Das Grundeinkommen – eine linke Idee?

Mein Bauchgefühl sagt mir, dass es sich beim Grundeinkommen um eine linke Idee handelt. Aber ein Disput zwischen den beiden Linken-Politikerinnen Edith E. Preiss und Erika Maier lässt Zweifel daran aufkommen, ob man innerhalb der Partei Die Linke dieses Bauchgefühl teilt.

Eine linke Idee“ titelt Edith E. Preiss und reagiert damit auf einen von Erika Maier geschriebenen Beitrag, in dem sie unter dem Titel  „Der Mensch braucht Arbeit“ begründen möchte, warum das bedingungslose Grundeinkommen kein linkes Projekt ist. Nun kann man das Ganze als wissenschaftliche Haarspalterei abtun, aber ich denke, dass sich hierin wichtige Überlegungen verbergen, die in der Argumentation für ein BGE sehr von Nutzen sein können.

Grafik: Kapitalismus - Kommunismus - Grundeinkommen

Was macht eigentlich eine linke Idee aus? Man könnte hier weit ausholen, schließlich sind darüber ganze Bücher geschrieben worden. Für mich liegt die wichtigste Unterscheidung im Altruismus, also dem Denken und Verhalten, das sich nicht vorrangig durch Egoismen leiten lässt. Wohlgemerkt: Dabei bedeutet Egoismus nicht = Rechts und Altruismus nicht = Links. Seit der Antike haben sich Formen von rechtem Altruismus entwickelt, die bis in unsere Zeit wirken. Unser gesamtes Sozialsystem ebenso wie jede Art Mildtätigkeit beruhen darauf. Die entscheidende Frage lautet also, worin sich linker und rechter Altruismus unterscheiden. An anderer Stelle habe ich mich ausführlicher mit diesem Thema befasst. Hier möchte ich nur auf den aus meiner Sicht wesentlichsten Unterschied zu sprechen kommen:

  • Rechte Positionen entstehen aus einem naturrechtlichen Verständnis, wonach positive Anlagen und Leistungen automatisch zu Ungleichheit führen, was schließlich der Motor der Evolution und insofern unverzichtbar ist. Rechter Altruismus will deshalb dem Schwachen helfen, mit seiner Lebenssituation klarzukommen.
  • Linkes Denken will die Ungleichheit nicht als naturgegeben hinnehmen. Linker Altruismus will dem Schwachen helfen, stark zu werden.

Welchen dieser beiden Ansätze verfolgt nun die Grundeinkommensidee? Kommen wir dazu auf die oben genannten Beiträge zurück. Erika Maier schreibt:

„Bei der Diskussion über das bedingungslose Grundeinkommen ist zu fragen, ob die Entlassung geistig und körperlich gesunder Menschen aus der Pflicht zur Arbeit für die Gesellschaft fair, solidarisch, humanistisch ist. Übersetzt heißt das: ob das bedingungslose Grundeinkommen überhaupt eine tragfähige linke Idee ist.“

Natürlich reizt diese Frage zu einer schnellen Antwort. Aber: die Frage ist falsch gestellt. Um Menschen aus der „Pflicht zur Arbeit für die Gesellschaft“ zu entlassen, müsste es diese Pflicht erst einmal geben. In welchem Gesetz steht sie? Oder handelt es sich um eine moralische Pflicht? In diesem Fall wäre unbedingt zu klären, was „Arbeit für die Gesellschaft“ eigentlich meint. Ist das nur die gesellschaftlich notwendige Arbeit, oder gehört dazu auch alles, was zu Bereicherung, Überkonsum und deren Folgeschäden beiträgt, wie etwa Arbeit in der Werbewirtschaft, in großen Teilen des Finanzwesens oder in der Rüstungsindustrie? Die Autorin gibt ja selbst zu bedenken:

„Arbeit ist für den Menschen … ein Teil seines gesellschaftlichen Daseins, Teil des Menschsein. Der Mensch braucht Arbeit, um sich zu bestätigen, mit anderen Menschen zu kommunizieren, Anerkennung zu finden.“

Wenn dem so ist, warum sollte er sich dann der Arbeit entziehen und faulenzen? Als ehemalige marxistische Wirtschaftsprofessorin weiß Frau Maier sicher, dass Karl Marx die Aufhebung der Arbeit als das Ziel des Sozialismus sah und dabei zwischen freier Tätigkeit und entfremdeter Arbeit sehr genau unterschied. Auch heute gibt es keinen Grund, sich von dieser Sichtweise zu lösen. Dem Menschen die Abkehr von entfremdeter Arbeit zu ermöglichen, damit er sich freier Tätigkeit widmen kann, sollte ein Hauptziel der Linken bleiben. Das Grundeinkommen bietet dafür die entscheidende Hilfestellung.

Edith Preiss

Edith E. Preiss kommt da der Sache schon näher:

„Erwerbslosigkeit und die falsche Annahme, dass nur der Mensch etwas wert ist und ein Recht auf Leben hat, der für andere erwerbsarbeitet, die Schikanen und die Bevormundung der Sozialbürokratie, das Leben in Armut wirken sich politisch und menschlich aus: In tiefer Hoffnungslosigkeit, Beschämung und Krankheit.“

Sie hätte ihrer Genossin aber noch deutlicher antworten sollen. Die oben zitierte Marxsche Erkenntnis folgte ja dem Gedanken Hegels, der die Arbeit als einen „Akt der Selbsterschaffung des Menschen“1 bezeichnete. Erschafft sich etwa ein Mensch selbst, indem er Sprüche für Waschmittelwerbung ausdenkt, als Broker virtuellen Reichtum produziert oder Feuerwaffen für die Krisenherde dieser Welt fertigt? Erst eine klare Positionierung, was gesellschaftlich nützliche Tätigkeit wirklich ist, kann die Frage beantworten, wie viel Arbeit es überhaupt zu tun gibt. Bis dahin bleiben alle Forderungen nach Arbeitsplätzen und Arbeitspflicht nur Teil der systemstabilisierenden Propaganda. Mit linken Positionen kann das nichts zu tun haben.

Kommen wir auf die oben getroffene Unterscheidung zwischen rechtem und linkem Altruismus zurück. Das Grundeinkommen will nicht die Schwachen alimentieren, damit sie ohne Arbeit ihr Dasein fristen können. Im Gegenteil: Es ermöglicht den Menschen, sich ohne permanente Sorge um die nackte Existenz Tätigkeiten zuzuwenden, die ihr Leben erfüllen. Es ist Hilfe zur Selbsthilfe. Eine Gemeinschaft, die das all ihren Mitgliedern ermöglicht, ist also in der Tat von linkem Altruismus geprägt.

Das Grundeinkommen – eine linke Idee? Ich habe keinerlei Zweifel.


1zit. nach Erich Fromm: Das Menschenbild bei Marx. Frankfurt: Ullstein 1988

Zum Autor: Dr. Klaus Fürst ist Unternehmer und Mitglied im Netzwerk Grundeinkommen. Er betreibt den Blog Zukunftsaspekte.

Grafik: Georg Jähnig (cc by-sa)
Foto: Edith E. Preiss

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Ein Kommentar:

  1. Stephan Härtl
    schrieb am 15.04.18 um 21:05 Uhr ( Permalink ):

    Wenn man links und rechts so definiert, dann stimme ich dem voll und ganz zu. Nur beinhaltet die Vision eines Bedingungslosen Grundeinkommens auch anthroposophisches und liberales Gedankengut.
    Ich schaue weniger nach links oder nach rechts, lieber nach vorn.

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