Die Freiheit, KundInnen abzulehnen

Ronald Blaschke 10.03.2015 Druckversion

“Die Freiheit, KundInnen abzulehnen und mich nicht knechten zu lassen, habe ich entweder mit der ‘Du kannst mich mal’-Million oder mit einem Grundeinkommen.”

Auch UnternehmerInnen wollen und dürfen nein sagen. Das geht aber nur, wenn sie finanziell abgesichert sind. Damit soll auf die Beziehung zwischen UnternehmerInnen und KundInnen verwiesen werden, was sonst meist für Lohnarbeitende und UnternehmerInnen im Blickpunkt der Grundeinkommensdebatte  steht: eine Verhandlungsbasis auf Augenhöhe. Dies ist einer der Aspekte, die Margit Appel von der Katholischen Sozialakademie Österreichs (ksoe) in einer vor kurzem veröffentlichten Studie herausarbeitet.

Die Studie mit dem Titel “Grundeinkommen – Freiheit und Sicherheit für UnternehmerInnen” wertet Interviews und Diskussion mit UnternehmerInnen aus, die in Kooperation mit der Grünen Wirtschaft Österreichs durchgeführt wurden, einer Organisation von Einzel-, Klein- und MittelstandsunternehmerInnen in der Partei DIE GRÜNEN Österreichs.

Das Konzept sah vor, mit Methoden der qualitativen Sozialforschung die derzeitige soziale Sicherheit und deren Auswirkung auf unternehmerische Freiheit und Selbstbestimmung zu erheben, die Einstellung von UnternehmerInnen zum Grundeinkommen zu erfragen, und herauszufinden, welche Veränderungen die befragten UnternehmerInnen für sich und ihr Unternehmen von einem Grundeinkommen erwarten.

In den Jahren 2013 und 2014 führte Margit Appel neun narrative Interviews durch und ließ in drei Fokusgruppen diskutieren. Mit den Einzelinterviews bzw. den Fokusgruppen wurden folgende Berufssparten erfasst: Gewerbe und Handwerk (Glaser, Tischler, Mechatroniker, Kunsthandwerk, Mode und Bekleidungstechnik), Industrie (Film- und Musikindustrie), Handel (Maschinen, Computersysteme), Information und Consulting (Unternehmensberatung und Informationstechnologie). Auch wenn mit dieser Studie keine repräsentativen Ergebnisse möglich sind, gibt sie doch Hinweise auf die Einstellung von Einzel-, Klein- und MittelstandsunternehmerInnen zum Thema soziale Sicherheit und Grundeinkommen. Es bleibt weiteren Forschungen überlassen, die folgenden Ergebnisse zu qualifizieren:

  1. Soziale Absicherung ist ein großes Thema und wird höchst unterschiedlich gelöst. Aktuelle Regelungen für Unterstützung im Krankheitsfall und bei Erwerbslosigkeit sowie die Altersversorgung werden mehrheitlich als unzureichend bzw. unbrauchbar eingeschätzt. Es wird ein ganzes Bündel an Strategien, Erwartungen und Wünschen zur Sicherung der Existenz formuliert: Während die einen oft aus eigener Erfahrung dafür plädieren, die Gestaltungsspielräume von Unternehmen zu nutzen, setzen sich andere für die Veränderung der geltenden gesetzlichen Regelungen ein oder bemühen sich um den Glauben an die Leistungs- und Zukunftsfähigkeit der sozialen Systeme, speziell zur Altersversorgung. UnternehmerInnen mit MitarbeiterInnen empfinden es darüber hinaus als Druck, Verantwortung für die Existenzsicherung der Beschäftigten zu tragen.
  2. Die vielgepriesene unternehmerische Freiheit wird ambivalent erlebt: einerseits als weitreichende Selbstständigkeit mit hoher Verantwortung, anderseits als Abhängigkeit von den KundInnen, bis hin zur grundsätzlichen Prekarität bei mangelnder Nachfrage.
  3. Dazu kommt das Wissen um die Konkurrenz: “Angst vorm Ideenklau entsteht deswegen, weil es ums Überleben geht, ums finanzielle Überleben, und wenn da ein Grundeinkommen da ist, was mir die Angst nimmt, möglicherweise ist dann die Angst geringer.”
  4. Die UnternehmerInnen bewerten und diskutieren das Grundeinkommen wie alle anderen: Es gibt ein Spannungsfeld zwischen der Position, dass das Grundeinkommen den Menschen auf einen Transferleistungsbeziehenden reduziere, und der Position, dass das Grundeinkommen eine Basis sei, auf der Arbeiten und Tätigsein – auch unternehmerisches Handeln – erst wirklich gut gelingen könne. In den Interviews wurden folgende Vermutungen zur Wirkung eines Grundeinkommens geäußert: mehr Selbstbestimmung; Rettungsanker für die Anfangsphase; Sprungbrett, um weiter zu kommen als ohne Grundeinkommen; die Familie braucht nicht über das Unternehmen finanziell abgesichert zu werden werden; Unternehmenskredite wären leichter zu bekommen, weil vom Umsatz nicht der persönliche Bedarf zu finanzieren wäre; Preise müssten sich nicht an jeder Chance auf Umsatz orientieren; Qualität würde die Nachfrage steuern und so unternehmerische Leidenschaft für Materialien, Herstellungsverfahren, Produktion gemäß den Wertvorstellungen der UnternehmerInnen ermöglichen.
  5. Das Grundeinkommen wird als Möglichkeit gesehen, Löhne entsprechend der tatsächlichen Leistung zu bestimmen, oder als Möglichkeit für Beschäftigte, die Arbeitsbedingungen selbstbestimmter gestalten zu können. Vor allem wurde über die gesellschaftliche und individuelle Bedeutung von Arbeitsunterbrechung und vorübergehender Arbeitszeitreduktion diskutiert, die durch ein Grundeinkommen viel eher möglich scheinen: “Diese Möglichkeiten der Pausen und Reduktionen werden als Mittel für die Verbesserung der ‘psychischen Gesundheit’ der Gesellschaft“ gesehen, als Ermöglichung von Weiterbildungen ‘egal in welchem Alter’, als Erleichterung von Job- und Berufswechsel (Betonung: ‘als volkswirtschaftlicher Gewinn’), als Mittel zur besseren Verteilung bezahlter Arbeit”, so eine Einschätzung von Margit Appel in der Studie. Ein Interviewter formulierte: “Gute MitarbeiterInnen sind jetzt schon das wichtigste Kapital – Geld, Maschinen, Anlagen, das ist alles nicht das Problem. Und um die guten MitarbeiterInnen geht es auch mit einem Grundeinkommen.“

Hervorhebenswert scheint mir noch die Aussage eines Interviewten zu sein, dass  “ein bedingungsloses Grundeinkommen das Verhältnis der Menschen zueinander nachhaltig verändert […]. Also in meiner Vision gibt es dann weniger MitarbeiterInnen, sondern mehr Menschen, die auf gleicher Augenhöhe gemeinsam was machen, und das finde ich toll.” Grundeinkommen wird also als Möglichkeit für eine kooperative Zusammenarbeit gewertet. Natürlich würde dies, so mein Einwand, noch nicht alle grundsätzlichen Entscheidungen über die Produktion in den Unternehmen demokratisieren, aber es wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

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