Feldversuche zum Grundeinkommen in Deutschland

Herbert Wilkens 17.12.2009 Druckversion

Wie das Manager Magazin am 17. Dezember 2009 meldet, sollen schon Mitte 2010 Feldversuche in unterschiedlichen deutschen Gemeinden klären, wie sich ein Grundeinkommen auf das Leben der Bezieher dieses festen Betrages auswirkt. Die Durchführung wird bei der Breuninger-Stiftung liegen.

Damit wird eine der Ideen von Götz Werner zur Fortentwicklung der Vision vom allgemeinen Grundeinkommen umgesetzt, die er in seiner Zwischenbilanz erstmals vorbrachte (wir berichteten). Dort schrieb er: „Beginnen wir mit der Labormethode: Man könnte ein Grundeinkommen zunächst versuchsweise einführen, um seine ökonomischen, fiskalischen, gesellschaftlichen oder psychologischen Folgewirkungen zu studieren, bevor man es auf Grundlage der entsprechenden Erfahrungswerte flächendeckend etabliert.“

Die jetzigen Pläne für den Feldversuch sehen ein Grundeinkommen von EUR 800,- netto vor, zuzüglich der Sozialversicherungsbeiträge.

15 Kommentare

Rüdiger Vogt schrieb am 30.12.2009, 21:49 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Mein kurzer Kommentar zu möglichen psychologischen Folgewirkungen eines Feldversuches zum Grundeinkommen: Ich nehme an, dass die Freisetzung der Menschen aus den oftmals irr-sinnigen Arbeitsprozessen und ebensolchen Arbeitslosen-Verhältnissen sie quasi in biotopische Zustände versetzt. Ähnlich wie bei der Stillegung von landwirtschaftlichen Flächen werden sie zum Wesentlichen finden. Und ebenso wie bei den Flächen wird es eine Weile dauern, bis die Menschen zu dem Handeln finden, das ihnen zutiefst gemäß ist. Eben das wird auch dazu führen, dass sich die Menschen zu Gruppen zusammen finden, um das Zusammenleben der Menschen wieder neu zu definieren und das Zusammenleben mit der Natur, quasi mit allem Sein.

Christiana Halsdorfe schrieb am 12.01.2010, 13:29 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Ich hätte nicht gedacht, dass das jetzt so schnell geht!! Sehr vernünftig der Feldversuch. Bin schon auf die Ergebnisse gespannt, ich finde nämlich, dass 800 EUR für den Anfang zu hoch angesetzt ist.

Jochen Klaubert schrieb am 13.01.2010, 14:18 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Der Versuch soll nur 2 Jahre dauern. Es ist etwas völlig anderes ob ich ein Grundeinkommen für 2 Jahre oder für den Rest meines Lebens bekomme. Mit der Aussicht bald wieder selbst verdienen zu müssen, wird vermutlich kaum jemand seine Arbeit aufgeben, was bei einem lebenslangen Grundeinkommen gut möglich ist. Daher nehme ich an, dass der Versuch zumindest in dieser Hinsicht kein Ergebnis bringen wird, das auf eine echte Grundeinkommens-Situation übertragbar ist. - Trotzdem freue ich mich, dass so etwas unternommen wird.

Vera Beck schrieb am 14.01.2010, 13:39 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Ich finde diesen Feldversuch sehr gut. 800,-- Euro finde ich keinesfalls zu hoch angesetzt. Wenn man davon die monatlichen Fixkosten abzieht, wie Miete, Mietnebenkosten, Strom, Telefon, Versicherungen, Fahrtkosten, Auto etc., bleibt nicht mehr viel übrig für Kleidung, Essen, Trinken, Reinigungsmittel etc.!

Jan Bromberger schrieb am 18.01.2010, 23:47 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Ich persönlich freue mich, dass etwas voran geht. Wir müssen im Hinterkopf halten, dass die Ergebnisse interpretiert werden müssen und vermutlich werden wir auf diesen Umstand auch in vielen Gesprächen hinweisen müssen. Aber das ist eine Form, die aus privater Initiative durchgeführt werden kann. Häppchen- und Wellenmethode brauchen einfach eine politische Mehrheit und vermutlich noch viel Zeit. Schon dieses Jahr! Das ist doch ein Grund zur Freude.

Juna schrieb am 20.01.2010, 14:22 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Schön, dass die Diskussion soweit gediehen ist, aber Götz Werner hat in o.g. Artikel gerade von dem "Laborfeldversuch" abgeraten, da er durch die zeitliche und räumliche Begrenzung nicht wirklich abbilden würde, was geschieht und unweigerlich zu - vorübergehender - Ungleichbehandlung von Bürgern führen würde. In dem Artikel empfielt Götz Werner die "Wellenmethode" (mit einer Bevölkerungsgruppe, z.B. Kindern beginnen).

BrunO schrieb am 24.01.2010, 14:53 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Das Bedingungslose Grundeinkommen sollte wirklich bedingungslos sein, ansonsten ist es nicht bedingungslos! Solche Feldversuche suggerieren eine Bestätigung des alten Wertemodelles: Wer nicht abeitet, soll nicht essen usw. Wenn man so beweisen will, dass sich Menschen unter den Bedingungen eines BGE sinnvoll beschäftigen, stellt man eben dies als Bedingung für den Bezug auf.

Frank schrieb am 27.01.2010, 10:59 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Dieser Feldversuch wird nach hinten losgehen. Es gibt nämlich keine Arbeitsplätze, auf denen ein Mensch mit Grundeinkommen eingesetzt werden könnte. Wenn man einen Feldversuch macht, dann müsste man auch das Umfeld so gestalten, daß es bezahlte Arbeit gibt oder andere Möglichkeiten sich einzubringen. Was soll das also? Am Ende des Versuchs wird herauskommen; "Die Bezieher des BGE saßen nur aul auf der Couch und schauten fern!" Vielleicht wird der eine oder andere sich einen Billigjob suchen, das bringt aber auch nichts für die Gesellschaft! Beste Grüße

Bernhard schrieb am 28.01.2010, 23:25 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Für die teilnehmenden Arbeitnehmer ändert sich im Prinzip überhaupt nichts. Nur, dass sie wahrscheinlich zwei Jahre lang einen "doppelten" Kündigungsschutz haben. Der normale Kündigungsschutz, und weil der Mitarbeiter 800 Euro "billiger" ist. Die anderen werden einen Job finden, da sie ja ebenfalls weniger Einkommen verlangen. Ein paar Teilnehmer werden eventuell einen Internet-Shop aufbauen. Wahrscheinlich werden die meisten Teilnehmer zumindest am Anfang viel ruhiger schlafen. Dabei wird es im groben bleiben. Achtung: Wenn die Bilanz positiv ausfällt, dann werden die Unverbesserlichen sagen: "Ohne den 2-Jahresdruck wäre das gute Ergebnis nie möglich gewesen."

Waltraud schrieb am 03.02.2010, 15:37 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Ich habe erst vor kurzem vom BGE gehört. Habe sehr viel recherchiert und auch die Gegenargumente angesehen und -gehört und bin zu der Überzeugung gelangt, dass diese revolutionäre Idee die einzige Möglichkeit ist unsere Gesellschaft zu retten. Man muss sich doch nur den Verlauf der Demographie anschauen, um zu erkennen so kann es nicht weitergehen. Unsere Kinder hätten überhaupt keinen "Bock" mehr zu arbeiten, weil der größte Teil ihres "Verdienstes" der Steuer "zum Opfer" fiele, um die Renten zu finanzieren (Generationsvertrag).Die Arbeits"un"lust wird also viel größer, wenn der jetzige Kurs beigehalten wird. Der Generationsvertrag funktioniert nicht mehr!!! Auch mit dem BGE würden wir indirekt für andere sorgen. Alles wäre aber viel gerechter verteilt. Und somit würde unsere Motivation nicht untergraben. Was ist mit den heutigen "Älteren", die aufgrund ihrer junggebliebenen Einstellung und Gesundheit gerne arbeiten würden... aber aufgrund ihres Geburtsdatums nicht arbeiten dürfe, weil die meisten Firmen Menschen über 50 nicht mehr haben wollen. Folge: Harz IV!!! Das ohnmächtige Gefühl, das hier entsteht gegenüber dem Staat, der nichts dagegen tut, und die Wut auf die hinterweltlerischen Firmen-Chefs wächst. Zusammengefasst: So, wie es jetzt ist kann es nicht weitergehen, weil nicht finanzierbar, demotivierend für den Großteil unserer Gesellschaft und frustrierend. Das BGE wäre eine Lösung. Der Politiker, der sich hierfür öffentlich einsetzt hat schon jetzt meine Anerkennung und meinen Respekt. Mut zum Umdenken, auch wenn es mit viel (Aufklärungs-)Arbeit verbunden ist... das fehlt meines Erachtens in unserer Politik. Klar, dass es Menschen gibt, die ihren Profit aus der "jetzigen" Situation ziehen. Aber... hey...wir sind in der Mehrheit. Ich würde sofort einer Partei beitreten, die sich auf faire Weise für das BGE öffentlich einsetzt, Ja, es ist schon fast Voraussetzung für mich um überhaupt zur Wahl zu gehen. Ich verlasse mich allerdings darauf, dass dieses Modell finanzierbar ist. Es erscheint mir jedenfalls logisch. Emotional gesehen, bin ich überzeugt davon, dass zwar einige Menschen vorüberhend die Situation ausnutzen, um sich zu erholen. Aber langfristig gesehen wird "die Post abgehen". Es wird nach dieser bleiernden Schwere eine große Lebensfreude aufkommen. Und, Hand aufs Herz, wer will behaupten dass Freude etwas bedrohliches ist? Zum Feldversuch: Grundsätzlich eine gute Idee, um einen ganz groben Überblick zu erhalten. Aber auch ich denke, dass ein Feldversuch nicht die Wirklichkeit widerspiegeln kann. Ich denke die Wellenbewegung, also angefangen bei Kindern ab einem bestimmten Jahrgang, ist realistischer. Übrigens, Familien wären wieder "in"!!!! Heute lebt man mit 4 Kindern und einem "normalen" Einkommen doch am Existenzminimum. Hinzu kommt, dass diese Kinder im Leben drei Mal dafür bestraft werden, dass sie existieren (nur finanziell gesehen!!): In der Kindheit gehört das Verzichtenmüssen zum Alltag (und nicht zu einer erzieherischen Maßnahme). Und wenn sie das Glück haben, als Ewachsene eine Arbeit zu bekommen, wird ein Großteil ihres Einkommens abgezwackt für Steuern (Generationsvertrag)und Sozialabgaben. Erreichen Sie dann ihr Rentenalter, bekommen sie so gut wie keine Rente. Pech, wenn es versäumt wurde (auch aus Geldmangel) eine zusätzliche Rente aufzubauen. Von der Wiege bis zur Bahre nur (finanzieller)Frust und Existenzängste. So sehe ich jedenfalls die Zukunft für unsere Kinder. Unter diesen Umständen kann ich doch nur jedem empfehlen.... bloß keine Kinder!!!! Ich bin im höchsten Maße frustriert, wie wohl unschwer zu erkennen ist. Aber Informationen zum BGE haben mir wieder Mut gemacht, dass sich... und besonders für meine Kinder... doch noch etwas ändern könnte. Die totale Hoffnungslosigkeit hat sich in Hoffnung umgewandelt, auch wenn ich das Ergebnis vielleicht nicht mehr erleben werde.

Sternentau schrieb am 08.02.2010, 14:12 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Klasse - ein Anfang ist gemacht. Es würde mich interessieren, wie die Gemeinden oder Menschen ausgewählt wurden. Ob die Gruppe aus gleichermaßen Arbeitslosen, Arbeitsplatz habenden usw. besteht. Bin gespannt auf den Verlauf und die Ergebnisse und hoffe, dass die Menschen zu sich finden ohne die Sorge im Hinterkopf, dass es nach Ablauf wieder in die unwürdige Welt des Billiglohnarbeitsmarktes geht.

krebs schrieb am 21.02.2010, 14:00 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Gibt es nach Ihrer Auffassung Personen, die sich im Rahmen der Tätigkeitsgesellschaft für keinen Teilbereich interessieren und nur in den Tag hinein leben? Erhalten die ebenfalls das Grundeinkommen, wenn ja, wie lange? Wie hoch schätzen Sie den Anteil dieser Personen, entweder prozentual oder absolut?

Andreas und Anja schrieb am 25.02.2010, 23:36 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Auch wir haben schon seit längerem vom BGE gehört und es mit wachsendem Interesse verfolgt! Der Feldversuch klingt auf jeden Fall nach einem ersten, guten Schritt in die richtige Richtung! Wir hoffen sehr, dass es nicht nur bei einem Versuch bleiben wird, denn durch das BGE wird nicht zuletzt auch die Kriminalitätsrate deutlich gesenkt! Viele, die heute vielleicht keinen Sinn in ihrer Tätigkeit sehen, bekommen somit die Möglichkeit alles aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und sich evtl. auch umzuorientieren, in Bereichen tätig zu werden, die mehr ihren Interessen oder Stärken entsprechen! Alles in Allem ist das BGE durchweg eine positive Sache, die uns Menschen wieder das Gefühl gibt, selbst etwas wert zu sein.

Manu schrieb am 07.03.2010, 12:31 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Ich denke, endlich auch einen Feldversuch in Deutschland durchzuführen und wissenschaftlich zu begleiten, ist sehr sinnvoll und dringend nötig. Dass man allerdings die psychologischen Folgen bei einem Projekt, was nur über 2 Jahre angelegt ist, angemessen einschätzen kann, wage ich zu bezweifeln. Eine Grundeinstellung zur Arbeit ändert sich nicht in 2 Jahren und erst recht nicht, wenn ein Ende der Grundversorgung bereits anzusehen ist. Es gibt bereits kleine Projekte, z.B. in Brasilien, die längerfristig angelegt sind und dort lässt sich die Entwicklung von Kleinstunternehmertum beobachten. Ob sich das auch in Deutschland entwickeln würde, lässt sich bei einer Projektdauer von 2 Jahren nicht sagen. Und gerade das wäre ja langfristig interessant. Nur so kann man zeigen, ob ein BGE eher zu wirtschaftlichem Tatendrang beim Bürger oder zu dem vielfach befürchteten Faulenzertum führt.

Monik@ schrieb am 09.12.2010, 15:26 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Die Würde des Menschen ist antastbar / Hartz IV Nicht nur Führungskräfte leiden unter einem Burn-out Syndrom, sondern zunehmend auch Menschen unter Hartz IV, denn nicht zu arbeiten macht auch krank. Der ständige Druck der Arge, in Arbeit zu kommen, als wären alle Hartz-IV-Empfänger potentielle Faulenzer. Die vermeintliche Unfähigkeit, Arbeit zu bekommen, nach der x-ten Absage. Sich ständig neu und positiv aufstellen zu müssen - wer kann das schon? Das BGE wäre eine Chance, ohne Druck, für sich selbst neue, kreative Ideen zu entwickeln und auch in Arbeit umzusetzen. Es wäre eine Chance, wieder an einem menschenwürdigen Leben teilzunehmen, denn den Anspruch auf geistige und seelische Nahrung gebe ich nicht mit dem Hartz-IV-Antrag ab. Auch wenn wir (noch) eine Minderheit sind, ist der Anteil der Akademiker angestiegen. Also bitte behandelt uns nicht wie „die da unten“. Auch wir waren mal oben. Ein bisschen mehr Demut und Solidarität ist angebracht. Es kann jeden jederzeit treffen …

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