Warum das bedingungslose Grundeinkommen die Arbeit aufwertet

Michael Sienhold 17.09.2016 Druckversion

Wenn wir uns Dingen widmen und uns dabei ohne Notwendigkeit von etwas abhängig machen, was der Sache selbst abträglich sein kann, dann ist das unklug. Schwächen wir unsere Möglichkeit zur sachlichen Eigenverantwortung, indem wir das Motiv der Existenzsicherung an unser Tätigsein binden, gefährden wir den Zweck und die Qualität der Tätigkeit selbst. Steigern beispielsweise Mitarbeiter die Produktivität ihres Unternehmens und leisten somit einen sachdienlichen Beitrag, gefährden sie im heutigen System ihre eigene Existenzgrundlage. Mit einem Grundeinkommen befreien wir uns von diesem potenziell sachfremden Hemmnis der Existenzsicherung und lassen einen uneingeschränkten Blick auf die Tätigkeit selbst zu.

Das Grundeinkommen stärkt nicht nur die Möglichkeit, im Sinne der Sache, sondern auch um ihrer selbst willen tätig zu sein. Gleichwohl ermöglicht es andere Arbeitsmotivationen gleichermaßen und bewertet sie nicht – seien sie eher extrinsischer Natur oder aus dem Gefühl der Notwendigkeit resultierend. Durch seinen neutralen Charakter überlässt das Grundeinkommen die Sinnstiftung des Tätigseins individuellen Wertvorstellungen. Dabei gewährt es dem einzelnen diese Freiheit nur unter der Voraussetzung, dass sie jedem anderen gleichermaßen gewährt wird. So erschweren wir uns die Möglichkeit zur Fremdbestimmung bzw. gegenseitigen Instrumentalisierung und bringen die Überzeugung zum Ausdruck, wirkliche Leistung nur ermöglichen, nicht aber erzwingen zu können. Mit anderen Worten: Wir können in einem geschlossenen System mit Grundeinkommen Leistungen anderer nur unter der Voraussetzung ihrer Freiheit zu dieser Leistung in Anspruch nehmen.

Die Freiheit zur Leistung impliziert die Freiheit zu Wertvorstellungen, unter denen die Leistung eine Leistung ist. Erbringt ein größerer Anteil der Bevölkerung als heute Leistungen, die sie ganzheitlich als Leistungen empfinden, ist das der Qualität der Produkte und Dienstleistungen förderlich.

Die gegenwärtige Erwerbspflicht birgt hingegen die Gefahr, das menschliche Grundbedürfnis nach selbstbestimmt sinngerichtetem Tätigsein zu verletzen. Die Erwerbspflicht gibt nicht jedem Individuum in gleicher Weise die Möglichkeit, Zwecke und Handlungsweisen zu wählen und zu bewerten – also zu verantworten. Dieses Übergehen individueller Sichtweisen gefährdet nicht nur die Leistungsbereitschaft, weil ihr Sinnstiftung und Mitbestimmungsmöglichkeiten essentiell sind, sondern schwächt auch die Verbindlichkeit von Werten. Denn Verhaltensweisen mit der Drohung zu erzwingen, die Existenzgrundlage zu entziehen, erzeugt Gleichgültigkeit, weil das Verbindliche oder Bindende selbst – nämlich individuelle Wertvorstellungen – übergangen wird.

Auch aus der realpolitischen Perspektive „gerechter Entlohnung“ wertet das Grundeinkommen die Arbeit auf. Sinken im gegenwärtigen System Transfereinkommen mit erzieltem Erwerbseinkommen, lohnt sich bei den meisten bekannten BGE-Modellen jedes zusätzlich erworbene Einkommen ab dem ersten Euro. Werden Grund- und Erwerbseinkommen nicht miteinander verrechnet, erzielen Erwerbstätige – abgesehen von nicht- tätigkeitsbasierten Vermögenszuwächsen – in jedem Fall höhere Brutto- und Netto-Einkommen als Nicht-Erwerbstätige. Damit realisiert sich zugleich das Lohnabstandsgebot.

Die Möglichkeit zur Selbstbestimmung aller Bürger als ideal anzuerkennen und dennoch unter dem Aspekt der Leistungsgerechtigkeit am normativen Vorrang der Erwerbsarbeit festzuhalten, suggeriert Realismus und ist doch irreal. Denn die in der Arbeitsteilung erbrachte Leistung fußt auf unbezahlten Vorleistungen der jüngeren und älteren Vergangenheit. Ohne familiäre Bildungsprozesse könnten bezahlte Leistungen ebenso wenig erbracht werden wie ohne technische oder kulturelle Innovationen der Vergangenheit, zu denen die gegenwärtig Erwerbstätigen nicht mehr beigetragen haben als die gegenwärtig Erwerbslosen. Einseitig zu definieren, was Leistungen sind und was nicht, verkennt zudem das Perspektivische jeder Bewertung und missachtet das demokratische Prinzip, Selbstbestimmung und -bewertung um ihrer selbst willen zu ermöglichen.

Einen Kommentar schreiben

Erforderliche Felder sind mit * markiert.
Bitte beachten Sie die Regeln für die Veröffentlichung von Kommentaren.

Sie können diese HTML-Tags nutzen: <a href="" title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <q cite=""> <strong> <pre> <ul> <ol> <li>