Erich Fromm zum 115. Geburtstag

Ronald Blaschke 20.03.2015 Druckversion

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Erich Fromm wurde am 23. März 1900 in Frankfurt/Main geboren und starb am 18. März 1980 in der Schweiz. Der Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe vertrat einen humanistischen und demokratischen Sozialismus.

Er wünschte sich eine Gesellschaft, in der der Mensch seelisch gesundet:
„Der seelisch gesunde Mensch ist der produktive und nicht entfremdete – der sich liebend mit der Welt verbindet und seine Vernunft gebraucht, um die Wirklichkeit objektiv zu erfassen; der sich selbst als einmalige individuelle Einheit erlebt und sich zugleich mit seinen Mitmenschen eins fühlt; der keiner irrationalen Autorität untertan ist, aber bereitwillig dem Spruch des Gewissens und der Vernunft folgt, der sich lebenslang im Prozeß des Geborenwerdens befindet und das Geschenk des Lebens als die ihm verliehene kostbarste Chance ansieht.“

Wie müsste eine Gesellschaft verändert werden, damit sie eine seelische Gesundheit des Menschen ermöglicht?
Erich Fromm: „Die einzig aufbauende Lösung ist die des humanistischen, demokratischen Sozialismus, der nach einer grundlegenden Neuorganisation unsres Wirtschafts- und Sozialsystems strebt, und zwar in der Richtung auf die Befreiung des Menschen vom Benutztwerden als ein Mittel für Zwecke außerhalb seiner selbst und auf die Erschaffung einer Gesellschaftsordnung, in der menschliche Solidarität, Vernunft und schöpferisches Tun gefördert und nicht gehemmt werden.“

Erich Fromm sah den politisch richtigen Weg in umfassender und gleichzeitig stattfindender Veränderung in mehreren Bereichen der Gesellschaft: „Keine Neugestaltung darf gewaltsam herbeigeführt werden, und sie muß gleichzeitig im wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Bereich erfolgen. Änderungen, die sich auf einen Bereich beschränken, sind destruktiv in bezug auf eine durchgreifende Änderung auf allen anderen Gebieten.

Solche durchgreifenden Änderungen, interessanterweise auch Ziel vieler sozialer Bewegungen von heute, sind nach Erich Fromm:

1. Nicht versuchen, Herrschaft über die Natur zu erlangen, sondern über die Technik und über irrationale gesellschaftliche Kräfte und Institutionen

Eine Gesellschaft, die sich weder dem technischen Fortschritt noch irrationalen gesellschaftlichen Entwicklungen unterordnet, lehnt unbegrenztes Wirtschaftswachstum ebenso ab wie eine Wirtschaftsform, die Menschen physisch und psychisch krank macht. Das Recht von Aktionären und Konzernleitungen, über die Produktion zu entscheiden, muss dazu drastisch eingeschränkt und die Entscheidungsmacht der VerbraucherInnen gestärkt werden. Die Aneignung der Produktionsmittel und -bedingungen ist keine Frage von Eigentum oder Besitz im rechtlichen Sinne: „Worauf es ankommt, ist die Macht, die Richtung der Produktion zu bestimmen, nicht der Kapitalbesitz als solcher.“

2. Demokratie erlangen

Demokratie bedeutet, dass alle in die Lage versetzt werden, in Wirtschaft und Politik mitzubestimmen. Es heißt auch, dass alle selbst mitbestimmen, anstatt sich vertreten zu lassen. Für eine radikale Demokratisierung aller öffentlichen Bereiche müssen Wirtschaft und Politik daher dezentral organisiert sein.

3. Propaganda und Werbung verbieten

Prinzipiell sind alle Formen kommerzieller und politischer „Gehirnwäsche“ zu verbieten (Propaganda für Waren und für PolitikerInnen).

4. Objektiv informieren, Intellektuelle als BeraterInnen gewinnen

Ein oberster Kulturrat soll Politik und BürgerInnen beraten, wo deren Wissen und Kenntnisse nicht ausreichen. Ein wirksames öffentliches System zur Verbreitung objektiver Informationen ist zu etablieren.

5. Kluft zwischen armen und reichen Ländern schließen

Sollte die Kluft zwischen armen und reichen Ländern nicht geschlossen werden, kommt es in den reichen Ländern zu Terrorakten, auch ein Übergreifen von Epidemien könnte die Folge sein. Die Hilfen der Industrienationen für arme Ländern sind „ohne Rücksicht auf Profite und politische Vorteile“ zu organisieren. Das bedeutet auch, dass die Industrienationen „sich von der Vorstellung freihalten müssen, die ökonomischen und politischen Prinzipien des Kapitalismus müßten auf Afrika und Asien übertragen werden.“

6. Grundeinkommen einführen, Arbeitszeitverkürzung durchsetzen, öffentliche Infrastruktur ausbauen

Jedem Menschen ist ein Grundeinkommen zu garantieren, in Verbindung mit einer wesentlich kürzeren Arbeitszeit für alle. „Das garantierte jährliche Mindesteinkommen bedeutet echte Freiheit und Unabhängigkeit. Deshalb ist es für jedes auf Ausbeutung und Kontrolle beruhende System, insbesondere die verschiedenen Formen von Diktatur, unannehmbar. […] Wenn man sich die Kosten vor Augen hält, die eine weitverzweigte Sozialhilfebürokratie heute verursacht, und dazu die Kosten der Behandlung psychischer, insbesondere psychosomatischer Krankheiten sowie der Bekämpfung der Kriminalität und der Drogenabhängigkeit rechnet, so ergibt sich vermutlich, daß es billiger kommen würde, jedem, der dies wünscht, ein jährliches Mindesteinkommen zu gewähren. Dieser Gedanke wird all jenen undurchführbar oder gefährlich erscheinen, die überzeugt sind, daß ‚die Menschen von Natur aus faul‘ seien. Dieses Klischee hat jedoch faktisch keine Grundlagen; es ist einfach ein Schlagwort, das zur Rationalisierung der Weigerung dient, auf das Bewußtsein der Macht über die Schwachen und Hilflosen zu verzichten.“ Fromm plädiert auch für gebührenfrei zugängliche öffentliche Infrastruktur und Dienstleistungen sowie kostenfreie Güter zur Existenzsicherung.

7. Alle Formen patriarchalischer Herrschaft über Frauen beseitigen

„Die wachsende Bewegung zur Befreiung der Frau ist von unerhörter Bedeutung, weil sie das Machtprinzip bedroht, auf dem die heutige Gesellschaft (sowohl die kapitalistische wie die kommunistische) aufgebaut ist.“

8. Militärisch abrüsten

Rüstung ist drastisch einzuschränken. Es ist atomar abzurüsten. Die Grundlagenforschung ist von praktischer Anwendung in Industrie und Militärwesen zu trennen.

Für Erich Fromm war ein humanistischer und demokratischer Sozialismus Grundlage der Freiheit des Einzelnen und zugleich der Verbundenheit der Menschen miteinander – eine radikale Kritik an der vorkapitalistischen Gesellschaft wie an Kapitalismus und Stalinismus: „Für ein garantiertes Einkommen für alle spricht in erster Linie, daß die Freiheit des einzelnen auf diese Weise entschieden erweitert werden könnte. Bisher war der Mensch während seiner gesamten Geschichte durch zwei Faktoren in seiner Handlungsfreiheit eingeschränkt: durch die Anwendung von Gewalt von seiten der Herrschenden (besonders dadurch, daß diese in der Lage waren, Abweichler umzubringen) und – was noch wesentlicher war – dadurch, daß alle vom Hungertod bedroht waren, die nicht bereit waren, die ihnen auferlegten Bedingungen in bezug auf ihre Arbeit und ihre soziale Existenz zu akzeptieren. Jeder, der nicht bereit war, diese Bedingungen anzunehmen, sah sich der Gefahr, verhungern zu müssen, ausgesetzt, und zwar sogar dann, wenn keine anderen Gewaltmaßnahmen gegen ihn angewandt wurden. Das während des größten Teils der vergangenen und der gegenwärtigen Menschheitsgeschichte vorherrschende Prinzip lautet (im Kapitalismus genau wie in der Sowjetunion): ‚Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.‘ Diese Drohung zwang den Menschen, nicht nur so zu handeln, wie von ihm verlangt wurde, sondern auch so zu denken und zu fühlen, daß er nicht einmal in Versuchung geriet, sich anders zu verhalten.“

Hinweis: Eine weiterführende Darstellung der Positionen von Erich Fromm zum Grundeinkommen findet sich im Kapitel „Erich Fromms Ansatz für ein Grundeinkommen“, in: Blaschke, Ronald, Denk‘ mal Grundeinkommen! Geschichte, Fragen und Antworten einer Idee, in: Blaschke, Ronald; Otto, Adeline; Schepers, Norbert (Hrsg.), Grundeinkommen. Geschichte – Modelle – Debatten, Berlin 2010, S. 255 ff. Die Quellen der Zitate und der hier wiedergegebenen Positionen von Erich Fromm sind im Abschnitt 8 des genannten Kapitels angegeben bzw. finden sich in Fromm, Erich, Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft, Stuttgart 1976, S. 172 ff. 

Das für den Beitrag genutzte Bild ist von Arturo Espinosa, https://www.flickr.com/photos/espinosa_rosique/8583002405. Es ist lizenziert unter CC BY 2.0.

Ein Kommentar

Juergen Rettel schrieb am 24.03.2015, 10:13 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Der Denkfehler von Erich Fromm ist, dass er Wirtschafts- und Sozialsystem eindimensional zusammenfasst. Es sind aber zwei voneinander unabhängige Dimensionen: der Markt als Wirtschaftssystem mit Prokopfeinkommen, die Gesellschaft als Familienausgleich eines Sozialsystems. Da ist nur der Steuertarif zu reorganisieren, nicht die Wirtschaft und auch nicht die Gesellschaft.

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