Das Grundeinkommen kann nicht mehr ignoriert werden, sagt ein Experte des Vatikans

Jörg Ackermann 12.03.2018 Druckversion

Die älteste englischsprachige katholische Wochenzeitung in Kanada „The Catholic Register“ berichtete in ihrer Ausgabe vom 27. Oktober 2017 von einer Grundsatzrede eines der führenden Wirtschaftsberaters des Vatikans, Prof. Dr. Charles M. Clark, in der er sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen ausspricht.

In seiner Grundsatzrede vor 40 Wissenschaftler/innen und Befürworter/innen des Grundeinkommens am St. Michael’s College der Universität in Toronto am 20. Oktober 2017 unterstützt Professor Clark von der katholischen St. John’s University in New York das Grundeinkommen als Teil der Armutslösung. Die katholische Soziallehre favorisiere eindeutig eine gerechtere Gesellschaft, sagte er. Das bedeute, dass Katholik/innen aufgefordert sind, eine Wirtschaftspolitik zu fördern, die weniger Armut verursacht, mehr soziale Mobilität und Integration fördert und zu Verteilungsgerechtigkeit führt. Das Grundeinkommen sei sehr wichtig, löse aber nicht automatisch jedes Problem. Es werden darüber hinaus noch Gemeingüter, ein öffentliches Bildungssystem, ein umfassendes Gesundheitssystem und Sozialhilfe benötigt. Hierzu müsse der Staat tun, was er tun kann.

Clark, der auch Berater der Mission des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen in New York und Senior Fellow des Vincentianischen Zentrums für Kirche und Gesellschaft ist, hat bereits die irische Regierung bei Grundeinkommensprojekten beraten und untersucht die Möglichkeiten für ein Grundeinkommen in Kenia.

Clark sei ein Ökonom, der katholische Theologie versteht, sagt der Jesuit P. Joseph Ogbonnaya von der Marquette-University: „Katholische Soziallehre fördert in erster Linie das menschliche Wohl. Das Grundeinkommen zielt darauf ab, das menschliche Wohlergehen zu fördern“, sagte Ogbonnaya. „Obwohl es nicht Teil der katholischen Soziallehre ist, verwirklicht (das Grundeinkommen) effektiv den größten Teil des ergänzenden Rahmens der katholischen Soziallehre.“

„Auf einer Mindestebene muss jeder, aus Gründen der Gerechtigkeit, über genügend Einkommen verfügen, um an unserer Gesellschaft teilnehmen zu können“, begründete Clark im Weiteren das Grundeinkommen. „(Das heißt) Kaufkraft. Wir leben in Gesellschaften, in denen unsere materiellen Bedürfnisse durch Märkte gedeckt werden. Wir müssen den Menschen die Kaufkraft geben, damit sie einen Mindest-Lebensstandard haben können.“ In einer Zeit, in der die Löhne nicht entsprechend dem Bruttoinlandsprodukt wachsen, müsse die Gesellschaft eine zunehmend ungleiche Verteilung des Wohlstands ausgleichen. Denn, so Clark, „Ungleichheit verringert die (soziale) Mobilität. Mobilität ist von grundlegender Bedeutung für die Gesellschaft, damit Demokratie funktioniert.“

2 Kommentare

Wolfgang Schlenzig schrieb am 13.03.2018, 11:15 Uhr

Ca. 40 Prozent der Deutschen wählen christliche Parteien. Fast alle aktuell regierenden Politiker sowie die Konzern- und Bankenlenker behaupten Christen zu sein. Aber sie ignorieren die Enzyklika des Papstes und eben auch solch Standpunkte/Einschätzungen. Das müsste „unten“ viel intensiver vermittelt werden in christlichen Schulen und in den Predigten in den Kirchen.
Da haben die Kirchen als Institution noch viel zu tun. Da scheinen mir die Katolen fortschrittlicher zu sein als die dem lutherischen Arbeitsethos nachhängenden Evangelen.

Dorothea Gruß schrieb am 19.04.2018, 20:47 Uhr

Mir ist auch schleierhaft, wie man sich Christ nennen und das BGE ablehnen kann – Stichwort Barmherzigkeit, Selbst- und Nächstenliebe; jeder soll einen fairen Anteil an den Früchten dieser Erde haben; du kannst nicht Gott und dem Mammon dienen. Wie erwerbsarbeitssam war eigentlich Jesus, bzw. was war der Schwerpunkt seiner „Arbeit“? Worauf kann es vielleicht noch im Leben ankommen, wenn materiell längst für alles im Überfluss gesorgt ist? (Vgl. auch Geschichte von Martha und Maria, Lukas 10,38–42)

Die christlichen Parteien scheinen jedenfalls konträr dazu eingestellt zu sein – oder sie verkennen die Realität völlig, wie ich gerade kürzlich selbst in einem Austausch mit einem CDU-Politiker aus meiner Stadt feststellen durfte.

Starker Tobak auch hier (letzter Satz):
„Unabhängig von der Diskussion über eine Abschaffung von Hartz IV halten die Sozialdemokraten einige Strafen für zu hart. ‚Wir wollen die verschärften Sanktionen für unter 25-Jährige streichen. Und wir wollen die Sanktionierung von Leistungen für Kosten der Unterkunft abschaffen‘, teilte ein SPD-Sprecher mit. Niemand dürfe aufgrund einer Sanktion wohnungslos werden. ‚Die Union lehnt dies allerdings ab.‘ (http://www.tagesschau.de/inland/hartz-sanktionen-101.html)

Ob und wie christliche Sozialethik und BGE zusammenpassen, ist meiner Meinung nach in diesem Dokument von Dr. Markus Schlagnitweit (Theologe, Sozial- und Wirtschaftsethiker) sehr schön auf den Punkt gebracht. Wer mag: http://w3.khg.jku.at/schlagnitweit/aufeinwort/BGE-Sozialethik.pdf

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