Thomas Morus – Begründer einer Einkommensgarantie?

Ronald Blaschke 17.07.2015 Druckversion

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In den nächsten Monaten sollen in kurzen Beiträgen Ideen von Menschen aus Europa und Amerika vorgestellt werden, die als Vordenker des Grundeinkommens gelten. Hier (PDF-Dokument) eine Einführung und Erläuterung zu Begriffen, die vorab gelesen werden sollten.

Um mit populären Irrtümern aufzuräumen, werden zunächst einige vermeintliche Vordenker des Grundeinkommens oder ähnlicher Ideen im Zeitraum vom 16. bis 18. Jahrhundert vorgestellt. Der Erste ist Thomas Morus.

Zuvor einige grundsätzliche Bemerkungen zum genannten Zeitraum. Diese Zeit war in Europa in sozialer Hinsicht geprägt vom Übergang einer auf caritas (Nächstenliebe, Wohltätigkeit) beruhenden privaten oder christlich-institutionalisierten Fürsorge für arme Menschen zu einer vom politischen Gemeinwesen, also von der öffentlichen Hand organisierten Unterstützung und Versorgung Armer und Bedürftiger. Armut war in der christlichen Gemeinschaft oder privat organisierten Armenunterstützung ein Anlass für Barmherzigkeit. Armen Almosen zu geben galt als gute, gottgefällige Tat. Arme und Reiche standen in einem funktionalen Verhältnis zueinander: Den Reichen oblag die Erlösung der Armen von Armut, den Armen die Erlösung der Reichen für den Eintritt ins Himmelsreich. Dieses traditionell funktionale Verhältnis wird im Zuge wachsender Wertschätzung der Arbeit zunehmend durch eine öffentlich-rechtlich geregelte Armenfürsorge ersetzt. Arbeitsfähige Arme sollen nun ihren Lebensunterhalt selbst erwirtschaften oder wurden zur Arbeit in öffentlichen Einrichtungen gezwungen: Armut galt es nun durch eigene Arbeit zu überwinden. Wer nicht arbeitete, obwohl er dazu in der Lage gewesen wäre, sollte auch nicht essen. Der unterstützenswürdige Arme hatte ein gewisses Anrecht auf Armenunterstützung bzw. Unterstützung für die Erwirtschaftung des Lebensunterhalts. Der unwürdige Arme aber, der sich nicht bemühte und sich nicht den herrschenden Verhaltensnormen unterwarf, wurde benachteiligt, bestraft und eingesperrt, oder er verhungerte (vgl. Vobruba). Die neue, säkulare Armenunterstützung hatte die Funktion, das protestantische und bürgerliche Arbeitsethos durchzusetzen. Später diente sie dazu, Existenz- und Teilhabesicherung der Lohnabhängigen an Lohnarbeit zu koppeln. Das politische Gemeinwesen wurde rechtlich zuständig für die Armenfürsorge und für die Durchsetzung der mit ihr verbundenen protestantischen, bürgerlichen und kapitalistischen Normen und Herrschaftsverhältnisse. Die zunächst kommunal, später nationalstaatlich organisierte Armenfürsorge bzw. Armenunterstützung war verbunden mit Ökonomisierung, Verrechtlichung und Pädagogisierung der Armut, mit öffentlicher Kontrolle der Lebensführung der Armen und mit der Einführung vielfältiger Formen der Zwangsarbeit für arbeitsfähige Arme.

Die Begründer der Idee einer öffentlich-rechtlich organisierten Armutsbekämpfung im frühen 16. Jahrhundert waren keine Streiter für ein Mindesteinkommen oder einer Einkommensgarantie, wie es zum Beispiel Yannick Vanderborght und Philippe Van Parijs behaupten (vgl. Vanderborght/Van Parjis). Sie plädierten auch nicht für ein Grundeinkommen. Im Gegenteil: Sie wollten eine geringe, diskriminierende, stigmatisierende und repressive Grund- und Mindestversorgung für die Armen. Die Unterstützung sollte nur in seltensten Fällen in Geldform geleistet werden. Vertreten wurde die Ansicht, dass die arbeitsfähigen Armen wirtschaftlich aktiviert werden sollten. Sie sollten Erwerbsarbeit leisten oder den Lebensunterhalt subsistenzwirtschaftlich erarbeiten. Auch öffentlich organisierte Zwangsarbeit bzw. öffentliche Einrichtungen wie Arbeitshäuser wurden vorgeschlagen. Die im 19. und 20. Jahrhundert bestehende Armenfürsorge und heutige repressive, diskriminierende und stigmatisierende Grund- bzw. Mindestsicherungssysteme haben ideengeschichtlich und praktisch ihren Ursprung in diesen Ansätzen der Armutsbekämpfung. Anhand einer Auswahl verschiedener Vordenker (und auch am Beispiel des Speenhamland-Systems) sollen Ideen und Grundzüge dieser Form der Armutsbekämpfung und Armenfürsorge näher erläutert werden. *

Schlug Thomas Morus eine Einkommensgarantie vor?

Dem Engländer Thomas More (Thomas Morus, 1478 – 1535) wird nachgesagt, er habe den „Vorschlag einer Einkommensgarantie“ gemacht (vgl. Vanderborght/Van Parjis). Das hat er nicht. Morus lässt seinen Protagonisten in „Utopia“ (1516), Raphael Hythlodäus, zwar sagen, dass ein gesicherter Unterhalt für Arme eher vom Diebstahl abhalten würde als die Drohung mit der Todesstrafe: „So verhängt man harte und entsetzliche Strafen über Diebe, während man viel eher dafür hätte sorgen sollen, daß sie ihren Unterhalt haben, damit sich niemand der grausigen Notwendigkeit ausgegrenzt sieht, erst zu stehlen und dann zu sterben.“ Morus lässt seinen Protagonisten mehrere Gründe für Diebstahl nennen: Entlassung der Dienerschaft, die kein Handwerk gelernt hat, aus ihren Diensten bei Adligen; marodierende Söldner der Armeen; von ihren Höfen und ihren Ländereien vertriebene Pächter infolge der Ausweitung der Weideflächen für Schafherden, die in den Händen weniger Reicher sind.

Morus plädiert dafür, dass der Unterhalt der Armen grundsätzlich durch deren eigene Arbeit gesichert werden sollte, nicht durch eine garantierte Geldleistung des Gemeinwesens. Diese Auffassung verbindet er mit Ideen der Regulierung der Ökonomie: „Trefft die Bestimmung, daß diejenigen, die Gehöfte und ländlichen Siedlungen zerstört haben, sie wieder aufbauen oder denen abtreten, die zum Wiederaufbau bereit sind und bauen wollen. Schränkt jene üblen Aufkäufe der Reichen und der Freiheit ihres Handels ein, der einem Monopol gleichkommt. Die Zahl derer, die vom Müßiggang leben, soll kleiner werden; der Ackerbau soll wieder aufleben; die Wollspinnerei soll wieder in Gang kommen, damit es eine ehrbare Beschäftigung gibt, durch die jene Schar von Tagedieben einen nutzbringenden Erwerb findet, sie, die die Not bisher zu Dieben gemacht hat oder die jetzt Landstreicher oder müßige Dienstmannen sind und ohne Zweifel dereinst Diebe sein werden.“

Mit den Worten seiner Hauptfigur in „Utopia“, Raphael Hythlodäus, empfiehlt Morus darüber hinaus für England eine andere Art Strafe für stehlende Arme: Diebe sollten zu Zwangsarbeit verurteilt werden, öffentlichen Arbeitsdienst verrichten, und dabei notfalls zur Arbeit geprügelt werden. Bei schwerem Diebstahl solle der Dieb ins Arbeitshaus gesteckt werden. Sollte das Diebesgut abhanden gekommen sein, so dass der ertappte Dieb es nicht zurückgeben kann, „so ersetzt und bezahlt man seinen Wert aus dem Besitz der Diebe, den Rest behalten ihre Frauen und Kinder, den Dieb selbst verurteilt man zu Zwangsarbeit. Nur wenn schwerer Diebstahl vorliegt, sperrt man sie ins Arbeitshaus, wo sie Fußfesseln tragen müssen; sonst behalten sie ihre Freiheit und verrichten ungefesselt öffentliche Arbeiten. Zeigen sie sich widerspenstig und zu träge, so legt man sie zur Strafe nicht in Fesseln, sondern treibt sie durch Prügel zur Arbeit an; Fleißige dagegen bleiben von Gewalttätigkeiten verschont; nur des Nachts schließt man sie in Schlafräumen ein, nachdem man sie durch Namenaufruf kontrolliert hat. Die dauernde Arbeit ist die einzige Unannehmlichkeit in ihrem Leben. Ihre Verpflegung ist nämlich nicht kärglich. Anderswo wieder sind gewisse öffentliche Einkünfte für diesen Zweck bestimmt, und zwar in den einzelnen Gegenden auf verschiedene Weise. Hier und da nämlich deckt man den Aufwand für sie aus Almosen […]. Für diejenigen, die öffentliche Arbeiten verrichten, wird sie aus öffentlichen Mitteln bestritten. […] Ja, an einigen Orten verrichten die Sträflinge keine Arbeit für die Öffentlichkeit, sondern, wenn ein Privatmann Lohnarbeiter braucht, so mietet er die Arbeitskraft eines beliebigen von ihnen auf dem Markt für den betreffenden Tag und zahlt dafür einen festgesetzten Lohn, nur etwas weniger, als er für freie Lohnarbeit würde zahlen müssen. Außerdem steht ihm das Recht zu, faule Sklaven zu peitschen. Auf diese Weise haben sie niemals Mangel an Arbeit, und außer seinem Lebensunterhalt verdient jeder täglich noch etwas, was er an die Staatskasse abführt.“ Demgegenüber sollten Geldgeschenke an Arme, aber auch die Annahme von Geldgeschenken durch Arme hart bestraft werden: „wer […] ein Geldgeschenk gibt oder annimmt, wird mit dem Tode bestraft.“

Thomas Morus kann als Begründer der repressiven Armutsbekämpfung bezeichnet werden, die mit außerökonomischem und ökonomischem Zwang zur Arbeit verbunden ist. Eine Einkommensgarantie hat er nicht vorgeschlagen.

Die folgende Passage aus den Erläuterungen zum Gemeinwesen der Utopier dient gelegentlich als Beweis dafür, dass Morus ein Grundeinkommen im Sinn hatte: „In der Mitte eines jeden [Teils der Stadt, R. B.) befindet sich ein Markt für alle Arten von Waren. Dorthin schafft man die Arbeitserzeugnisse einer jeden Familie in bestimmte Häuser, und die einzelnen Warengattungen sind gesondert auf Speicher verteilt. Jeder Familienvater verlangt dort, was er selbst und die Seinen brauchen, und nimmt alles, was er haben will, mit, und zwar ohne Bezahlung und überhaupt ohne jede Gegenleistung. Warum sollte man ihm nämlich auch etwas verweigern? Alles ist ja im Überfluß vorhanden, und man braucht nicht zu befürchten, daß jemand die Absicht hat, mehr zu verlangen, als er braucht.“ Analoges gilt für die Landwirte und Ackerbauern, die u. a. die Nahrungsmittel für die Städter und sich selbst produzieren: „Alles, was sie an Hausrat brauchen, den es auf dem Lande nicht gibt, verlangen sie von der Stadt und erhalten es auch ohne jede Gegenleistung bereitwillig von den Behörden.“

Ein Grundeinkommen ist das aber nicht, denn auf der Insel der Utopier besteht allgemeine Arbeitspflicht. Alle müssen eine bestimmte Zeit auf dem Land arbeiten und üben ansonsten ein handwerkliches oder anderes Gewerbe aus: „Ein Gewerbe betreiben alle, Männer und Frauen ohne Unterschied: den Ackerbau, und auf ihn versteht sich jedermann. […] Neben der Landwirtschaft […] erlernt jeder noch irgendein Handwerk als seinen besonderen Beruf.“ Damit sind „also alle in nützlichen Gewerbe beschäftigt […].“ Wenn jemand sich außerhalb seines Arbeits- und Wohnortes aufhält, so war er ebenfalls nicht von der Arbeitspflicht befreit: „Wohin er aber auch aufs Land kommt, nirgends gibt man ihm etwas zu essen, ehe er nicht das dort vor dem Mittag- oder Abendessen übliche Arbeitspensum erledigt hat […]. Ihr seht schon, in Utopien gibt es nirgends eine Möglichkeit zum Müßiggang oder einen Vorwand zur Trägheit. […]: jeder ist vielmehr den Blicken der Allgemeinheit ausgesetzt, die ihn entweder zur gewohnten Arbeit zwingt oder nur ein ehrbares Vergnügen gestattet.“ Von der (Hand-)Arbeit befreit waren nur die Priester, Beamte, Studierende und Syphogranten, die Vorsteher eines Familienverbundes. „Die besondere und beinahe einzige Aufgabe der Syphogranten ist es, sich angelegentlich darum zu kümmern, daß niemand untätig herumsitzt, sondern daß jeder sein Gewerbe mit Fleiß betreibt, ohne sich jedoch, gleich einem Lasttiere, in ununterbrochener Arbeit vom frühesten Morgen an bis in die tiefe Nacht abzumühen; denn das wäre eine mehr als sklavische Plackerei.“

Der geldlose Austausch von Gütern bei den Utopiern basiert also auf einer bestimmten Arbeitsorganisation inkl. Arbeitspflicht für alle. Auch hier kann also von einer „Einkommensgarantie“ oder einer bedingungslosen Grundversorgung nicht die Rede sein.**

* Literatur:

Georg Vobruba, Arbeiten und Essen. Die Logik im Wandel des Verhältnisses von gesellschaftlicher Arbeit und existentieller Sicherung im Kapitalismus, in: Stephan Leibfried/Florian Tennstedt (Hrsg.), Politik der Armut und Die Spaltung des Sozialstaates, Frankfurt/Main 1985, S. 42;

Yannick Vanderborght/Philippe Van Parijs, Ein Grundeinkommen für alle? Geschichte und Zukunft eines radikalen Vorschlags, Frankfurt/Main 2005, S. 15 f.

 ** Literatur:

Yannick Vanderborght/Philippe Van Parijs, Ein Grundeinkommen für alle? Geschichte und Zukunft eines radikalen Vorschlags, Frankfurt/Main 2005, S. 15;

Thomas Morus, Utopia, Leipzig 1985, S. 19 ff.; Text auch hier: http://www.gutenberg.org/files/26971/26971-h/26971-h.htm 

Bemerkung: Die Passage zur Arbeits- und Verteilungsorganisation bei den Utopiern wurde am 30. Juli 2015 in diesen Text eingefügt.

3 Kommentare

Claudia Meier schrieb am 18.07.2015, 08:50 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Armut ist kein modernes Problem. Viele Wege, Vordenker, Ideen und 400 Jahre lösten es nicht, obwohl schon sehr früh die Ursachen der Armut wenigstens im Ansatz erkannt wurden. Dass sich trotzdem nichts geändert hat liegt daran, dass es für die existentielle Armut Gründe gibt, die bis heute nicht gesehen werden: Existenzbezogene und geistige Verwahrlosung berauben Menschen der Fähigkeit, sich selbst aus der Armut zu befreien, aus einem Mangel an Kenntnis über Möglichkeiten, Fähigkeiten, Wissen und Verständnis für das Leben und seine Perspektiven. Es besteht eine gewisse Hilflosigkeit, ein Teufelskreis, der Lebensenergie verschwendet für den Überlebenskampf und damit, einer Depression gleich, wie ein schwarzes Loch alles in sich einsaugt, was noch Hoffnung geben könnte. Ein Grundeinkommen hätte also nicht für alle den gewünschten Effekt und würde zwangsläufig die Gesellschaft neu strukturieren. Diese müsste sich ihrer sozialen Verantwortung bewusst werden, denn bis sich durch ein Grundeinkommen ein neues Bewusstsein beim Einzelnen wie in der Gesellschaft etabliert, vergeht viel Zeit. Es ist Zeit für ein neues Bewusstsein, das die Welt wirklich verändern kann.

Ronald Blaschke schrieb am 20.07.2015, 10:09 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Armut hat gesellschaftliche Ursachen, das wusste schon Thomas Morus. Die Folgen von Armut sind also keineswegs dem Individuum zur Last zu legen, sondern "verwahrlosten" gesellschaftlichen Bedingungen in einem Land, in dem ausreichende Existenzsicherung nicht allen Menschen möglich ist und der Zugang zu Bildung, Kultur, Mobilität und Gesundheitsversorgung entweder vollkommen vom Geldbeutel abhängt oder mit diskriminierenden und stigmatisierenden Sonderregelungen verbunden ist. Grundeinkommen und kostenfreie soziale Infrastruktur und Dienstleistungen sind daher ein geeigneter Weg, Armut und ihre Folgen abzuschaffen. Sie bieten auch gute Rahmenbedingungen, der Ausgrenzung von Armen vorzubeugen, und gute Möglichkeiten für Betroffene, ihre Fähigkeiten zu entwickeln.

Jens Willibald schrieb am 04.06.2016, 14:27 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Es ist sogar noch schlimmer in Utopia. Selbst die Rente wird den Menschen nicht gegönnt. In Utopia erwartet man von alten Menschen, wenn sie der Gesellschaft nicht mehr nützlich sind, dass sie sich für den Freitod entscheiden. Da kann von bedingungslosem Grundeinkommen wirklich nicht die Rede sein.

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