Mit dem Grundeinkommen zur Befreiung von der Arbeit

Robert Ulmer 08.07.2017 Druckversion

1. Grundeinkommen von der Arbeitsbereitschaft entkoppeln

Der Vorschlag des bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) trifft regelmäßig auf die Kritik, dass mit Grundeinkommen die Arbeits­bereitschaft stark zurückgehen werde. Was wäre, wenn niemand mehr arbeiten würde – alles würde zusammenbrechen. Viele Grundeinkommensbefürworter antworten diesen Kritikern, sie hätten das falsche Menschenbild. In Wirklichkeit würden mit Grundeinkommen die Menschen sehr gerne weiter arbeiten wollen, nur eben nicht mehr unter Zwang, sondern intrinsisch motiviert. Auch die diversen Grundeinkommensexperimente haben das Ziel zu zeigen, dass die Arbeitsbereitschaft mit Grundeinkommen erhalten bleibt. Jedoch bleiben die Grundeinkommensbefürworter mit dieser Argumentation einem Arbeitsethos verpflichtet, das mit dem Grundeinkommen gerade herausgefordert werden könnte.
Diese Anerkennung des Arbeitsethos durch die BGE-Befürworter ist ein sehr weit gehendes Entgegenkommen zum gesellschaftlichen Mainstream. Zudem ein Entgegenkommen, das auf wackeligen Füßen steht – es unterschätzt die Tragweite der Bedingungslosigkeit des Grundeinkommens. Es ist wichtig, die durch das bedingungslose Grundeinkommen bewirkte Entkopplung von Arbeit und Einkommen auch mental zu vollziehen: als Entkopplung von Einkommen und Arbeitsbereitschaft. Denn das autoritäre Prinzip unserer heutigen Lohngesellschaft – keine Leistung ohne Gegenleistung – gilt dann nicht mehr. Das bedingungslose Grundeinkommen wird nicht nur ZUR Arbeit, sondern auch VON der Arbeit befreien und dadurch auch DIE Arbeit befreien.

2. Schluss mit der Erpressung durch die Armuts-Drohung

Die heutige Arbeitsgesellschaft beruht darauf, dass es den Arbeitslosen schlecht geht. Dies treibt die leicht ersetzbaren Arbeitskräfte in eine Unterbietungskonkurrenz. Die Arbeitslosen tun alles, um arbeiten zu dürfen und sind insofern die stramm stehende Reservearmee[1]. Bedroht von harter Armut und dementsprechend eingeschüchtert sind sie bereit, alle erdenklichen Anweisungen zu befolgen. Sie befinden sich in dem Zustand der Befehlserwartung[2]. Dieser unwürdige Zustand wäre beendet, wenn mit dem Grundeinkommen für alle die Armut abgeschafft wäre. Dann könnten die Arbeitslosen nicht mehr zur Arbeit erpresst werden.

3. Ausstiegsoption als Voraussetzung und Anreiz für Gute Arbeit

Die Ausstiegs-Option, die das Grundeinkommen anbietet, verändert die Geschäftsgrundlage des Arbeitsmarktes. Anstelle der Armutsdrohung, die uns einschüchtert und uns auch einschüchtern soll, hätten wir den finanziellen Bürgersteig des Grundeinkommens. Heute erscheint dem Einzelnen die Erwerbsarbeit als alternativlos, „jeder Job ist besser als Hartz IV.“ Entsprechend schlecht ist die Verhandlungsposition der Lohnabhängigen. Mit der Möglichkeit, ohne Erwerbsarbeit ein glückliches Leben führen zu können, verbessert sich die Verhandlungsposition von Grund auf. Schlechte Kompromisse sind nicht mehr nötig, Gute Arbeit kann ausgehandelt werden. Heute herrscht die autoritäre Absicht, die Anreize zur Aufnahme von Erwerbsarbeit zu erhöhen. Auch das Grundeinkommen ist ein Anreiz: für mehr Gute Arbeit. Denn die Unternehmerinnen, Kundinnen und Auftraggeberinnen, werden etwas bieten müssen, wenn sie Menschen für sich arbeiten lassen wollen. Bei Arbeiten, die wegen ihres Inhalts unverzichtbar sind, wie z.B. in der Pflege, werden dann die Arbeitsbedingungen deutlich verbessert werden müssen. Und manche Arbeiten werden schlicht und einfach mit sehr viel höheren Löhnen entschädigt werden müssen. In der kapitalistischen Arbeitsmarktpolitik hieß es „runter mit den Ansprüchen, damit es Arbeit für alle gibt“, in der Grundeinkommensgesellschaft heißt es „rauf mit den Ansprüchen, damit es ein gutes Leben für alle gibt“.

4. Das Leben ist zu kurz für miese Jobs

Das Grundeinkommen eröffnet die Perspektive einer Welt ohne miese Jobs. Mit dem Grundeinkommen stellen wir uns gegen das selbstgerechte und zufriedene Einverstandensein mit einer Welt, in der es „nun mal“ unattraktive Jobs geben müsse. Eine selbstgerechte Haltung, die sich als klug, illusionslos, unbequem und mutig ausgibt und gern von Leuten geäußert wird, die solche Jobs von oben herab loben und nicht im Traum daran denken, diese Jobs selber zu machen. Sie sind hochzufrieden mit der Aufrechterhaltung eines Druckes, der den Zwang zu den unattraktiven Jobs nach sich zieht. Genau deshalb sind sie gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen. Denn das BGE wäre der entscheidende Freiheitsgewinn, der es allen ermöglicht, Nein sagen zu können, und das sowohl zu unattraktiven Jobs als auch  zu allen anderen Zumutungen, die den ökonomisch Schwächeren heute „angeboten“ werden. Das Grundeinkommen wäre der eleganteste Weg zur Abschaffung aller miesen Jobs – nicht top-down, d.h. nicht als Planung von oben, sondern bottom-up, aus der Freiheit derer, die die Jobs machen könnten oder eben auch nicht.

5. Produktivitätsfortschritt ermöglichen

Wenn die Menschen danach gehen können, welche Arbeit sie selber als Gute Arbeit erleben und welche als unattraktiv, werden sie tendenziell unattraktive Arbeiten mit höheren Lohnforderungen verteuern. Deshalb wird es einen Anreiz dahingehend geben, vor allem jene Arbeiten mittels Produktivitätsfortschritt abzuschaffen, die von den Beschäftigten als schlechte Arbeit erlebt werden und nun nur noch teuer angeboten werden. Das Grundeinkommen setzt deshalb einen Impuls zugunsten weiterer Produktivitätsfortschritte. Lange wurde behauptet, der Produktivitätsfortschritt stoße an seine Grenze, und es gebe einen großen Bereich an Arbeiten, in denen die Produktivität nicht steigen werde. Wenn die Entwicklung der Produktivität nur schwach ist, so kann dies auch daran liegen, dass Menschen vermehrt zu unproduktiver Arbeit gezwungen werden. Je mehr dieser Zwang durch Schritte zu einem BGE aufgehoben wird, desto mehr wird unproduktive Arbeit durch Produktivitätsfortschritt wegrationalisiert. Kapitalistische Produktivität ist dadurch motiviert, dass Unternehmer Arbeitskosten einsparen wollen. Die postkapitalistische Produktivität einer Grundeinkommens-Gesellschaft entsteht – auch – aus dem Ziel der Arbeitskräfte, sich unangenehme Arbeit zu ersparen. Arbeit wird in dem Maße entbehrlich wie Produktivitätsfortschritt uns die Arbeit abnimmt.

6. Schluss mit der moralischen Spaltung der Arbeitslosen: Leistungsverweigerung befürworten

Die Grundeinkommensidee bricht mit einer alten Tradition. Die Unterscheidung der würdigen von den unwürdigen Armen zieht sich durch die Jahrhunderte. Auch heute ist es so, dass die schuldlos von Arbeitslosigkeit Betroffenen unterstützt werden sollen. Das Mitgefühl für die Schuldlosen beinhaltet – meist unausgesprochen – die erbarmungslose Härte im Umgang mit den Schuldigen: Die sollen „gefordert und gefördert“, sprich bedrängt, genötigt und gedemütigt werden. Von daher der verzweifelte Eifer der Arbeitslosen, als „erwerbslos“ anerkannt und eben nicht als selbstverschuldet arbeitslos geächtet zu werden. Auch könnte das Lob der hart Arbeitenden implizit als eine Abwertung der nicht hart Arbeitenden verstanden werden. Mit Grundeinkommen verschwindet der in dieser Abwertung  enthaltene soziale Druck. Die Möglichkeit absichtlicher Leistungsverweigerung ist eine Voraussetzung für eine freie Gesellschaft. Deshalb muss die Option auf Leistungsverweigerung ausdrücklich befürwortet werden.

7. Glückliche Arbeitslose

Die Möglichkeit einer glücklichen Arbeitslosigkeit ist nicht nur eine abstrakte Formel. Heute erfüllen die Arbeitslosen ihre gesellschaftliche Funktion, ein abschreckendes Beispiel zu sein. Sie befinden sich in einer schmachvollen Situation, werden verachtet und gedemütigt – oder aber als vermeintliche Schmarotzer heimlich beneidet und moralisch diskreditiert. Mit Grundeinkommen haben die Arbeitslosen die Möglichkeit, anerkanntermaßen ein glückliches arbeitsloses Leben zu führen, und sie werden dies zum Teil tatsächlich auch tun. Nicht als ausgegrenzte süchtige Konsumentinnen. Nein, mit einer souveränen Arbeitsverweigerung, mit interessanten und intensiven Lebensinhalten: Sexualität, Liebe, Freundschaften, Literatur, Sport, Musik, Kunst. Mitten dabei, aber ohne jede Ambition, jemals in irgendeiner Weise nützlich zu sein.[3] Übrigens auch ohne Familienarbeit oder Ehrenämter. Wenn wir anfangen, Arbeitslose um ihr Leben zu beneiden, dann ist dies ein gutes Zeichen. Denn dann sind sie der lebende Beweis, dass das Prinzip der Nötigung und Erpressung abgeschafft wurde. Der glückliche Leistungsverweigerer, die glückliche Leistungsverweigerin, sind wichtige Figuren. Mit ihrem Glück werden die Beschäftigten ihre Gute Arbeit vergleichen. Heute leiden die Beschäftigten unter ihren Jobs, akzeptieren dies aber, denn sie würden als Arbeitslose noch mehr leiden. Mit Grundeinkommen stellen die Beschäftigten hohe Ansprüche, um noch glücklicher zu werden als die glücklichen Arbeitslosen [4]

8. Recht auf Faulheit

Auch heute sind Muße und Freizeit unter bestimmten Bedingungen moralisch akzeptiert – aber immer auf Arbeit bezogen. Sei es als verdiente Freizeit, nachdem vorher dafür gearbeitet wurde, sei es zum Gesundwerden, zur Regeneration, zum Auftanken, sei es kreativ, zum Ideen generieren. Freizeit ist also der Lohn für vorausgegangene Arbeitsmühe oder ein Mittel zur Wiederherstellung der Beschäftigungsfähigkeit oder ein entspannter und deshalb besonders produktiver Zustand. Mit bedingungslosem Grundeinkommen verschwindet diese Entschuldigung der Freizeit durch die Arbeit. Es gibt ein Recht auf Faulheit, auch auf unverdiente und unproduktive Faulheit. Dies gilt es offensiv herauszustellen und nicht schamhaft zu verschweigen. Die Idee des Grundeinkommens ist durchaus auch die Idee einer komfortablen Hängematte, in der es den Leuten gut geht. Man muss ihnen schon etwas anbieten, damit sie sich aus der Hängematte herausbequemen und für einen arbeiten.

9. Weniger arbeiten: Muße, Downshifting, Achtsamkeit, Resonanz, spielen können

Die Erwerbsorientierung prägt heute Denken und Fühlen und damit das ganze Leben der Menschen. Befreit von dem Druck des Geldverdienen-Müssens werden Menschen andere Prioritäten setzen und achtsamer sein können. Sie werden ihre Mitmenschen aufmerksamer wahrnehmen, ihre eigenen Bedürfnisse besser erkennen können. Sie werden die Restriktion der begrenzten Lebenszeit besser begreifen, weniger schlechte Kompromisse machen und ihre wenigen Jahrzehnte klüger verbringen. Der Trend zur Senkung der Arbeitszeit, um besser zu leben, in Großbritannien „Downshifting“[5] genannt, wird sich ausbreiten. Befreit weitet sich der Blick, öffnet sich die Wahrnehmung. Im Zustand der Muße können die fremdbestimmenden Anforderungen von einem abfallen. Die Welt und das Leben werden in dem Maße voller, in dem das Zutrauen auf das eigene Tun und Lassen nicht mehr durch die peinliche Erwerbsnot verengt wird. Der Sehnsucht nach Resonanzerlebnissen[6] nachgehen, mitschwingen können, nicht immer alles zwanghaft im Griff haben müssen. Neue Fenster und Türen öffnen sich, wenn nicht jede Lebensregung zum Zweck des Erwerbs optimiert werden muss. In einer Welt des Vertrauens auf allgemeine Existenzsicherheit kann sich der Charakter der Tätigkeiten nun ändern, weg vom Dienen und Gehorchen hin zum Spielen und Experimentieren. Wobei ganz nebenbei der spielende und der mußevolle Mensch häufig kreativer und auch produktiver ist als der in der Enge seiner Arbeiten erstickende dienende Mensch.

10. Glücklich tätig sein

Der Leitspruch „Arbeit nein danke“ heißt: Schluss mit der kapitalistischen Nötigung zur Erwerbsarbeit. Die reale und mit Grundeinkommen sogar komfortable Möglichkeit konsequenter Leistungsverweigerung bedeutet nicht, zu dieser Möglichkeit auch gezwungen zu sein. Untätigkeit macht in den allermeisten Fällen auf die Dauer unglücklich. Es spricht viel dafür, tätig zu sein, aber es spricht nichts dafür, sich ausbeuten, sich bevormunden und herumschubsen zu lassen. Die Menschen wollen glücklich sein, sie wollen wichtig, bedeutend sein, sie wollen Anerkennung, Liebe, Lust. All dies setzt Aktivitäten voraus, all dies setzt voraus, Fähigkeiten zu erlernen und zeitlebens zu üben. Ein Muskel der nicht trainiert wird, wird schwächer. Der Wunsch, von anderen gebraucht zu werden, bei anderen Anerkennung und Interesse zu finden, wird – quasi marktmäßig – dazu führen, dass in einer vom Erwerbszwang befreiten Welt dennoch ziemlich viel getan werden wird, was anderen gefällt – und insofern nützlich ist.

11. Ressource Arbeitskraft schonen

Es ist viel davon die Rede, Ressourcen zu schonen – die Ressource Arbeitskraft ist damit oft nicht gemeint. Das muss sich ändern. Menschen erkranken zunehmend an ihrem Arbeitsleben. Viele sind dauerhaft überlastet und überfordert, und brechen mit Burnout-Diagnosen zusammen. Andere sind fehlgefordert und leiden an Boreout als Reaktion auf Unterforderung, als Reaktion auf die Beleidigung, Überflüssiges und Unsinniges machen zu müssen. Schlechter Stress überall. Die Erleichterung des Lebens durch ein bedingungsloses Grundeinkommen wird auch zur Stressreduktion und damit zu mehr Gesundheit führen. Die Menschen wollen spielen, sie wollen aktiv sein, sie wollen in dem „Flow“ leben, von dem die Glücksforschung spricht, aber sie wollen sich nicht in einen 8-Stunden-Tag einsperren lassen. Es geht um eine stimmige Work-Life-Balance, um einen artgerechten Umgang mit der Ressource Arbeitskraft.

12. Vielfalt, Antiperfektionismus und Antifragilität

Mit dem Grundeinkommen wäre die Gleichmacherei der Erwerbsorientierung, die heute den Großteil der Menschen unter Strom setzt und wie ein Magnetfeld die Eisenspäne alle in dieselbe Richtung dreht, beendet. Eine Vielfalt höchst unterschiedlicher Lebensentwürfe wäre möglich. Hier ist ein expliziter Antiperfektionismus zu fordern. Kein Nützlichkeitsrassismus, sondern eine Welt, in der auch Nichtsnutze ihr Leben leben und glücklich werden können. Das Recht auf freie Meinungsäußerung bedeutet nicht, dass alle Meinungen gleichermaßen spannend und vernünftig sind. Ebenso wenig bedeutet das mit einem bedingungslosen Grundeinkommen realisierte Recht, über sein Leben selbst bestimmen zu können, dass alle frei gewählten Lebensentwürfe gleichermaßen vernünftig sein werden. Ein robustes Gemeinwesen erträgt die Konsequenzen dieser Freiheitsrechte. In der mit BGE ermöglichten Vielfalt der Tätigkeits- und Untätigkeitswünsche sollten die unsinnigeren Orientierungen nicht viel Schaden anrichten können. „Antifragil“[7] wäre unsere Gesellschaft, wenn in ihr Störungen und irritierende Abweichungen nicht nur keinen Schaden anrichten, sondern als Herausforderung für Lernprozesse sogar von Nutzen sein können.

13. Freiheit statt Bevormundung

Viele der ökonomisch Schwächeren werden als „Unterschicht“ etikettiert. Ihnen wird vorgeworfen, sie seien ungebildet, undiszipliniert und in mancherlei Hinsicht süchtig. Jedoch unterschlägt dieser Vorwurf normalerweise das bedrohende und demütigende Setting, in dem die Unterschicht „gefordert und gefördert“ wird. Elias Canetti spricht von der „Unverfrorenheit des Reichen, der Arme berät.“[8] Die Verliererinnen werden von Gewinnerinnen betreut, bevormundet und wie Versuchstiere beobachtet. Die Pädagoginnen und Pädagogen betreiben ein Bildungssystem, das zwingend Verliererinnen produziert, und fühlen sich in ihrer PädagogInnenehre verletzt, wenn die VerliererInnen die Lust verlieren in diesem System funktionieren zu sollen. Besser wäre es, eine entfaltungsfreundliche Infrastruktur, z.B. freiwillige Beratungsangebote etc., inklusive dem finanziellen Bürgersteig des Grundeinkommens zur Verfügung zu stellen, um die Freiheit zum selbstgewählten Leben für alle zu schaffen.

14. Arbeits-Religion und Arbeits-Atheismus; Arbeit ist nicht per se gut

Die Arbeit hat viele ungute Merkmale von Religionen. Nur durch Arbeit können wir uns aus unserem sündhaften Zustand erheben. Ein Jenseits der Arbeit wird angestrebt, sei es als Wochenende, sei es als Urlaub, sei es als Rente. Rechtgläubigkeit gebietet uns, für unseren Arbeitsplatz, ja für die erbärmlichsten Jobs dankbar zu sein. Als heilige Inquisition fungiert das Jobcenter, welches harte Gesinnungsprüfungen durchführt. Verlorene Sünderinnen werden mittels Buße-Ritualen wie z.B. Bewerbungstrainings auf den Weg des Heils zurückgeleitet.
Religiöse Menschen sind gern der Meinung, schon deshalb, weil sie einem religiösen Glauben angehören, moralisch auf der besseren Seite zu sein. Dieses Phänomen gibt es auch in der Religion der Arbeit. Menschen halten sich schon deshalb für moralisch gut und rechtschaffen, weil sie arbeiten, weil sie bereit sind, sich dem kapitalistischen Zwang zum Gelderwerb unterzuordnen. Sie halten es sich zugute, Opfer zu bringen und sind stolz darauf, sich auch für unangenehme Tätigkeiten nicht zu schade zu sein. Wer bereit war, seine Lebenszeit zu opfern, wird mit anklagender Selbstgerechtigkeit dafür Anerkennung einfordern. Und er oder sie wird die gleiche fromme Unterwerfung auch von den Mitmenschen fordern. Es ist also damit zu rechnen, dass die mit dem Grundeinkommen einhergehende Respektlosigkeit gegen die Arbeit auch religiöse Gefühle verletzen wird. Der Gedanke an ein Glück ohne Arbeit ist Ketzerei gegen die Religion der Arbeit.

Problematisch ist hier auch die BGE-Bewegung: Für viele entscheidet sich die Befürwortung eines BGE am „Menschenbild“, und zwar an einem Menschenbild, wonach Menschen auch ohne Druck fleißig arbeiten. Auch sehen viele das BGE weniger als Weg zur Entlastung und Befreiung von der Arbeit, sondern vielmehr als Ermöglichung von Arbeit aller Art. Hier treffen sich viele Befürworter des BGE mit dem Mainstream, der das Hohelied der Arbeit singt.

15. Arbeit kein Selbstzweck, Schluss mit dem Wachstumszwang

In unserer, vom Arbeitsethos dominierten Gesellschaft gilt Erwerbsarbeit als die einzige legitime Einkommensquelle für den gemeinen Bürger. Deshalb wird die Schaffung von Erwerbsarbeit gefordert, in erster Linie nicht um damit benötigte Güter und Dienstleistungen herzustellen, sondern um ein Einkommen der Arbeitenden zu ermöglichen. Das ist stimmig, so lange keine andere Existenzsicherung gedacht werden kann. Und zum Zwecke der Schaffung von Jobs müsse die Wirtschaft weiterhin belebt werden. Woraus wiederum resultiert, dass die Probleme der Ökologie umso schwerer lösbar erscheinen, weil der Wachstumszwang nicht abgeschafft werden könne. Das heißt im Klartext, die Umwelt wird zerstört, um die Leute zu Jobs zu nötigen, die sie hassen. Kann irgendetwas unsinniger sein? Um den verhängnisvollen Wachstumszwang aufzuheben, muss mit einem bedingungslosen Grundeinkommen diese unwürdige und unsinnige Erwerbs-Nötigung abgeschafft werden. Arbeit ist kein Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck, um benötigte Güter und Dienstleistungen zu erzeugen. „Arbeit schaffen“ ist so sinnvoll wie Wasser nass machen.[9]

16. Arbeit reduzieren – Schluss mit der Vollbeschäftigung

Die Diskussion um technischen Fortschritt, um die Digitalisierung, um „Industrie 4.0“ wird heute verzerrt von der Sorge, die Jobs seien in Gefahr. Es verbreitet sich die Sorge, dass „uns die Arbeit ausgeht“. Entsprechend drängt sich die Forderung auf, staatlich geförderte Vollbeschäftigung herzustellen. Dieser Weg wäre vermutlich auch umsetzbar. Dabei wäre die umgekehrte Herangehensweise sinnvoll: Es ist ein Gewinn und nicht eine Gefahr, dass der technische Fortschritt die Verringerung von Arbeit ermöglicht. Das Grundeinkommen sorgt dafür, dass alle an den Vorteilen des Fortschritts beteiligt werden. Mit Grundeinkommen verliert das Ziel der Vollbeschäftigung an Bedeutung.

17. Zeitwohlstand für alle

Die Perspektive einer Postwachstumsgesellschaft, die Forderung nach Degrowth, ist für viele unattraktiv. Wer will schon weniger anstatt mehr! Aber die Verknüpfung von Degrowth mit einem bedingungslosen Grundeinkommen wird einen neuen, bisher ungekannten Reichtum schaffen: Zeitwohlstand für alle. Die Klage, keine Zeit zu haben, ist allgemein: keine Zeit für Liebesbeziehungen und Affären, keine Zeit für die Angehörigen, keine Zeit für Literatur, Musik etc., keine Zeit für Kreativität, keine Zeit für neue Weichenstellungen im Leben, keine Zeit für Sport, keine Zeit für die Sorge um die Gesundheit. Und der Grund hierfür ist ausgesprochen simpel: Zeitverlust durch Erwerbsarbeit. Schluss damit.

18. Kann auch alles schief gehen

Diese Perspektive eines gesellschaftlichen Fortschritts bei gleichzeitiger ökologischer Entspannung setzt voraus, dass keine größeren Katastrophen geschehen werden. Dies ist keineswegs sicher. Die schlechte Perspektive einer Welt mit sehr viel Beschäftigung wäre die einer Welt, in der aufgrund von Katastrophen aller Art unabsehbar viel Rettungs-, Reparatur- und Wiederaufbau-Arbeiten nötig werden. Das Paradies einer von Arbeit weitgehend befreiten Grundeinkommens-Gesellschaft und der biblische Fluch, im Schweiße seines Angesichts sein Brot essen zu müssen, liegen sehr nahe beieinander.

[1] Karl Marx: Das Kapital, Band 1, Berlin 1988, ursprünglich 1867, S. 657 ff.

[2] Elias Canetti: Masse und Macht, Frankfurt a. M. 1998, ursprünglich 1960, S. 367 ff.

[3] In der wissenschaftlichen Literatur, z.B. in Philippe Van Parijs: Real Freedom for All, New York 1995, ist das Paradebeispiel des glücklichen Arbeitslosen der Surfer am Strand von Malibu, sportlich, fit, begehrenswert, intelligent – und ohne jede Arbeitsmotivation.

[4] Zu den Glücklichen Arbeitslosen, Anfang der 1990er Jahre in Berlin, siehe Guillaume Paoli (Hg.): Mehr Zuckerbrot, weniger Peitsche, Berlin 2002.

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Downshifting, Zugriff 29. 06. 2017.

[6] Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2016.

[7] Nasim Nicholas Taleb: Antifragilität, München 2014

[8] Elias Canetti: Die Provinz des Menschen, Frankfurt a. M. 1976, S. 286

[9] Ein Flugblatt aus den 1990er Jahren.

Foto: Hieu

Der Autor bedankt sich bei Ingmar Kumpmann für wichtige Kommentare bei der Ausarbeitung des Textes.
 


 

Zum Autor: Robert Ulmer, Aktivist und Autor zum Grundeinkommen, Mitbegründer des Netzwerks Grundeinkommen, Mitglied im Bündnis Grundeinkommen, Blog: robertulmer.wordpress.com.

13 Kommentare

Joachim W. Schiwy schrieb am 08.07.2017, 21:18 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Lieber Robert Ulmer,

vielen Dank für das kluge, verständlich geschriebene Stück. Zur Wahlvorbereitung ein äußerst wertvoller Beitrag. Werde das auch gerne weiterempfehlen.

Bedingungslose Grüsse aus Potsdam

Joachim W. Schiwy

Richard Rath schrieb am 09.07.2017, 08:15 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Hallo Robert,

wir haben uns mal bei einem Piratenstammtisch in Berlin kennengelernt.

Für deinen Punkt 8 vermisse ich https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Recht_auf_Faulheit als Quelle ;-)

bG Richard

Bertram Kraus schrieb am 09.07.2017, 12:57 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Kann ich alles unterschreiben. Klar, könnte man sagen : " Geht in Ordnung, sowieso, genau."

Allein, darum geht es nicht nur. Nach Innen ist das richtig, nach Aussen kann es sehr wohl falsch sein. Es ist dann einer Situation ähnlich, in der frau - man einem Heroinabhängigen (i.d.S. Wachstum, Konsum) erklärt: "Mach Dir doch ein paar kalte Umschläge, das wirkt auch. Oder die Aspekte von Moral und Gegenmoral, wie es sich in einem Fleischesser spiegelt, der Vegetarier verächtlich macht, weil er denkt, dass diese ihn moralisch verurteilen. Auch der anthropologische Aspekt: Der Mensch als "tätiges" und der soziologische "als soziales und kommunikatives" Wesen, sollte nicht ganz links liegen gelassen werden. Es hängt meiner Erfahrung nach viel am Arbeitsbegriff und leider auch viel diffuses und undifferenziertes.

Schon das Wort Arbeit, das immer mit Erwerbsarbeit gleichgesetzt wird (was historisch betrachtet eine sehr moderne Auffassung ist), wenn man von Beschäftigung reden sollte. Weiters Identitätsfragen u.v.m. All das würde jetzt eine ellenlange Ausführung beanspruchen.

Darum kurz: die Argumentation in dem schönen Artikel ist etwas für Fortgeschrittene und schon Überzeugte im Diskurs. Ich würde niemandem empfehlen darauf zurückzugreifen, wenn es darum geht mit Menschen, die sich erst kurze Zeit mit dem BGE beschäftigen, zu diskutieren.

Theo Basilea schrieb am 09.07.2017, 19:47 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Sehr wichtiger Artikel, dieser Aspekt wird viel zu wenig beleuchtet. Weniger Konsum, mehr Freizeit. Wäre nicht nur ökologisch sinvoll sondern auch für das eigene Wohlbefinden.

Grundeinkommen könnte diese Abkehr von der erzwungenen Leistungsgesellschaft möglich machen.

Volker Jansen schrieb am 31.07.2017, 22:59 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Bertram Kraus hat es in seinem Kommentar angesprochen und ich möchte es noch einmal dick unterstreichen:

Erwerbsarbeit ist eine Sonderform der Arbeit, die gern als "die Arbeit" ausgegeben wird, obwohl sie nicht einmal 50% aller geleisteten Arbeit ausmacht.

Folglich habe ich Schwierigkeiten mit manchen Passagen des Textes, weil ich nicht weiß, wo der Autor mit "Arbeit" die Erwerbsarbeit und wo er ganz allgemein Tätigkeiten meint.

Manche Kritiker des BGE behaupten, ohne (Erwerbs)Arbeit würden BGE-Empfänger vom sozialen Leben ausgeschlossen, was natürlich Unsinn ist, wenn man bedenkt, wie viele (unbezahlte) Tätigkeiten gemeinsam mit anderen ausgeübt werden.

Deshalb meine Bitte: Nie "Arbeit" schreiben, wenn (nur) Erwerbsarbeit gemeint ist!

Schwierigkeiten habe ich mit folgender Aussage unter 8.: "Es gibt ein Recht auf Faulheit, auch auf unverdiente und unproduktive Faulheit." Vielleicht steckt noch zu viel des biblischen "Im Schweiße deines Angesichts ..." in mir? Ich denke, dass das Marx'sche 'Jeder arbeitet nach seinen Fähigkeiten und bekommt nach seinen Bedürfnissen' den berechtigten Anspruch an jede/n formuliert, etwas zum Gemeinwohl beizutragen. Meine Existenz, das Heranwachsen, Schul- und Ausbildung verdanke ich der Arbeit - unbezahlt und bezahlt - ungezählter Menschen, den Beiträgen derer, die Kindergärten, Schulen, Universitäten, ein Gesundheitssystem ... finanzieren und dort (Erwerbs)Arbeit auch für mich geleistet haben. Darf ich nach der langen Zeit, in der ich Empfänger von Leistungen war, jeglichen eigenen Beitrag mit dem Hinweis auf ein (angebliches) "Recht auf Faulheit" verweigern?

Ich will keine Leistungsverweigerer sanktionieren, aber ein RECHT auf eine Schmarotzer-Existenz (die wohl kaum jemanden befriedigen würde), möchte ich nicht formulieren.

Martin Mair schrieb am 01.08.2017, 10:01 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Didaktisch klüger und passender wäre es wohl, von der Befreiung vom Zwang zur Lohnarbeit zu schreiben! Bitte bei der Wortwahl gerade in Überschriften etwas genauer formulieren!

Übrigens: Bereits 1991 erschien von Reinhard Klopfleisch das Buch "Die Pflicht zur Faulheit"!

Ronald Steinert schrieb am 01.08.2017, 12:36 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Super-Artikel!

@ Bertram Kraus:

Ich hätte auch keine Angst, so zu diskutieren.

Die permanente Rücksichtnahme auf die „noch nicht so Fortgeschrittenen“ bin ich leid.

Ich glaube nicht, dass sich dadurch etwas ändert.

Das ist so, wie erst mal die (konservativen) Leute von der „fortschrittlichen“ SPD überzeugen, um ihnen hinterher zu erklären, dass diese Partei in dem, was sie tut, auch nicht viel anders ist als die CDU.

Der Artikel ist genau das Richtige zur richtigen Zeit.

Detlef Jahn schrieb am 05.08.2017, 09:03 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Ich befasse mich auch intensiv mit dem BGE und schreibe ausführlich in meinem Blog unruheraum.de darüber. Ich schließe mich den Kommentatoren an, die anmahnen, dass zwischen "Arbeit" und "Erwerbsarbeit" unterschieden werden muss. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und möchte auch noch die "bezahlte Erwerbsarbeit" unterschieden wissen.

Karin Meiner schrieb am 16.08.2017, 11:47 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

DANKE

Frank Fellbrich schrieb am 13.09.2017, 07:22 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Ein hoch interessanter Artikel mit vielen philosophischen Ansichten. Danke dafür. Jedoch schliesse ich mich den Kommentaren 3 (Bertram Kraus) und 5 (Volker Jansen) an.

Ich bin ebenfalls kein "Fortgeschrittener", sondern vielleicht 65%-BGE-Befürworter. Wie ganz viele da draussen möchte auch ich im flachen Wasser abgeholt werden. Vergesst nicht: es ist Wahlkampf! - das ist eine Chance, den Menschen die Idee, aber auch reelle Möglichkeiten nahe zu bringen. Dafür müssen sie aber abgeholt werden wo sie stehen.

Wenn ich mit jemandem über BGE diskutiere, kommen _immer_ die Totschlagargumente:

- wenn BGE eingeführt wird, bleiben doch bestimmt mindestens 50% der Erwerbstätigen zunächst mal zuhause, leisten sich einen "Urlaub" - folglich bricht die Wirtschaft zusammen.

Meine Frage: gibt es hier schon Konzepte, wie die Einführungsrisiken unter Kontrolle zu bekommen wären (kontrolliertes Einschwingen)?

- wie soll die Höhe des monatlichen Grundeinkommens festgelegt werden? Meiner Meinung nach kann es nur eine dynamische Festlegung geben (zB. x% der staatlichen Nettoeinahmen der letzten y Monate o.ä)?

- Wie soll die Höhe des Grundeinkommens gestaltet werden bzgl. individueller Attribute: Alter (Säugling bis Rentner), Lebensumstand (zB. Schüler/Student), Gesundheitszustand (zB. Behinderung)?

- Wie rechnet sich das BGE? Hat das mal jemand durchgerechnet/simuliert (unter bestimmten Annahmen natürlich), wie es sich finanziell auf die Volkswirtschaft und auf den Lebensstandard des einzelnen andererseits auswirken würde? Kurz-, mittel- und langfristig?

Ich befürworte das BGE vor allem aus folgenden Gründen:

- Im BGE sind nach meinem Verständnis alle staatlichen Zuwendungen zusammengefasst und vereinheitlicht: Kindergeld, Bafög, Rente, etc. Das sollte zu Vereinfachungen führen - weniger Bürokratie. Es braucht weder Antrag, noch Bedürftigkeitsprüfung mehr.

- keine Anrechnung von Einkommen mehr.

Heute dagegen wird jede Art von Einkommen gleich gegen staatliche Zuwendungen verrechnet, was zB Sozialhilfeempfänger (zu Recht aus deren Sicht und Situation) dazu bringt, Jobs abzulehnen.

- diese Anrechnung von Einkommen und, schlimmer noch, von Vermögen, macht dem deutschen "Mittelschichtler" Angst: wird man (Langzeit-) arbeitslos, dann kommt heute der Staat als Raubritter daher, nimmt einem die Ersparnisse für die Rente, das Studium der Kinder, das nächste Auto ...

Ich meine, diese Argumente sind schlagkräftiger als die rein philosophischen und sollten im Wahlkampf nicht fehlen. Welcher Anteil der Deutschen entwickelt schon beim Namen "Karl Marx" positive Gefühle? Dagegen ist wohl jedem an seiner Besitzstandswahrung gelegen.

[Anm. d. Red.: Bitte für Debatten die Debattenliste debatte-grundeinkommen@listen.grundeinkommen.de verwenden]

Ralph Michael schrieb am 18.10.2017, 11:10 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Wahnsinn... selten so einen Stuß gelesen.

Irena Frei schrieb am 12.12.2017, 00:45 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Das ist einer der besten Artikel, die ich über das BGE gelesen habe. In der Schweiz konnten wir sogar drüber abstimmen und es ging - wenn auch sehr knapp - leider den Bach runter. Die Meinungen halten sich in etwa die Waage. Es wäre ja auch nicht so, dass das BGE von jetzt auf gleich gilt, sicherlich müsste vieles drumherum angepasst werden und sowas braucht seine Zeit. Dass aber der Zwang zur Arbeit wegfiele, ergibt mit der Zeit eine gesunde Gesellschaft, kein Mobbing und Bossing mehr an den Arbeitsplätzen und damit würde auch unser krankes Gesundheitssystem deutlich entlastet u.v.m.

Franz Sternbald schrieb am 16.06.2021, 11:19 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Buch-Empfehlung: „Ausgesetzt zur Existenz“; Franz Sternbald

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Un-Eigentlich Arbeiten und Ent-Fremdung

Begegnen sich zwei Menschen zum ersten Male, lautet die erste Frage nicht etwa, „wer sind Sie?“, sondern „was (oder gar ‚in was’) machen Sie so?“. „Was machen die Geschäfte?“, meint die Frage „Wie geht’s Ihnen?“

Es widerspricht aber der Würde des Menschen, ausgerechnet die betriebsame Ameise als erstrebenswerte Existenzform zum Vorbild gesetzt zu bekommen. Dennoch zieht die abendländische Sozial-Ethik diesen Vergleich allzu leichtfertig heran („sieh die Ameise, in ihrem Fleiße...“).

Mit einiger Verachtung für diesen Vergleich hat sich einmal Lew Tolstoj geäußert. Er soll an dieser Stelle einmal mit seinen Worten zitiert werden:

„Man sagt, daß die Arbeit den Menschen gut macht, ich habe aber immer das Entgegengesetzte beobachtet. Die Arbeit und der Stolz auf sie, macht nicht nur die Ameise, sondern auch den Menschen grausam. Es konnte in der Fabel ja nur die Ameise, ein Wesen, das des Verstandes und des Strebens nach dem Guten entbehrt, die Arbeit für eine Tugend halten, und sich damit brüsten. Die Arbeit ist nicht nur keine Tugend, sondern in unserer falsch organisierten Gesellschaft zumeist ein Mittel, das sittliche Empfinden zu ertöten ....

alle haben keine Zeit, keine Zeit, zur Besinnung zu kommen, in sich zu gehen, über sich und die Welt nachzudenken, und sich zu fragen:

was tue ich? Wozu?“

Wer einen Teil seiner Lebenszeit der Erziehung von Kindern im Sinne Rousseaus "Emile" widmete, für seine Handreichungen keinen anderen Lohn als Anerkennung verlangte, wer weder gekauft, noch verkauft hat, sondern allein getauscht und geschenkt, somit keine amtlich anerkannte Erwerbsbiographie nachweisen kann, gilt als tätig 'faul'.

Denn Arbeit gilt als disziplinierende Strafe, oder, wie schon in der griechischen Antike der unwürdige Teil der 'Banausoi'?! Der alttestamentarischen Überlieferung gemäß ist sie gar ein Fluch! Erst mit den Jüngern des Zimmermannsohnes Jesus gelangen die Werktätigen zu ihrer eigentlichen Würde - nachdem sie durch Jesus ihrem Werk zunächst entfremdet worden waren.

Im Begriff der Entfremdung im Sinne einer Ent-Fremdung hatte von Beginn an zweierlei Bedeutung gelegen. Zum Einen den Abzug aus dem eingeübten Nützlichkeitsschema für den ‚pyramidalen’ Betrieb in der Gesellschaft, und zum Anderen überhaupt erst die Aufhebung der Fremdheit der eigenen Existenz gegenüber. Mit dem Übergang von der Un-Eigentlichkeit zum Eigentlichen Ex-sistieren, läuft der ideengeschichtliche Faden, zwar auf verwundenen Wegen, aber dennoch ununterbrochen von Christus bis zu Kierkegaard, Nietzsche und Heidegger.

Die zeitgeistliche Aushöhlung der urchristlichen Botschaft durch die Hirten über einer Herde von unmündigen Schafen, wurde indes beantwortet durch die Formulierung einer säkular sozialistischen Heilsbotschaft. Die potentiell zerstörerische Energie der metaphysisch entwurzelten, und in auf die physis reduzierte Masse (deren Eigenschaften Schwere und Trägheit sind) galt es nun für die Interessen der illuminierten, im Herrschaftswissen eingeweihten, Adepten zu kanalisieren. In einer Verbindung von Arbeit und Kampf entstand mit der Gründung der internationalen Arbeiterbewegung (1864), eine Entsprechung der ideologischen Verknüpfung von Kapital und Militarismus. Im Marsch der „Internationale“ wurde der Takt vorgegeben, der sich sowohl für die Demonstration auf der Straße, als auch für die Arbeit am Fließband eignet. Eine Parallele dazu stellte in vorindustrieller Zeit der zornige Gesang der Baumwollpfücker dar, die unter dem mißbilligenden Blick ihres Herren die Arbeit umso energischer verrichteten. Im kollektiven Aufbegehren liegt stets auch ein disziplinierendes Element, sich als Klasse zu formieren, die ihre Ehre aus dem Fleiß ableitet. Als Widerstand gegen die ausbeuterischen Verhältnisse angelegt, bestätigte die “Internationale“ nichts desto weniger die Zuweisung des künftigen Platzes innerhalb der nunmehr industriellen ‚Pyramide’. Aus dem Haufen, der, nach der Messung an fabrikgemäßen Effizienzkriterien, undisziplinierter Handwerksgesellen vom Lande wurde die individuell gesichtslose Arbeiterschaft geschmiedet, die Pünktlichkeit und Fleiß als ‚deutsche’ Tugend etabliert hat.

Viel näher jedoch am ‚deutschen Wesen’ rührt aber vielmehr die Verehrung der ‚Meisterschaft’, wie sie im Geiste des Genies (=magus/Magier; Magister) zu seiner ethischen Höhe gelangt. Nie ist bloßer Ertrag und Blendung der Zweck des Meisterwerks, sondern das Streben nach der Idealität, die der Meister seines Werks in Holz oder Stein oder Metall, in Bild oder Ton, oder sei es nur eines Gedankens, anstrebt. In seinem Werk ringt der ‚Meister’ um die Verwirklichung seiner selbst; die schicksalshaft bejahende Tat ist sein ureigenster Ausdruck. Das Meisterwerk ist um nichts geringer als die Übereinkunft im „Einzigen und sein Eigentum“ (vgl. Max Stirner). Daher lautet die Erfordernis für würdige Tätigkeitsformen, den Menschen grundgesichert freizustellen zur Selbstverfügung über die Bestimmung zu seinem eigenen Werk.

Die Bedienung des Weltmarktes ist aber nur mit Allerweltsprodukten möglich, die zu Werkbedingungen hergestellt werden, die unter den Zumutungen des globalen Marktes flexibel gehalten werden müssen. Im rationalisierten, also zerstückelten, und digital planbaren Werkprozeß, fragmentiert und verflüchtigt sich zuletzt das schöpferische Element. Im industriellen Mahlwerk gibt es keinen Ort, an dem eigentlich Arbeit verrichtet wird, wenn man diesen Begriff nicht mit dem würdelosen Sklavendienst gleichsetzen möchte, der es zumeist ist. Da die menschliche Würde wesentlich unteilbar an das Individuum geknüpft ist, verbietet es sich in diesem Zusammenhang von einer Leistungs-Ethik zu sprechen, wo nichts anderes als eine Sklavenmoral vorherrscht. Eine vollwertige Ethik weist auf ein Ideal der Vollständigkeit des Menschlichen hin, und es gibt keinerlei Hinweis darauf, daß es für die Industriegesellschaft überhaupt eine solche Ethik geben kann, allenfalls eine disziplinierende Moral, die es zu überwinden gilt. Die Voraussetzung dafür ist die Würdigung der individuellen Professionalität, das Gestattetsein von Außerordentlichkeit, die sich nicht mit einer sozialistischen Nivellierung und Ertragsmaximierung durch den Massenauswurf vereinbaren läßt.

Ein arbeitsethischer Rückzug auf die Wertigkeiten der ‚Pünktlichkeit’ und der ‚Höflichkeit’ bedeutet den endgültigen Verzicht auf eine kulturstiftende Ethik, und eine Beschränkung auf den geordneten Abgang in die Alternativlosigkeit eines plutokratischen Nihilismus.

Nunmehr werden jedoch wohl die Wenigsten von uns noch die handwerkliche Tätigkeit von eigener Hand kennen, denn inzwischen hat der tertiäre Sektor den Agrar- und Industriesektor längst überwuchert. In der Dienstleistungsgesellschaft werden die Umsätze durch das sinnfreie Rauf- und Runterladen bedeutungsloser Datenpakete, durch das Wischen und Abwinken von App-Icons auf dem Display, durch Spielen und Bespieltwerden erzielt.

Was sich jedoch gegenwärtig als handwerkliche ‚Craft’-Bewegung in Szene setzt, ist eine Aneignung von Konsum-Nischen mit den Distinktionsmerkmalen der ‚Kritik’. Diese holen sich allerdings ihre Rechtfertigung auf eben denselben Markt, der sogar die ironische Distanz sich selbst gegenüber zuläßt, um sie wiederum zum einträglichen Geschäft werden zu lassen. ‚Craft-Beer’ und ‚crafted Coffee’ im Ambiente urtümlich roher Ästhetik, erschließt einen zahlungskräftigen Kundenstamm, der nichts mehr fürchtet, als dem Mainstream zugeordnet zu werden. Er formiert sich dennoch willig unter den Gesetzen des Marktes zu einer berechenbaren Quelle des steigenden Umsatzes. Der Bezug des Schaffenden zu seinem Werk darf zeitgemäß jedoch nicht bis zur ‚Eigentlichkeit’ gesteigert erscheinen, sondern bedarf der ‚uneigentlichen’ Distanz. Am Beispiel der Servierkraft in einem craft-café, zeigt sich das frisch gestärkte Holzfällerhemd ohne Schweißflecke, und damit als evidenter Beleg für unsere These. Wäre die Tätigkeit inniger mit der Subjektivität des Meisters verbunden, stellte sich unabdingbar eine sperrige Unverfügbarkeit gegenüber den Ideologien des Marktes ein.

Die Frucht des ‚Eigentlichen’ am Werk ist der Schöpferstolz, seine Platzierung auf dem Markt ist das wesentlich ‚Uneigentliche’.

Der Silbenvorsatz eines erdigen craft-Begriffes als Trendfloskel des ‚Neuen Sozialen Marktes’ auf der Basis prekärer Ich-AGs, bezeichnet daher zuverlässig eben gerade kein Faktisches sondern nur etwas Signifikantes, Zeichenhaftes mit dem Verweis auf etwas das nicht Ist (non-est).

Eine stärkere Würdigung der individuellen Leistung widerspräche der protestantischen Ethik des emsig arbeitsteiligen Ameisen-Staates. Nach der sozialistischen Lehre ziemt sich der individuelle Werkstolz nicht, vielmehr lernt der Arbeiter beizeiten seine Würde durch die Arbeitsteilung zugunsten eines höheren Zweckes, als wohin sein Einfluß reicht, abzugeben. So befinden sich das Personal und die Kunden in der zeitgemäßen Craft-Werkstätte in einem solch unausgesprochenen Einvernehmen, wie es die Schauspieler auf der Bühne mit dem Publikum, während der Darbietung eines Stückes, sind. Sie befinden sich miteinander nicht in einer Existenzial-Beziehung, sondern im Dienstverhältnis einer virtuellen Inszenierung.

In der virtuellen Wertstellung durch das Geld erhält der gesamte Arbeitsprozeß wiederum erst seine höhere Weihe, wie die Materie durch den Geist. Darin liegt auch die Verehrung des Geldes begründet - und die Unwürdigkeit, dafür zu arbeiten.

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„ Ausgesetzt zur Existenz “ – warum der Mensch ein Schicksal ist

- vom Ausgang aus der unverschuldeten Absurdität –

Franz Sternbald

Verlag BoD - D-Norderstedt

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