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Mehr Zeit für Sorgearbeit in der Familie und für Muße

Prof. Gabriele Winker ist Verfasserin des Buches Care-Revolution [1] und Mitgründerin des gleichnamigen Netzwerks [2]. Jüngst begründete sie in einem ZEIT-Interview [3], warum die unbezahlte Care-Arbeit ins Zentrum feministischer Kämpfe zu stellen sei und was die Voraussetzungen einer solidarischen Gesellschaft sind. Konkret sagte sie:

„ZEIT ONLINE: Sie fordern, die unbezahlte Care-Arbeit ins Zentrum feministischer Kämpfe zu stellen. Warum?

Winker: Nach wie vor wird die vor allem von Frauen ausgeführte unentlohnte Sorgearbeit in der Familie gesellschaftlich abgewertet und kaum unterstützt. Die Arbeitsteilung geht also mit einer Hierarchie der Geschlechter einher. Wenn wir das durchbrechen wollen, müssen wir die Trennung zwischen entlohnter und unentlohnter Arbeit aufheben. Dafür muss es uns gelingen, die entlohnte Arbeit zurückzudrängen.

ZEIT ONLINE: Und wie kann das funktionieren?

Winker: Zunächst bedarf es einer existenziellen Absicherung aller Menschen, beispielsweise durch das bedingungslose Grundeinkommen. Ferner muss Vollzeiterwerbsarbeit auf maximal 30 Wochenstunden begrenzt werden. Nur so bleibt Zeit für familiäre Sorge und auch Muße. Letztendlich plädiere ich für eine solidarische Gesellschaft: Eine solche Gesellschaft muss das Zusammenleben ausgehend von menschlichen Bedürfnissen gestalten, anstatt sich weiter an Wachstum und Profit auszurichten.

ZEIT ONLINE: Bedingungsloses Grundeinkommen, eine maximal 30-Stunden-Woche, Einschränkung der Erwerbsarbeit: Sie stellen Forderungen auf, die manche radikal und andere utopisch nennen würden. Halten Sie Ihr Programm eigentlich selbst für realistisch?

Winker: Dieses Programm als illusorisch zu bezeichnen, wäre selbst realitätsblind. Entweder würde es bedeuten, die Überforderung von Menschen in Care-Berufen und mit hohen familiären Sorgeaufgaben zu bestreiten. Oder es würde unterstellen, dass ein reiches Land wie Deutschland es sich nicht leisten kann, Abhilfe zu schaffen. Die Ziele wie ein bedingungsloses Grundeinkommen, die 30-Stunden-Woche oder den Ausbau von Kitas oder Pflegeheimen durchzusetzen, erfordert noch viel Arbeit an einer Verschiebung der Kräfteverhältnisse. Einfach wird das nicht. Unrealistisch jedoch ist es, mit weniger umfassenden Veränderungen eine echte Entlastung der Sorgearbeitenden zu erwarten.“

Gabriele Winkers feministische Perspektive auf das Grundeinkommen findet sich auch in der Broschüre des NetzwerksCare-Revolutionieren mit Grundeinkommen? [4]und in dem Buch „Das Bedingungslose Grundeinkommen. Feministische und postpatriarchale Perspektiven [5]“. Darin kritisiert sie feministische Ansätze, die die Erwerbsarbeit glorifizieren und ins Zentrum feministischer Emanzipationsansprüche stellen (vgl. Blaschke 2014 [6]). Stattdessen müsse man die entlohnte Arbeit zurückdrängen, die Ökonomisierung der Sorgearbeit kritisch beleuchten und einen Ökonomiebegriff etablieren, der die Trennung von entlohnter und nicht entlohnter Arbeit aufhebt. Gesellschaft und Wirtschaft seien an den menschlichen Bedürfnissen auszurichten, und nicht an Wachstum und Profit.

Foto: pixabay [7]