckversion

Enno Schmidt. Foto: privat

Enno Schmidt. Foto: privat

Der Künstler Enno Schmidt en­ga­giert sich für das Grund­ein­kom­men in der Schweiz und schuf 2008 zu­sam­men mit Da­ni­el Hä­ni den do­ku­men­ta­ri­schen Film-Es­say „Grund­ein­kom­men – ein Kul­tur­im­puls“. Kürz­lich sprach er mit dem Netz­werk Grund­ein­kom­men – über sei­ne Mo­ti­va­ti­on, die Idee hin­ter dem Film und was ein Grund­ein­kom­men für ihn per­sön­lich be­deu­ten wür­de.

Was ist Ihre Hauptmotivation, sich für das bedingungslose Grundeinkommen zu engagieren?

ES: Ich finde, dass im bedingungslosen Grundeinkommen alles zusammenkommt, was es heute braucht an Veränderungen. Es ist für mich wie ein Generalschlüssel. Denn es fokussiert allein den Menschen. Und von ihm aus alles. Das ist das, woran es meiner Meinung nach heute am meisten fehlt. Der Mensch ist für viele ja nur ein schwarzes Loch. Man braucht schon Funktionen, um etwas zu sehen. Und genau das hat keine Zukunft. Jedenfalls keine menschliche. Ich denke, dass diese Herausforderung, jeden als Menschen ernst zu nehmen, heute an der Zeit ist. Ich muss nicht aufzählen, wo das heute überall nicht der Fall ist. Wenn ich mir anschaue, was eigentlich gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen spricht, dann sehe ich auch, was ein bedingungsloses Grundeinkommen ist. Was dagegen spricht ist die Angst vor dem Menschen. Und was dagegen spricht ist die Bequemlichkeit, nicht selbst hinzuschauen, nicht selbst zu denken und sich nicht verantwortlich zu fühlen. Also, dieser Blick vom Menschen aus mit all den Aufgaben, die da anstehen, das motiviert mich.

Sie sind selbst Künstler. Was würde ein Grundeinkommen für Künstler bedeuten?

ES: Das hängt nun immer von dem Künstler ab. Das kann ich nicht für andere sagen. Aber ich glaube, Kunst betrifft ja heute viel mehr, als was im Kunstgeschehen anerkannt ist. Und so könnte ich auch sagen, das Grundeinkommen ist das Einkommen für den Künstler in jedem. Also für das, was nicht vorher berechenbar ist, für das, was mit der Freiheit der eigenen Gewissenhaftigkeit vorgeht. Und mit der Lust, etwas in Erscheinung zu bringen. Es würde sicherlich das Feld der Kunst ausweiten, Entwicklungen zulassen, die länger im Unsichtbaren bleiben, einen guten Ausgleich zur Marktorientierung schaffen.

Das Grundeinkommen hält einen im Gegenteil zu manchen anderen Einkommen nicht von der eigenen Arbeit ab. Ich würde aber nicht in diese bedauerliche Vorstellung der „armen“ Künstler gehen, die doch Geld brauchen. Sondern ich sehe, dass ein Grundeinkommen mehr Beweglichkeit und Verantwortung im künstlerischen Sinne in allen Berufen und Lebensbereichen ermöglicht. Es würde mit einem Grundeinkommen vermutlich weniger sogenannte Künstler geben als heute. Wenn sich heute 500 Leute auf 10 Studienplätze an einer Schauspielschule oder Kunstakademie bewerben, dann sind das nicht alles Maler oder Schauspielerinnen, sondern Menschen, die einen Weg suchen, nicht gleich in einem Funktionsgetriebe begraben zu werden, sondern sich vertiefen, ausprobieren und entwickeln zu können, dem näher zu kommen, worum es ihnen wirklich geht. Ich sage jetzt mal etwas pathetisch: Freiheit ihrer Seele zu leben. Das ist aber gleichzeitig Sorgfalt und Initiative. Das ist auch Moral. Ich denke, dass ein künstlerisches Vorgehen überall durch die Menschen mehr stattfinden könnte mit einem bedingungslosen Grundeinkommen und mit einer freieren Lebensperspektive von Beginn an.

Nächstes Jahr wird es in der Schweiz eine Volksabstimmung zum Grundeinkommen geben. Wie schätzen Sie die Erfolgschancen ein?

ES: Das wird voraussichtlich im zweiten Halbjahr 2016 sein. Der Erfolg ist erst mal, dass durch die erfolgreiche Volksinitiative in der Schweiz sehr viele Menschen mit der Idee in Berührung gekommen sind, viel auch in den Medien berichtet wurde, viel auch weltweit. Dass es da zum ersten Mal ein ganzes Land gibt, in dem die Bürgerinnen und Bürger abstimmen, sich abstimmen, austauschen und bestimmen, ob ein Grundeinkommen für alle, nicht nur für einige, nicht für eine Klientel, sondern für jeden eingeführt wird, das ist, denke ich, ein Erfolg. Ich sage das, weil ich auf den Prozess hinweisen will, nicht auf ein fixes Ergebnis. Das gehört zur Demokratie, und das ist für mich etwas Wichtiges, neben den Entscheidungstreffern auf das ganze Spiel zu verweisen. Wenn wir diesmal nicht gewinnen, dann das nächste Mal. Viele wichtige Fragen haben in der Schweiz mehrere Abstimmungen gebraucht, bevor sie ein mehrheitliches „Ja“ fanden. Wir wollen natürlich beim ersten Mal gewinnen. Aber schon wenn mehr als 30 Prozent mit „Ja“ stimmen, wäre das in meinen Augen ein Erfolg. Das verändert schon viel. Ich denke, man darf den Prozess nicht unterschätzen. Und die Sache liegt in den Händen der Bevölkerung.

Vor einigen Jahren haben Sie einen Film gedreht zum Thema. Wie kam es zu der Idee?

ES: Ich sah, dass es zum Grundeinkommen lauter Bleiwüsten gibt. Also lauter schwarze Buchstaben auf Papier oder im Internet. Ich wollte diese Idee des bedingungslosen Grundeinkommens einmal zumindest halbwegs rund darstellen. Das fehlte mir auch bei den vielen übrigen Meldungen. Es war immer nur ein winziger abgerissener Ausschnitt. Darum habe ich mit Filmen begonnen und mich dann an die Arbeit zu diesem großen Film gemacht. Es kam also zu dieser Idee, weil ich etwas Sinnlicheres wollte als Buchstaben und etwas Umfassenderes als abgerissene Schlagzeilen.

Sind weitere große Projekte zum Grundeinkommen für die nahe Zukunft geplant?

ES: Im Moment noch nicht. Das ist in der Vorbereitung.

Wie schätzen Sie den Stand der Debatte in Deutschland ein?

ES: Da muss ich sagen, da fehlt die direkte Demokratie. Etwa 80 Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind dafür, aber es gibt sie noch nicht auf Bundesebene. In der Schweiz sind nicht unbedingt mehr Menschen für ein bedingungsloses Grundeinkommen als in Deutschland, aber in Deutschland fehlen die demokratischen Instrumente, um das für alle auf die politische Agenda zu setzen. Ansonsten finde ich die Debatte in Deutschland sehr weit vorgeschritten. Zum einen durch das Netzwerk Grundeinkommen und weitere Gruppen, zum anderen durch Persönlichkeiten wie Katja Kipping, Götz Werner, Susanne Wiest oder jetzt Michael Bohmeyer.

Was ich auch beobachte ist, wie sehr Hartz IV in die Debatte mit hineinspielt. Dass also manche das Grundeinkommen vertreten, als ginge es gegen Hartz IV, gegen die Armut, gegen die Ungerechtigkeit. Das ist natürlich richtig, aber das ist nicht das bedingungslose Grundeinkommen. Das ist nicht für irgendwelche Umstände, das ist nicht eine Teillösung, das ist überhaupt keine Lösung, das ist für jeden und wirft auch jeden auf sich selbst zurück. Das ermöglicht mehr Lösungen durch die Menschen. Aber irgendein Teilaspekt, der kann auch ohne ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle gelöst werden. Man darf nicht vergessen: für alle. Sonst landet man in Grabenkriegen. Die zementieren die Verhältnisse.

Das Grundeinkommen ist nicht zum Stopfen alter Löcher. Das Grundeinkommen ist für mich der eine eigene Schritt in Freiheit, der in den meisten Lösungsversuchen fehlt. Weswegen sie nichts lösen. Wenn man das Grundeinkommen selbst zu einer bestimmten Lösung macht, schaltet man genau diesen einen freien Punkt wieder aus. Das ist weltweit so, aber das halte ich für eine Sackgasse, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen auf die Lösung bestimmter Probleme reduziert wird. Besonders auf das der Armut. Das ist ganz einfach, das man gegen etwas ist und auf der Seite der Guten steht. Aber das bedingungslose Grundeinkommen verlangt viel mehr und ist viel mehr. Es kommt nur für alle.

Wie würde sich ein Grundeinkommen für Sie persönlich auswirken?

ES: Es wäre natürlich eine andere Sicherheit, auch eine andere Planbarkeit. Das nähme einen Grundstress aus der Sache, der nicht in der Sache selber liegt, die man macht, sondern der in der Zukunftsperspektive liegt, nicht zu wissen, wovon man eigentlich in ein oder zwei Jahren leben soll. Das ergibt sich zwar – hoffentlich – immer, aber es wäre doch erheblich besser, eine Basis wäre immer da.

5 Kommentare

Bernd Hartmann schrieb am 07.05.2015, 10:06 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Zwei Dinge gilt es zu beachten:

1. Das Grundeinkommen darf es auf keinen Fall Regierungen oder sonstwem ermöglichen, Druck auf Menschen auszuüben.

2. Es muss verhindert werden, dass Politiker das Grundeinkommen unterstützen, um es an die Wand zu fahren und es als Irrtum der Geschichte für immer in der Schublade verschwinden zu lassen.

corinna jochens la mare schrieb am 07.05.2015, 13:38 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Das BGE stellt eine Brücke in etwas Neues dar. Es ist, das wird im Interview deutlich, keine Lösung für bestehende Probleme. Erst die Umsetzung wird zeigen, wo das bestehende System änderungsbedürftig ist. Dann stehen Politiker vor Fakten, die sie weniger leicht ignorieren können als die derzeitigen oft spekulativen Argumente.

Andreas Peschka schrieb am 08.05.2015, 15:26 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

In Sachen Kunst sähe ich eine Befreiung, da das Problem mit dem Mainstream (gefallen müssen) und der dauernden Kontrolle durch Antragstellerei (Interessen genügen) gelöst würde. Aber ich befürchte, dass eine solche Menge Geld Phantasien wecken wird, wie es "abzuernten" wäre. Was nützt das Grundeinkommen, wenn im selben Zuge die Mieten, Medikamente, was auch immer an die neue Zahlungsfähigkeit angepasst würden? Grundeinkommen als bequeme, verwaltungskonforme Hilfe zum Lebensunterhalt, wäre zu wenig.

Norbert Prümm schrieb am 16.05.2015, 11:50 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Ich möchte auch folgende Internetseite von Dirk Schumacher empfehlen:

https://sicher2.bge-kreise.de/bge_netzwerk/

Kalupner, Rüdiger schrieb am 25.06.2015, 16:13 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Es gibt die evolutionslogische BGE-Variante, von mir KREATIV-Lohn/-Zweiteinkommen genannt, die bei der ökologischen (UM-)Finanzierung ansetzt und den Produktivitätsfortschritt an alleverteilt, d.h. die Tariflohnerhöhung der Großgewerkschaften ersetzt und allein von den Energie- und Sachkapitalnutzern finanziert wird. Das ist ein verteilungsrevolutionäres BGE auf Kosten der Kapitalstockanbieter und Kapitalzinseinkommen und der Energiemächtigen in den Erdölstaaten. Der Barrelpreis am Bohrloch würde ständig fallen, während der Preis an der Tankstelle ständig stiege. Einfach und genial und revolutionär. Alle Fehlentwicklungen in den Industriestaaten wären gestoppt, und die Kosten dieser Problemberge einlschließlich der Dickleibigkeits-/Krankheitskosten gingen - wegen wachsender Fahrradkultur in den Städten - drastisch zurück.

Der KREATIV-Lohn ist der evolutionseigene Hebel für den Exodus aus dem globalen 2%-Wachstumszwang-Regime der Kapitalstockmaximierer, d.h. der Systemabsturzkrise dieses 2%-Regimes. Er ist in Deutschland schon machtpolitisch getestet. Er ist ein Selbstläufer. Er mssß nur als BGE-Variante bekannt werden. Die Regierung in Finnland wird sich sicherlich mit dem evolutionsmächtigen und -genialen KREATIV-Lohn beschäftigen.

Rüdiger Kalupner, Unternehmens- und Regierungsberater in Sachen Epochenwende unter die Ordnung des KREATIVEN Evolutionspfades. www.die-kreativen-partei.de

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