BIEN-Kongress 2018 in Tampere, Finnland

Reimund Acker 19.09.2018 Druckversion

Grundeinkommen als Menschenrecht? Na klar, sagt man schon rein gefühlsmäßig. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Das Thema ist komplex. Und zum genauen Hinsehen ist der Australier Philip Alston der richtige Mann. Rechtsprofessor an der Universität von New York, UN-Sonderberichterstatter für extreme Armut und Menschenrechte, sowie eine ungewöhnliche Mischung aus Besonnenheit und Kampfgeist, liefert er mit seinem Plenarvortrag bereits unmittelbar nach der Eröffnungssitzung das erste Highlight des Kongresses.

Ich meine den 18. Grundeinkommens-Weltkongress des Basic Income Earth Network (BIEN) vom 24. bis zum 26. August 2018 in der Universität von Tampere in Finnland. Ich nehme daran als Vertreter des Netzwerks Grundeinkommen teil, zusammen mit 300 Wissenschaftlern, Politikern, Grundeinkommens-Aktivisten aus 50 Ländern.

Zuvor hat uns bereits Tarja Halonen, früheres Staatsoberhaupt Finnlands, die Ehre erwiesen, den Kongress mit einer ausführlichen Rede zu eröffnen. Aber zurück zu Alston und den Menschenrechten. Wie es klingt, wenn ein hochrangiger Experte der UNO den Abgesandten von 193 Staaten auf sechs Seiten mal eben das Grundeinkommen erklärt, erfährt man durch einen Blick in Alstons Bericht A
/HRC/35/26 an die UN-Generalversammlung.

Grundeinkommen als Menschenrecht?

Philip Alston (Foto: Reimund Acker)

Alston sieht die Menschenrechte durch das weltweite Vordringen neoliberaler Politik zunehmend gefährdet, vor allem weil immer mehr Menschen an ökonomischer Sicherheit verlören. Der traditionelle Ansatz, die Arbeitseinkommen zu sichern, indem man die Arbeitsmärkte reguliert, laufe in Zeiten von Uber, Airbnb, Null-Stunden-Verträgen etc. zunehmend ins Leere. Staaten zu drängen, irrelevant werdende Standards einzuhalten, verliere an Sinn. Die UN-Menschenrechtler marschierten daher im „Zombie-Modus“ (wörtlich!): immer geradeaus auf dem vor langer Zeit festgelegten Weg ihrer zunehmend blutleeren Unternehmung.

Obwohl von UN-Menschenrechtlern erwartet werde, sich aus ökonomischen Fragen herauszuhalten, müssten sie nach Alstons Meinung gerade hier ansetzen. Er fordert, dass sich die Menschenrechtsbewegung mit folgenden fundamentalen Änderungen auseinandersetzt, die national und global stattfinden:

  • Die zunehmend prekäre Natur von Beschäftigungsverhältnissen;
  • die abnehmende Bedeutung traditioneller Formen der Arbeitsmarktregulierung angesichts der Ausbreitung globaler Lieferketten;
  • die Wahrscheinlichkeit, dass weite Teile der Arbeitnehmerschaft durch zunehmende Automatisierung und Roboterisierung überflüssig werden;
  • die damit verbundene immer größere Konzentration von Vermögen in den Händen der technologischen Eliten und Kapitaleigner;
  • die rapide und scheinbar unaufhaltsam wachsende Ungleichheit rund um den Erdball;
  • das Aufsteigen einer neuen neoliberalen Agenda mit noch mehr Steuersenkungen, Staatsabbau, Deregulierung und Privatisierung bis zu dem Punkt, wo der Staat nicht mehr in der Lage ist, soziale Rechte belangvoll zu schützen.

Eine der größten Herausforderungen beim Grundeinkommen sieht Alston in dessen „chamäleon-artigem Charakter“. Zur besseren Übersicht ordnet er die Hauptmotive für das Grundeinkommen in sechs verschiedene Klassen:

  • Faulheit vermeiden und zu Arbeit motivieren
  • Effizienz – in Form von Vermeidung von Sozialbetrug, Überlappung von Leistungsbezügen und Programmen, Bürokratieabbau
  • Anpassung an technischen Fortschritt, im Sinne sowohl einer Kompensation für verlorene Jobs als auch einer Umverteilung des durch ihn entstehenden Reichtums von Technologieunternehmern
  • Recht auf Arbeit – entweder für alle zusammen, in Form von Vollbeschäftigung, oder für jeden Einzelnen, eine erfüllende Arbeit zu wählen zu können
  • Freiheit, um über seinen beruflichen Werdegang entscheiden zu können, oder um aufgrund einer gewissen ökonomischen Sicherheit politische Rechte wahrnehmen zu können
  • Fairness und soziale Gerechtigkeit.

Alston betont, dass all diese Motive untrennbar mit der zuletzt genannte Kategorie verbunden sein müssten, wenn sie die Menschheit weiterbringen sollen.

Besonders spannend wird es, als Alston zu seiner zentralen Frage kommt: Wie könnte der Weg der Menschenrechtsaktivisten und -institutionen zum Grundeinkommen (BGE) aussehen? Seine sechs Vorschläge dazu lassen anwesende BGE-Veteranen aufhorchen:

  1. Sie müssten anerkennen, dass ökonomische Unsicherheit eine fundamentale Bedrohung der Menschenrechte darstelle. Zusammen mit extremer Ungleichheit und der Beherrschung der Politik durch ökonomische Eliten untergrabe sie die demokratischen Systeme, von denen die Wahrung der Menschenrechte abhänge.
  2. Sie müssten das Recht auf Arbeit, das Recht auf soziale Sicherheit und vor allem das Recht auf einen angemessenen Lebensstandard auf ihrer Agenda besonders hervorheben.
  3. Sie müssten wieder für eine zentrale Rolle des Staates eintreten, für eine faire und fortschrittliche Finanzpolitik, für Verteilungsgerechtigkeit, entgegen der vorherrschenden neoliberalen Ideologie.
  4. Sie müssten – zusammen mit den Verfechtern des Grundeinkommens – dafür sorgen, dass ihre BGE-Modelle nicht zu eng an die Staatsbürgerschaft gekoppelt seien, auf Kosten anderer Mitglieder der Gemeinschaft.
  5. Die Verfechter der Menschenrechte für Frauen müssten sich stärker in die Debatten über sozialen Schutz und Grundeinkommen einbringen; denn die zunehmende ökonomische Unsicherheit beeinträchtige die Gleichberechtigung der Geschlechter.
  6. Vor allem aber müssten die Debatte über social protection floors (sozialer Mindestschutz) und die über das Grundeinkommen zusammengeführt werden.

Und auch ich horche auf – Veteran oder nicht – als dieser tadellose Gentleman in seinem Schlusssatz verkündet, was seiner Meinung nach für die Anerkennung des Grundeinkommens als Menschenrecht nötig sei: Empörung!

Paradoxien

Louise Haagh, Professor an der Universität von (Old) York und später als BIEN-Vorsitzende wiedergewählt, betont in ihrem Plenarvortrag, dass sich nicht alle Leistungen des Sozialstaats durch Geld ersetzen ließen und plädiert für ein BGE ohne Abschaffung des Sozialstaats: „Der Sozialstaat braucht ein Grundeinkommen, und ein Grundeinkommen braucht den Sozialstaats“, lautet ihre These.

Die Politik für das BGE sei derzeit durch zwei Paradoxien gekennzeichnet. „The equality paradox“ nennt Haagh die Situation, dass einerseits die Motivation für das Grundeinkommen durch die zunehmende Ungleichheit zunehme, andererseits das BGE die Ungleichheit gerade vermindern solle. Allerdings ist dies ein Muster, das bei jedem Vorschlag zur Beseitigung oder Linderung eines Missstands vorliegt: Die Zustimmung für die Lösung hängt davon ab, dass das Problem fortbesteht oder sogar schlimmer wird. Auch dem sogenannten „Helfersyndrom“ liegt dieses Muster zugrunde.

Ein „opportunity paradox“ sieht Haagh darin, dass weltweit das Interesse am Grundeinkommen ausgerechnet in einer Zeit zunehme, in der seine Durchsetzbarkeit wegen der neoliberalen Dominanz in der politischen Führungsschicht abnehme.

Experimente

Bei der dritten von insgesamt fünf Plenar-Sessions kommen am zweiten Kongresstag Vertreter aus Schottland, Indien, Kanada, Finnland und den Niederlanden unter der strengen Leitung durch Philippe Van Parijs zu einem Roundtable über BGE-Experimente in ihren Ländern zusammen. Van Parijs steuert den Ablauf durch gezielte Fragen und vereitelte freundlich, aber bestimmt jeden Versuch der Podiumsteilnehmer, mehr zu antworten als er gefragt hat.

Die Bilanz der Runde fällt gemischt aus. Unzufrieden über den politischen Umgang mit dem finnischen Experiment ist Olli Kangas, Professor an der Universität von Turku und Leiter des Vorbereitungsteams des finnischen Experiments. Die Regierung habe bereits nach drei Monaten Zahlen gewollt, die erst nach zwei Jahren vorliegen könnten.

Noch unzufriedener ist Evelyn Forget, Professor an der Universität von Manitoba, weil das Projekt im kanadischen Ontario aus ideologischen Gründen abgebrochen wurde. Dazu wird sie später in ihrem Plenarvortrag noch mehr sagen.

In den Niederlanden sei die Ausgangslage nicht schlecht, meint Loek Groot, Professor an der Universität Utrecht, weil es Geld und ein Gesetz gebe, um Kommunen zu sozialen Experimenten zu ermutigen. Derzeit liefen in sechs Städten BGE-Experimente, die jedoch nur noch wenig mit dem Grundeinkommen zu tun hätten und daher zum Beispiel keine Rückschlüsse auf seine emanzipatorischen Wirkungen erlaubten.

Sehr motiviert ist dagegen der Schotte Jamie Cooke, dessen Regierung seit April eine einjährige Machbarkeitsstudie für vier Orte mit je 2000 Teilnehmern durchführen lässt.

Und der indische Soziologe Sarath Lavala von der Universität Delhi spricht von guten Ergebnissen der Experimente in den Jahren 2011 und 2012 in 22 indischen Dörfern mit insgesamt 11.000 Teilnehmern. Ein Problem sei lediglich gewesen, dass das BGE dort oft dazu verwendet worden sei, alte Schulden zu begleichen oder neue zu machen. Auf dieses Thema wird Lena Lavinas später noch zurückkommen.

Nachdem die fünf Referenten ihre Statements abgegeben haben, überrascht sie Van Parijs freundlich-verschmitzt lächelnd mit einer Frage, die sie in diesem Rahmen offenbar nicht erwartet haben: „Sind sie jetzt immer noch für die Einführung eines Grundeinkommens?“ Und kaum ist die verdatterte Zustimmung verklungen, setzt er noch eins drauf: „Welches Ergebnis würde Sie dazu bringen, das Grundeinkommen nicht mehr als gute Idee anzusehen?“ Schweigen. Ich finde es interessant, dass hier vier Wissenschaftler und ein Aktivist sitzen, die anscheinend noch nie über diese naheliegende Frage nachgedacht haben. Und ich beschließe, diese Frage künftig jedem BGE-Befürworter zu stellen: Was müsste passieren, damit du das Grundeinkommen nicht mehr für eine gute Idee halten würdest? Denn dass sie sich in Frage stellen kann, unterscheidet rationale Überzeugung von religiösem Glauben und politischer Ideologie.

„Nichts!“, bricht es schließlich aus Lavala hervor. „Nichts könnte mich vom BGE abbringen. Und ich hab auch keine Lust, darüber nachzudenken.“ Das klingt zumindest ehrlich.

Evelyn Forget würde Abstand von der BGE-Idee nehmen, wenn zu viele Leute „bad decisions“ treffen würden. Das provoziert mich zu der Frage: Ist es denn nicht gerade der Beweis für Freiheit, wenn Menschen schlechte Entscheidungen treffen? Schließlich geht es doch beim Grundeinkommen vor allem um mehr Freiheit für den Einzelnen. Sie meine zum Beispiel sozial destruktives Verhalten, gibt sie zurück.

Finanzkapitalismus

Lena Lavinas ist Professor für Wohlfahrtsökonomie an der Universität von Rio de Janeiro. Sie treibt die Sorge um, das Grundeinkommen könne Opfer einer Entwicklung werden, die sie in ihrem Plenarvortrag „Finanzialisierung“ nennt. Nicht umsonst entdecke die Finanzindustrie neuerdings ihre Liebe zu staatlichen Programmen wie Cash Transfers an Arme oder Grundeinkommen.

Zeigt Lavinas hier nur den typisch linken Reflex, dass an der eigenen Idee etwas faul sein muss, wenn sie auch dem politischen Gegner gefällt? Wohl nicht, denn ihre Analyse geht tiefer. So profitierten die Banken nicht nur davon, wenn für das BGE jeder ein Bankkonto brauche – das Grundeinkommen könne den Banken vor allem als Sicherheit für Kredite an Arme dienen, weil sie damit ihre Schulden und Zinsen zurückzahlen könnten.

Aber in Deutschland würde das wegen der Pfändungsfreigrenze nicht funktionieren, gebe ich zu bedenken. Denn wenn die Bank ihrem Schuldner das BGE nicht wegnehmen dürfe, könne es auch nicht als Sicherheit dienen. Lavinas lässt den Einwand gelten, verweist aber auf Beispiele wie das Cash-Transfer-Programm Bolsa Família in Brasilien oder das BGE-Experiment in Indien (s. o.), die dazu geführt hätten, dass Arme sich stärker verschuldeten.

Ferner fürchtet Lavinas, dass die Sozialpolitik auf eine einzige Geldzahlung – das Grundeinkommen – reduziert und der Rest dem Markt überlassen werde. Dann werde zum Beispiel der kostenlose Schulbesuch für alle Kinder, wo es ihn noch gibt, abgeschafft und die Schulbildung Privatunternehmen zum Profitmachen überlassen. Die Armen müssten dann von ihrem Grundeinkommen das Schulgeld für ihre Kinder bezahlen, zum Wohle der Privatwirtschaft. Sie könnten sich aber auch noch mehr verschulden, weil sie mit Grundeinkommen kreditwürdiger seien, und dann statt für die Schule für den Schuldendienst bezahlen – zum Wohle der Finanzindustrie. Ähnliches gelte für die Gesundheitsversorgung und andere Sozialleistungen. Zur Illustration zitiert Lavinas den Mitbegründer von Facebook, Chris Hughes: Jedem, der weniger als 15.000 Dollar im Jahr verdiene, monatlich 500 Dollar zu geben, würde Bildung und Gesundheit verbessern, behaupte er. Dahinter stehe der Gedanke, dass dieses Geld in den Kassen privater Unternehmen lande.

Gesundheit

Am Ende des Kongresses kommt ein Aspekt des BGE zur Sprache, der eine stärkere Betonung in der Debatte verdient und im Titel des Plenarvortrags von Evelyn Forget aufscheint: „Das Grundeinkommen als Weg zu einer gesünderen Gesellschaft“.

Der Kanadierin ist es zu verdanken, dass die Aufzeichnungen mit den Ergebnissen des BGE-Experiments Mitte der 1970er Jahre in der kanadischen Stadt Dauphin nach vielen Jahren doch noch ausgewertet wurden, statt wegen der gestrichenen Regierungsgelder ungenutzt zu verrotten.

Forget ist Professor für Kommunale Gesundheitswissenschaften an der Universität von Manitoba und nutzt die Gelegenheit, um zunächst ein paar Worte zum spektakulären Abbruch des BGE-Experiments in Ontario durch die neugewählte konservative Regierung zu sagen. Diese Entscheidung sei für die Wähler vor der Wahl nicht zu erkennen gewesen. Die Regierung habe bisher keinen sachlichen Grund für den Abbruch genannt, was auch gar nicht möglich sei, weil noch keinerlei Daten des Experiments vorlägen. Die Entscheidung sei daher ausschließlich ideologisch motiviert. Dagegen habe der vorzeitige Abbruch des auf drei Jahre ausgelegten Experiments nach nur einem Jahr bereits ein klares Ergebnis gebracht: Viele Familien seien dadurch in eine Krise gestürzt worden. Forget spricht von erschütternden Berichten von Menschen, die das zugesagte Geld fest eingeplant hätten und Verpflichtungen eingegangen seien, die sie nun nicht erfüllen könnten. Das gehe bis zur Suizidgefährdung Einzelner. Womit sie zum eigentlichen Thema ihres Vortrags kommt: BGE und Gesundheit.

Forget identifiziert drei Wege, über die das BGE die Gesundheit beeinflussen könne:
Materielle Entbehrung, Einkommens-Unsicherheit und Einkommens-Ungleichheit.

Dass zum Beispiel Nahrungsmangel die Gesundheit beeinträchtigen könne, liege ebenso auf der Hand wie die Annahme, dass ein Grundeinkommen dies lindern oder beheben könne.

Ein unsicheres Einkommen, von dem man nicht weiß, ob es morgen, nächste Woche oder nächsten Monat noch fließt und wenn ja, wie hoch es dann sein wird, versetze die Menschen unter Dauerstress. Und die Gesundheitsschäden durch chronischen Stress seien in der medizinischen Literatur gut belegt. Sie reichten von Herz- und Kreislauferkrankungen, über Diabetes bis zu psychischen Erkrankungen. Auch hier würde das BGE eine Verbesserung bringen.

Einkommens-Ungleichheit beeinflusse die Gesundheit auf zwei Wegen: Zum einen durch Neid und chronischen Stress – eindrucksvoll beschrieben in der Studie „Gleichheit ist Glück“ von Wilkinson und Pickett, zum andern durch Zerstörung des sozialen Zusammenhalts. Im ersten Fall könne das Grundeinkommen wenig helfen, da hier extrem hohe Einkommen eine Rolle spielten, die durch ein BGE kaum hinreichend umverteilt werden könnten. Der Verlust des sozialen Zusammenhalts führe dagegen in den unteren Einkommensgruppen zu einer Reihe von körperlichen und seelischen Erkrankungen; und hier könne man eine Besserung durch das BGE erhoffen.

Forget betont, dass ihre empirischen Forschungsergebnisse über die gesundheitlichen Wirkungen des Grundeinkommens im Einklang stehen mit den theoretischen Voraussagen.

Schwellen- und Entwicklungsländer

Zwischen den fünf Plenarveranstaltungen finden noch 52 „Concurrent Sessions“ statt, meist sieben gleichzeitig, mit jeweils mehreren Kurzvorträgen. Sie drehen sich um BGE-spezifische Fragen aus den Themenbereichen Afrika, Alternativwährungen, Arbeit, Behinderte, Cash Transfers, Entwicklung, Europa, Experimente, Finanzierung, Framing, Freiheit, Gemeingüter, Gender, Gesundheit, Gewerkschaften, Grundversorgung, Kapital, Kinder, Lateinamerika, Medien, Nordamerika, Ökologie, Politik, Recht, Social Protection Floors, Teilhabe, Universalismus, Wertschätzung.

Ich nutze die Gelegenheit, dass so viele Vertreter aus Entwicklungs- und Schwellenländern an diesem Kongress teilnehmen, um mich über die dortige Situation und Diskussion zum BGE zu informieren.

Ein großes Thema dort ist Cash Transfer: den Menschen regelmäßig Geld geben, vor allem den Armen. Sollte er an Bedingungen geknüpft sein oder nicht? Bedingungen wie Schulbesuch der Kinder oder Gesundheits-Checks klingen vernünftig, führen aber weg vom Grundeinkommen. Bedingter Cash Transfer fördere Klientelismus und Korruption, und werde vor Ort von denjenigen, die das Geld auszahlen, oft als politisches Druckmittel benutzt: Wer sich widersetzt, erfüllt eben die Bedingungen nicht oder wird vergessen. In Argentinien sei der wichtigste Grund für Cash Transfer das Management sozialer Konflikte. Dort hätten 2002 bis 2015 zwei Millionen Familien Cash Transfers erhalten.

Die intensive Grundeinkommens-Debatte in Mexiko war mir entgangen. Bisheriger Höhepunkt: Die verfassungsgebende Versammlung von Mexiko City stimmte Anfang 2017 mit 57 Prozent dafür, das Recht auf ein Grundeinkommen in die neue Verfassung der Stadt aufzunehmen. Leider waren 66 Prozent nötig. Immerhin. Und der 39-jährige Präsidentschaftskandidat Ricardo Anaya Cortés forderte ein landesweites Grundeinkommen als seinen wichtigsten sozialpolitischen Programmpunkt. Gewonnen hat die Wahl im Juli leider ein anderer.

Über Mexiko erfahre ich ferner, dass dort ein BGE in Form einer negativen Einkommenssteuer schwierig wäre, weil ein großer Teil der Erwerbsarbeit im informellen Sektor geleistet wird, wo Einkommenssteuer nicht erhoben werden kann, weil diese Einkommen für den Staat unsichtbar seien. Ähnlich bei den Reichen, die darüber hinaus wie hierzulande weitere Möglichkeiten der Steuervermeidung haben. Übrigens ist die Ungleichheit in Mexiko besonders groß: Zehn Mexikaner teilen sich die Hälfte des Volkseinkommens.

Einen längeren Weg bis zum Grundeinkommen dürfte Südafrika vor sich haben, wenn man sich die Situation des Landes vergegenwärtigt. Karen Jooste, Mitglied des dortigen Parlaments, macht die Probleme in ihrem Vortrag sichtbar. Mehr als die Hälfte der Menschen in Südafrika gelten dort als arm, ein Viertel – 14 Millionen – sogar als extrem arm; das heißt, sie können sich nicht ausreichend ernähren. Jedes vierte Kind unter fünf Jahren sei wegen chronischer Unterernährung kleinwüchsig. Trotzdem sei sie bisher im Parlament – der ANC hat dort die Mehrheit – mit Ihrer Forderung gescheitert, zumindest das Kindergeld so zu erhöhen, dass ein Kind davon ernährt werden kann.

Auch sehr spezielle Probleme könnte ein BGE, oder zumindest ein bedingungsloser Cash Transfer, lösen helfen. So plädiert die finnische Medizinwissenschaftlerin Salla Atkins dafür, TBC-Kranken in Ländern wie Südafrika bedingungslos Geld zum Leben zu geben. Menschen mit Tuberkulose könnten nicht arbeiten, da sie schnell erschöpft seien. Dadurch gerieten sie in einen Teufelskreis: keine Arbeit, kein Geld, schlechtes Essen und Wohnen, TBC, keine Arbeit. Und in vielen Ländern hätten es TBC-Kranke schwer, staatliche Unterstützung zu bekommen, da man sie für arbeitsfähig halte.

Affiliates, Universalismus

Ja, und dann gibt es da noch die Sitzung der BIEN-Affiliates. Vertreter von 12 der 34 bisher anerkannten Affiliates berichten über ihre Arbeit, darunter auch ich, als Vertreter des Netzwerks Grundeinkommen, das zugleich BIEN Deutschland ist. Affiliates sind eigenständige Partnerorganisationen von BIEN.

Der Kongress steht unter dem Motto Basic Income and the New Universalism – Rethinking the Welfare State in the 21st Century (Grundeinkommen und der neue Universalismus – Überdenken des Sozialstaats im 21sten Jahrhundert). Der früher vor allem in Philosophie und Religionswissenschaft gebräuchliche Begriff des Universalismus wird neuerdings auch sozial- und politikwissenschaftlich verwendet. Universell ist ein Recht, wenn es für alle gilt, nicht nur für einige. Beispiele sind das Recht auf Benutzung öffentlicher Straßen und Wege, das allgemeine Wahlrecht, die Menschenrechte, und eben auch das Grundeinkommen.

Mitgliederversammlung

Im Anschluss an den Kongress findet noch die Mitgliederversammlung des BIEN statt. Es wird beschlossen, den bisherigen Sitz von BIEN in Belgien abzuwickeln und BIEN stattdessen als charitable incorporated organisation in Großbritannien zu registrieren. Die Statuten sollen dafür vorerst nicht geändert werden, obwohl nicht ganz klar ist, inwieweit die neue Rechtsform auch politische Aktivitäten zulässt. (Man vergleiche dazu die Aberkennung der Gemeinnützigkeit von Attac in Deutschland.)

Ferner erkennt die Versammlung die Netzwerke von Russland und Indonesien als neue Affiliates an, deren Zahl sich damit auf 36 erhöht.

Louise Haagh aus Großbritannien wird als BIEN-Vorsitzende wiedergewählt. Neuer Vize-Vorsitzender wird Sarath Davala aus Indien und neuer Schatzmeister Jamie Cooke, der praktischerweise ebenfalls in Großbritannien lebt, wo BIEN künftig seinen Sitz und sein Bankkonto hat.

Der nächste BIEN-Kongress wird vom 23. bis zum 25. August 2019 in Hyderabad in Indien stattfinden, der übernächste in Australien.

Fazit zum Kongress

Deutlicher als bei früheren Kongressen war die Spannung zwischen überzeugten Aktivisten und skeptischen Wissenschaftlern zu spüren. Während der Wissenschaftler darauf achten muss, dass seine Vorlieben nicht seine Ergebnisse verfälschen, braucht der Aktivist ebenso wie der Politiker klare Ansagen. Aktivisten schalten bei größeren Zusammenkünften gern in den Hippie-Modus und erleben Skeptiker dann vor allem als Spaßbremsen: Man hat schließlich nicht Zeit und Kosten einer Reise nach Finnland auf sich genommen, nur um sich hier seine Lieblingsidee madig machen zu lassen. Den Veranstaltern des Kongresses in Tampere ist der Spagat zwischen Polit-Wellness und wissenschaftlichem Anspruch gelungen, durch Fingerspitzengefühl bei der Auswahl der Referenten und dank perfekter Organisation. Im Schlusswort der schottischen BIEN-Veteranin Annie Miller klingt dieser Spagat so: „Die meisten Themen dieses Kongresses sind dieselben wie beim ersten BIEN-Kongress“ und „Wir werden die Welt verändern“.

Umso wichtiger war das gesellschaftliche Rahmenprogramm des Kongresses. Ein Empfang im Rathaus und ein Bankett im Lenin-Museum(!) boten reichlich Gelegenheit für entspannte Gespräche bei vorzüglicher finnischer Kost.

Bilder (soweit nichts anderes angegeben): University of Tampere

3 Kommentare

Sigi Berger schrieb am 20.09.2018, 18:46 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Mit einem BGE würden Menschen alle möglichen produktive, künstlerische und ehrenamtliche Dinge tun, wenn sie sich keine Gedanken mehr über das Überleben machen müssen.

Jörg Brockmann schrieb am 21.09.2018, 11:21 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Dankeschön! Das ist der beste Artikel den ich je auf grundeinkommen.de gelesen habe. Besonders den Absatz über Finanzkapitalismus finde ich richtungsweisend. Solange die Geldschöpfung in privater Hand ist, führt selbst die Einführung eines wie auch immer gearteten Grundeinkommens auf lange Sicht zum Ende jeglicher Demokratie. Wirkliche Macht haben Institutionen die Geld erzeugen, Geld schöpfen. Geschieht diese Geldschöpfung auch noch im negativen Sinne, durch Schuldanerkennung, dann ist jeder Geldschöpfungsakt eine bewußte Abgabe von Macht durch "in die Schuld" gehen. [...]

Gabriele von Moers schrieb am 27.09.2018, 16:46 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Schöner Überblick, allerdings das Fazit ist mir zu schwarz-weiß. Auch als Aktivist kann man sehr skeptisch bleiben, denn eine Idee, die aus Freiheit geboren wird, kann nicht einfach selbstverständlich das Gute hervorbringen. Die "Empörung" ist nur beim Aktivisten vielleicht größer, als beim bloßen Wissenschaftler. Man kann schlichtweg nicht so weitermachen, als wüsste man von nichts.

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