BGE – ein Bindeglied zwischen Care- und Klimabewegung?

    Elfriede Harth 08.10.2022 Druckversion

    Die Stiftung Care for Future richtete im bei Freiburg gelegenen Buchenbach eine Werkstatt aus. Vom 23. bis 25. September 2022 trafen sich 20 Aktivist:innen der Care- und der Klima-Community.

    Die Werkstatt fand an einem Wochenende statt. Man traf sich, um zu überlegen, wie klima- und care-politische Aktivitäten miteinander verbunden werden können. Aktive hatten Gelegenheit, sich über Projekte und Aktionen, aber auch Analysen und Strategien auszutauschen, die die Verbindung zwischen Care und Klima betreffen. Die zentrale Frage des Workshops lautete: Wie können Care- und Klima-Aktivist:innen durch gemeinsames Handeln der Zerstörung von Sorgebeziehungen und natürlichen Lebensgrundlagen entgegenwirken?

    Des Weiteren fragten wir uns: Was könnten wir von der Bewegungsforschung für unsere gemeinsame Arbeit lernen? Wie können Care- und Klimaaktivist:innen zusammen aktiv werden? Was sind gemeinsame Ziele? Welche gemeinsamen Aktionsformen erscheinen möglich?

    Es wurden zwei Themenschwerpunkte bearbeitet. Der erste war die Entwicklung einer kollektiven Identität. Der zweite behandelte die Frage, welche potenziell gemeinsame Themen es gibt und welche Aktivitäten daraus entwickelt werden können.

    Ich brachte das Bedingungslose Grundeinkommen in die Diskussion ein und argumentierte, dass das eine wichtige verbindende Stellschraube für eine gesellschaftliche Transformation ist. Es bietet zum einen mehr Zeit für Care-Arbeit, zum anderen ermöglicht es eine Drosselung des Wachstumswahns und der Ausbeutung natürlicher Ressourcen. Wie die gegenwärtigen Krisen verdeutlichen, befinden sich unsere Lebensbedingungen und unser gesellschaftliches Zusammenleben in einem tiefen Wandel. Wir sind ihm jedoch nicht hilflos ausgeliefert, wenn wir proaktiv eine Reihe von Maßnahmen ergreifen und dafür sorgen, dass zentrale Rahmenbedingungen reformiert werden.

    Wir müssen heraus aus dem Wachstumswahn, der die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen befeuert und die Umwelt zerstört. Technologischer “Fortschritt” ist nicht nur keine Lösung, sondern verschlimmert die Ausbeutung, da er den Energieverbrauch wohl eher ansteigen als sinken lässt. Selbst der Umstieg auf erneuerbare Energien ist nicht ohne Ausbeutung von seltenen Erden und ohne Ausbau von neuen ressourcenfressenden Industrien machbar. Wenn Lohnarbeit ein knappes “Gut” wird, weil umweltschädigende Branchen künftig wegfallen müssen, dann wird auch die Existenz- und Teilhabesicherung davon abgekoppelt werden müssen. Ein Bedingungsloses Grundeinkommen ist eine Lösung.

    Care-Abeit ist der Sockel des menschlichen Zusammenlebens. Sie befindet sich in einer sich immer weiter verschärfenden Krise, weil Produktivitätssteigerungen in diesem Bereich nicht oder kaum möglich sind. Schließlich handelt es sich großteils um Arbeit am Menschen, an seinem leiblichen und seelischen Wohlbefinden. Dafür müssen seine Autonomie und sein biologischer Rhythmus respektiert werden. Dies lässt sich nicht fordistisch oder tayloristisch forcieren, ohne dass die Qualität der Care-Arbeit, ihr “Output”, geschädigt wird. Menschen sind eben keine Industrieprodukte.

    Zur Care-Arbeit gehören auch das Aufbauen und Gestalten von Beziehungen und Bindungen, die grundlegend für eine menschliche Gesellschaft sind. Was in diesem Bereich dringend benötigt wird, ist Zeitwohlstand. Dieser ist jedoch nur möglich, wenn Menschen nicht ihre Lebenszeit prioritär in die Existenzsicherung stecken müssen, sondern sich in aller Ruhe selbstbestimmt den Aufgaben widmen können, die sie notwendig und sinnvoll finden, wie z. B. Care-Arbeit. Auch hier würde ein Bedingungsloses Grundeinkommen Freiräume schaffen. Lohnarbeit wäre nicht mehr lebensnotwendig, sondern eine Option unter vielen.

    Im Laufe der dreitätigen Werkstatt schälte sich die gemeinsame Handlungsoption heraus, uns als Care-Klima-Verbund für die Lohnarbeitszeitverkürzung einzusetzen, und zwar eine mit vollem Lohnausgleich für schlecht bezahlte Tätigkeiten. Zudem verständigten wir uns auf das langfristige Ziel, alle beruflichen Tätigkeiten gleich zu entlohnen, um die soziale Hierarchie der Berufe zu beenden. Das warf gleich mehrere Fragen auf. Welche möglichen Verbündeten könnten wir mit dieser Forderung ins Boot holen? Wo würden wir auf Widerstand stoßen? Wie könnte der wohl überwunden werden?

    In Einzelgesprächen konnte ich feststellen, dass eine ganze Reihe Teilnehmende sich bereits mit der Idee des BGEs auseinandergesetzt haben. Nur Wenige äußerten sich kritisch oder skeptisch. Meine mitgebrachten BGE-Broschüren des Netzwerks Grundeinkommen und Flugblätter der Initiative BGE Rhein-Main wurden gerne mitgenommen. Sicher stoßen sie Überlegungen an, wie das BGE als Katalysator für eine Arbeitszeitverkürzung nutzbar ist und sich dadurch mehr Zeit für Care-Arbeit und Muße gewinnen lässt.

    Es wurde mir wieder einmal klar, wie wichtig Vernetzung ist. Wie wichtig es ist, die Anliegen der anderen anzuhören und im Gespräch Schnittpunkte mit der eigenen Agenda zu finden. Wenn die Aktiven in der Klimabewegung erkennen, dass die BGE-Community eine wichtige Kooperationspartnerin ist, weil sie auch den Ausstieg aus einem ressourcenfressenden Produktivismus anstrebt, der Lohnsklaverei und kompensatorischen Konsum voraussetzt, wird es ihnen irgendwann logisch erscheinen, sich auch für das BGE einzusetzen. Auch in der Care-Community wird sich die Überzeugung von der Sinnhaftigkeit des BGEs durchsetzen, weil das Bedingungslose Grundeinkommen alle Formen sinnstiftender Tätigkeiten und die Freiheit bejaht, sich dem widmen zu können, was man für wichtig und notwendig erachtet. Aus diesem Grund bietet das Grundeinkommen eine von der Arbeit entkoppelte individuelle Existenz- und Teilhabesicherung. Es gibt also gemeinsame Ziele von Klima-, Care- und BGE-Bewegung. Wir müssen sie erkennen und uns auf dem Weg gegenseitig unterstützen.

    Bild: Elfriede Harth

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