Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Krise des Kapitalismus

Günter Sölken 08.06.2009 Druckversion

Wie immer man den aktuellen Störfall im globalen Kapitalismus auch bezeichnen mag, die Gefahr ist groß, dass der Patient in einer aufwendigen und teuren Operation gerettet, den Ursachen aber gar nicht auf den Grund gegangen wird. Und der Patient macht anschließend weiter wie zuvor, vielleicht mit 10 Zigaretten (oder ein paar riskanten Finanztransaktionen) weniger am Tag. Wenn der Lungenpatient X nach einer solchen OP weiterqualmt, ist das ja vielleicht noch seine Privatsache. Wenn die Fondsmanager und Finanzartisten ihr Unwesen weiter treiben, betrifft das dagegen alle.
Der demokratische Rechtsstaat bietet eine Reihe von Möglichkeiten, ihnen Einhalt zu gebieten. Werden sie genutzt? – Ich denke, nein. Die Regierungen (das Ärzte- oder Operationsteam) weiß zwar mit dem Skalpell umzugehen, hat aber die Fortbildung in präventiver Medizin regelmäßig ausfallen lassen.
So ist ihnen viel entgangen:

  • Sie haben die technologischen Fortschritte und Rationalisierungsfortschritte bejubelt, ohne zu erkennen, dass damit für immer mehr Menschen unwiederbringlich ihre Einkommensquelle weggebrochen ist. – Die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen haben sie nicht verstanden und deshalb behaupten sie, es führe in eine nicht zu finanzierende Hängematten-Gesellschaft.
  • Sie haben ökonomisches Wachstum als Wundermittel für nahezu jedes anstehende Problem eingesetzt. Den Beipackzettel mit den Nebenwirkungen haben sie statt zu lesen gleich weggeschmissen. Darin stand einiges zur Übersättigung von Märkten, Umweltverschmutzung, Ozonloch und Klimakatastrophe, was sie alles nicht zur Kenntnis genommen haben.
  • Von einer drohenden Klimakatastrophe haben sie dann doch aus der Zeitung erfahren, aber die Artikel nicht zuende gelesen. Sonst hätten sie erfahren, dass sie mit dem Ausbau der Kernenergie eine ökologische Zeitbombe zünden, die Hunderte von Generationen mit einem Untergangsszenario bedroht.
  • Sie haben ignoriert, dass die Zeit des Individualverkehrs mit dem Auto ablaufen könnte, erkennen nicht mal, dass die Finanzkrise die Probleme dieser Branche nur beschleunigt, aber nicht ausgelöst hat. Statt in den öffentlichen Verkehr zu investieren, stecken sie viel Geld in Operationen an einem sterbenden Patienten.
  • Sie feiern die Globalisierung und die Europäisierung als Siegeszug von Demokratie und Freiheit. In den globalen und europäischen Gremien bekämpfen sie demokratische Mitwirkung, Kontrolle und Steuerung aber so, als wäre das der Krebs. Lieber senden sie in die Gremien Vertreter von Konzernen und Finanzlobbyisten. Und im Europaparlament, das eigentlich im demokratischen Zentrum stehen sollte, genießen viele abgewirtschaftete Politiker ein vorgezogenes Ruhegeld. Und die europäische Verfassung wird verordnet, aber nicht zur Wahl gestellt.

Völker Europas, befreit Euch! Schickt die Ärzte zur Fortbildung oder besser gleich nach Hause. Und macht Euch endlich selbst kundig. Denn ihr seid die Experten für Demokratie und habt das vielleicht nur gerade vergessen.

Günter Sölken

7 Kommentare

Lothar Mickel schrieb am 09.06.2009, 17:09 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Ein sehr guter Beitrag von Günter Sölken - kurz und prägnant auf den Punkt gebracht! Nur wie überwindet man die verknöcherte parlamentarische Bürokratie (nicht Demokratie) mit Parteienfilz, Lobbyismus und Fraktionszwängen? Wie gelangen wir zu einer realen Basis-Demokratie? Können Volksentscheide den Parlamentarismus ersetzen? Kann es einen Parlamentarismus OHNE Parteien geben? Nur Antworten auf diese Fragen bringen uns voran. Ich stelle diese hiermit zur Diskussion!

Jörg Drescher schrieb am 09.06.2009, 19:32 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

... Das Problem der vielgelobten Demokratie scheint nach Deinem Schlussappell: Der Einzelne hat keine Chance und muss sich der Masse beugen, wobei Du ihn hierzu zählst. In einer intakten Familie, die eine Wanderung in den Bergen macht, wird man sehr wahrscheinlich auf die Warnung des Kleinsten hören. Sag mir bitte das rechtsstaatliche demokratische Mittel, mit dem ich Deine Warnung weitergeben kann. Warum das aber nicht klappen wird: schon viel zu viele haben sich beschwert - zu oft aus fadenscheinigen Gründen. Wie der Kleine in den Bergen aus Spaß an der Freude zu warnen beginnt, muss man sich vor den Querulanten schützen. ...

Reinhard Börger schrieb am 12.06.2009, 09:05 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

... in der Sache würde ich Günter Sölken hundertprozentig Recht geben, aber ich würde nicht von einer Krise des Kapitalismus sprechen, da die Krise mit der Verfügungsmacht über Produktionsmittel wenig zu tun hat. In der Vergangenheit gab es gerade in den sich so nennenden sozialistischen Ländern besonders viel Verschwendung; auf Umelteffizienz wurde wenig Wert gelegt.

syna schrieb am 30.06.2009, 22:15 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Sehr schöne Analogie mit dem "kranken Patienten". Allerdings muss man auch etwas auf die Details gucken: Die Regulierung von Hedge-Fonds stieß bisher bei den Briten und den USA auf Widerstand, weil die z.Zt. registrierten Hedgefonds in ihren Ländern eben Steuern zahlten ... im Detail ist es nicht ganz so einfach. Trotzdem hoffe ich auf Obamas Durchsetzungsfähigkeit. Hinzufügen würde ich noch den Punkt "Gesundheitsreform" - auch hier haben sie nicht begriffen, dass eine Reform natürlich für Patienten gemacht werden muss, nicht aber für Pharmafirmen, KV und PKVs.

Klaus Neudek schrieb am 11.07.2009, 08:05 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Beim nächsten internationalen Grundeinkommenskongress sollten unbedingt hochrangige Vertreter aus Afrika dabei sein. Denn die Finanzhilfe der G8 schafft dort zwar Hilfe für die Bauern zur Selbsthilfe, aber es werden auch neue Abhängigkeiten geschaffen. Es gibt dann Großbauern, Großhändler und wieder eine Vorherrschaft. Das BGE muss auch in Afrika besser bekannt gemacht werden. Genauso sollten berühmte Politiker mit dem BGE vertraut gemacht werden, wie z.B. Herr Gorbatschow. Große Namen sollten sich mehr fürs BGE einsetzten; jedoch müssen diese erst darüber informiert werden.

zyantgrün schrieb am 11.08.2009, 10:46 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Leider haben "berühmte" Politiker nicht immer den Blick frei für solche wichtigen Projekte! Sogar in diesen Wahlkampfzeiten, wo gerade diese Seiten der Krise beleuchtet gehören, finden nur die Mainstreamthemen Platz im Parteiprogramm.....

pasodelobo schrieb am 26.08.2009, 18:54 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Günther Sölken hätte besser seinen letzten Absatz beherzigt und sich selber kundig gemacht. Sein Titel impliziert, daß die Finanzkrise und die folgenden Probleme im Wirtschaftssystem Ergebnisse einer "Krise des Kapitalismus" seien. Tatsächlich ist die Krise eine Folge der vielfachen Instabilität im Bankensystem: Wer Betriebswirtschaft studiert kann dabei lernen, daß es eine Fristenkongruenz zwischen den beiden Bilanzseiten geben soll. Stattdessen finanzieren die Banken Hypotheken mit hereingenommenen Tagesgeldern. Auch ohne Betriebswirtschaft zu studieren, kann man wissen, daß es sehr zweifelhaft ist, mit Kundengeldern ins Spielcasino zu gehen, und Roulette zu spielen. Aber daß Banker z. B. Wetten auf den DAX veranstalten und dabei den Bankhalter geben, soll erlaubt sein? Schließlich wurde es schlechter Brauch, die Risiken die die "Zocker in Nadelstreifen" eingegangen sind, auch noch in Zweckgesellschaften zu verstecken und so die Kunden und die Öffentlichkeit über die Spielchen zu täuschen. Ich hätte die Burschen in Ketten gelegt und versucht, sie wegen Untreue und Betrug dranzukriegen.

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