Webserie von Arte/BR: Einfach gut Leben

Baukje Dobberstein 07.01.2019 Druckversion

Arte und BR haben eine interaktive Webserie rund ums Grundeinkommen produziert. Den Seitenbesuchern werden eine Reihe von Fragen gestellt, mit Kurzinfos zum Grundeinkommen, guten Leben sowie zum persönlichen Verhältnis zu Arbeit, Geld und Glück. Die Webserie umfasst zudem sieben kurze Videos, die über bestehende Experimente oder Projekte mit bedingungslosen Geldzahlungen, alternative Gesellschaftsformen und unser Verhältnis zur Arbeit berichten sowie einen Ausblick auf die Weiterentwicklung der Digitalisierung geben.

Das gute Leben

Im Stamm der Eastern Band Cherokee Indians werden die Einnahmen des Casinos seit über 20 Jahren bedingungslos und zu gleichen Teilen an die Stammesmitglieder verteilt. Inzwischen ist die zweimal jährlich ausgezahlte Summe auf umgerechnet rund 660 Euro monatlich angestiegen. Das entspricht 20 Prozent des monatlichen Durchschnittseinkommens und reicht schon fast für ein bescheidenes Leben. Die Glücksspiellizenz ist für manche nur ein schwacher Trost angesichts der vergangenen Verbrechen, die an den Ureinwohnern Amerikas begangen wurden. Anfangs war es eine Umstellung und die Stammesmitglieder mussten erst lernen, zwischen echten Bedürfnissen und nebensächlichen Wünschen zu unterscheiden. Die meisten haben das geschafft, doch natürlich gibt´s auch hier, genauso wie überall, negative Beispiele. Gearbeitet wird, trotz des Grundeinkommens, auch für Geld. Allerdings mit weniger Druck und mehr Sicherheit. In schweren Zeiten hilft das Geld, verschafft Zeit für neue Wege, weil es für das Nötigste immer reicht. Eine Untersuchung der Duke University hat ergeben: Psychische Gesundheit und Erziehungsqualität haben sich verbessert; Kriminalität, Drogenmissbrauch, Stress und Angst sind zurückgegangen. Die Pro-Kopf-Prämie passt gut zur jahrhundertealten Kultur des Stammes, in dem die Menschen füreinander sorgen und nicht nur an sich selbst, sondern bis in die siebte Generation nach ihnen in die Zukunft denken.

Geld ist Macht

In einem kleinen Dorf im Westen Kenias testet die NGO GiveDirectly, die von privaten Spendern aus dem Silicon Valley finanziert wird, eine andere Form der Entwicklungshilfe. Dort besteht kein staatliches Sozialsystem, gibt es keine kostenlose Bildung und kann ein krankes Kind eine Familie an den wirtschaftlichen Abgrund bringen. Seit Oktober 2016 erhalten die Einwohner für 12 Jahre monatlich 22 Dollar. Bis dahin lebten die meisten von einem Dollar pro Tag. Auch hier haben die Bewohner schnell gelernt, das zusätzliche Geld klug einzusetzen, obwohl sie vorher noch nie so viel auf einmal besessen haben.

Aber noch etwas anderes hat sich verändert: Durch die individuelle Zahlung, auch an die Frauen, haben sich die Machtverhältnisse in den Familien verändert, sodass wirtschaftliche Entscheidungen neuerdings gemeinsam getroffen werden. Damit sind nicht alle einverstanden und auch Neid spielt eine Rolle, vor allem bei den umliegenden Dörfern, die nichts bekommen. Im Dorf selbst hat sich ein Sparverein gegründet, um Einzelnen auch Kredite für größere Investitionen zu ermöglichen. Zugang zu Geld und Land haben sich verändert.

 Die Utopie der Realisten

Im Kibbuz Samar wird alles Geld bedingungslos geteilt. Jeder der 100 Bewohner kann nicht nur kostenfrei wohnen, essen und Auto fahren, sondern erhält auch eine Kreditkarte für den Konsum darüber hinaus. Dafür zahlt jeder ein, was er verdient hat. Vor allem die Dattelplantage des Kibbuz trägt zum gemeinsamen Einkommen bei. Seit 42 Jahren wird dort das Prinzip der Eigenverantwortung und des gegenseitigen Vertrauens gepflegt. Allerdings stößt es auch immer wieder an die Grenzen der Kommunikation und des finanziell Möglichen. Im Unterschied zu anderen Kibbuzen gibt es keine Autorität, die über die anderen bestimmt. Solange es durch die Datteln genug zu verteilen gab, klappte das problemlos. Doch Knappheit führte zu Sanktionen innerhalb der Gemeinschaft.

Ähnlich wie manche Grundeinkommensbefürworter bezeichnen sich die Bewohner von Samar auch als Könige, zwischen denen Partnerschaften bestehen. Jeder ist ein König, genau wie alle anderen. Jeder entscheidet selbst darüber, wie sehr er sich einschränkt und Verantwortung für andere  übernimmt.

Die staatenlose Gesellschaft

Die Gründer von „Bitnation“ wollen einen virtuellen Staat schaffen, der territorial unabhängig ist und auf Anreizsysteme statt Strafen setzt. Sie wollen Regierungen überflüssig machen, indem sich die Mitglieder der virtuellen Gemeinschaft gegenseitig kontrollieren. Nach den Erfahrungen mit Anarchie in Kriegsgebieten wie Afghanistan haben sie eine App entwickelt und schon mehrere Millionen Dollar an Spenden eingesammelt. Das Ganze basiert auf einer Blockchain-Technik, ähnlich wie Bitcoins. Das Bewertungssystem soll dazu motivieren, Gutes zu tun und davon auf verschiedene Weise zu profitieren, und irgendwann vielleicht sogar jedem ein Grundeinkommen ermöglichen.

Die Initiatoren glauben nicht an ein Grundeinkommen durch den Staat oder Unternehmen, sondern wollen es sich gegenseitig verschaffen, unter anderem durch unbezahlte Arbeit. Und für die globalen Clickworker und Internetarbeiter eine Basis der Zusammenarbeit schaffen. Es geht also darum, unabhängig zu werden von den wenigen Mächtigen in der Welt, die in Regierungen und Banken sitzen. Doch mehr Unabhängigkeit vom Staat erfordert mehr Verantwortungsgefühl füreinander.

Der Sozialvertrag

In 19 französischen Departements sollen Experimente mit partiellen  Grundeinkommen durchgeführt werden. Das größte tatsächliche Problem des französischen Sozialsystems ist inzwischen nicht mehr die Altersarmut, sondern sind eine Jugendarbeitslosigkeit von 25 Prozent und Kinderarmut. In zwei Gruppen sollen 20.000 Teilnehmer, die Einkommen unterhalb eines bestimmten Betrags haben entweder 460 oder 725 Euro monatlich erhalten. Die Wissenschaftler wollen wissen, ob diese Art der Armutsbekämpfung den (Wieder-)Einstieg in die Erwerbsarbeit erleichtert, gerade weil  im heutigen System (mehr) Erwerbsarbeit nicht automatisch zu mehr Geld führt. Entscheidungen sollen nicht nur danach getroffen werden, welchen Effekt sie auf staatliche Leistungen haben, sondern mehr dem persönlichen Potential und einem echten Ziel folgen. Und auch verdeckte Armut soll reduziert werden, um keinen mehr aus der Gesellschaft auszuschließen. Das mit Bürgerbeteiligung entstandene Projekt ist ein fertiges Paket, das die Regierung jedoch noch nicht beschlossen hat. Angesichts der recht geringen Höhe und Bedürftigkeitsbindung, die der Bedingungslosigkeit zuwiderläuft, gefällt es nicht jedem.

Arbeit ist Leben

Japan ist eine fleißige Arbeitsgesellschaft, in der sich der Tod durch Überarbeitung, „Karoshi“ genannt, häuft. Das anonym getwitterte Manga „Kündige deinen Job, bevor zu stirbst“ hatte eine erstaunliche Resonanz. Stressjobs sind weit verbreitet, Suizidgedanken gehören zum Alltag. Existenzangst und schlechte Arbeitsbedingungen zerstören die psychische Gesundheit, zumal Menschen mit Depressionen und Angst stigmatisiert sind. Einsatzbereitschaft, Demut und Freundlichkeit sind japanische Tugenden, die den Menschen jedoch Schaden zufügen und Leben verhindern, wenn jegliches Maß verloren geht. Schon der Begriff einer Work-Life-Balance löst in der japanischen Wirtschaft Skepsis aus. Die Forderungen der Arbeiterschaft nach Freizeit sind heutzutage deutlich geringer als noch vor 100 Jahren. Ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte dieses Problem lösen, ist aber aktuell noch schwer vorstellbar.

Digitalisierung als Chance

Der Spot „Hand in Hand“ weist auf Prognosen hin, nach denen im Zuge der Digitalisierung zwischen 10 und 50 Prozent aller Tätigkeiten automatisiert werden können – und das in allen Sektoren und Tätigkeitsfeldern. Eine großzügige Robotersteuer der Technologiefirmen könnte diesen Wandel von der Vollbeschäftigung zur Vollautomatisierung ermöglichen, indem sie alle Staatsausgaben, inklusive eines Grundeinkommens, finanziert. Die Effizienz der Roboter würde dann zum Gewinn für alle.

Aus Zuschauerperspektive

Am Beispiel der Cherokee wird mir als Zuschauer vor Augen geführt, dass selbst ein partielles Grundeinkommen (unterhalb der Armutsgrenze), das für sich genommen noch nicht zum Leben reicht, erhebliche positive Auswirkungen haben kann. In Kenia kommt das Geld von außen und unterscheidet sich damit von einem Grundeinkommen, das aus der Gesellschaft selbst heraus getragen wäre. Die Erfahrungen im Kibbuz und bei Bitnation verdeutlichen, dass Freiheit und Verantwortung zwei Seiten derselben Medaille sind; ein Aspekt, der bei der Diskussion ums Grundeinkommen nicht immer so deutlich herausgearbeitet wird.

Die Planungen in Frankreich werfen die grundsätzliche Frage zum Grundeinkommen auf, ob eine gleiche Pauschale für alle ein besseres Werkzeug ist als eine Leistung, die bedarfsabhängig ist und sich eher daran orientiert, ein gleiches Ergebnis herbeizuführen. Für echte Chancengleichheit ist ein Mindestmaß an Sicherheit erforderlich, wohingegen ein System, das das gleiche Ergebnis anstrebt, leistungsfeindlicher ist und dann nach einer Unterscheidung zwischen mutwilliger und unverschuldeter Bedürftigkeit schreit.

Japan hingegen schießt bei der Leistungsidealisierung weit übers Ziel hinaus, die Humanität bleibt auf der Strecke. Und das kann uns auch durch die Roboter blühen, wenn wir es nicht schaffen, die Digitalisierungsgewinne zu einem Gewinn an Lebensqualität für alle zu nutzen.

2 Kommentare

Robert Bleilebens schrieb am 07.01.2019, 18:31 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Eine sehr gut gestaltete und informative Webserie über das Thema gutes Leben! Ganz toll ist der Bericht über die Cherokee-Indianer, die einen Pro-Kopf-Scheck von 6.000 Dollar an alle Mitglieder des Reservats zweimal jährlich auszahlen (insgesamt 12.000 Dollar pro Jahr). Nicht ganz existenzsichernd, aber doch sehr hilfreich im Alltag! Das entspricht deren jahrhundertealten Tradition, für alle zu sorgen. Und ganz wichtig ist bei den Cherokee-Indianern die 7-Generationen-Regel: Handle in der Gegenwart so, daß auch die 7. nachfolgende Generation gute Lebensbedingungen hat. Das sollte man in das Grundgesetz aufnehmen! Mehr braucht man nicht über Umweltschutz, Klimaschutz und Nachhaltigkeit hineinzuschreiben - das leitet sich alles von dieser Regel ab! Es ist sehr beeindruckend, auf wie einfache und zugleich doch wirkungsvolle Weise die Cherokee-Indianer Nachhaltigkeit definieren! Den ganzen Klimbim mit prozentualen Reduktionszielen beim CO2 usw. brauchen sie nicht - und doch funktioniert das viel besser! Das finde ich sehr beeindruckend!

Vinzent Storz schrieb am 11.01.2019, 00:22 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

"Digitalisierung als Chance" – so soll es sein! Problem war: Maschinen zahlen keine Lohnsteuer, obwohl sie dramatisch viel mehr arbeiten als der Mensch - wie fleißige Schwarzarbeiterinnen, massenhaft. 'Liberal' lässt sich's ändern. Nachträglich kann ein gemäßigt liberales Modell mit anderen kombiniert werden. Lösung frei nach Götz Werner: - - - Höhere Mehrwertsteuer statt Lohnsteuer als plus-minus-NULL - - - Erst ohne die Lohnsteuer (LSt) versteht man jedes resultierende BGE wirklich. Ein substitutives KonsumSteuer-finanziertes BGE ist "keine" Umverteilung von Reich nach Arm - eher eine von Hi-Tech nach Low-Tech. Von 'Tech' nach Mensch. Denn Mehrwertsteuer (MwSt), dh KonsumSteuer, unterscheidet nicht ob Mensch oder Maschine die Arbeit machte. Keiner soll durch Wegfall der LSt mehr Lohn bekommen, sondern die Arbeitskosten sinken. Der Endpreis bleibt gleich durch die höhere MwSt. Genauso ginge das mit BGE. Ein Teil des Einkommens wird durch BGE ersetzt. Die Schwelle, Nein sagen zu können, sinkt mit BGE. [...] [Gekürzt]

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