Papstbesuch und Grundeinkommen – Sozialenzykliken ernst nehmen!

Matthias Blöcher 21.09.2011 Druckversion

Pünktlich zur Woche des Grundeinkommens (19. – 25. September) besucht Papst Benedikt XVI. Deutschland. Dieses Zusammentreffen nehmen die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung Deutschlands (KAB) und das Netzwerk Grundeinkommen zum Anlass, gemeinsam für die Idee des „Bedingungslosen Grundeinkommens für alle“ zu werben.

Postkarte zum Papstbesuch
Postkarte zum Papstbesuch

In der langen Tradition der katholischen Sozialverkündigung ist der Begriff der menschlichen Würde von entscheidender Bedeutung. Dass diese Würde eng mit den Arbeits- und Lebensbedingungen verknüpft ist, darauf hat schon vor 30 Jahren Papst Johannes Paul II. in der Enzyklika „Laborem exercens“ hingewiesen. „Angesichts der gegenwärtigen Wirklichkeit […] gilt es vor allem ein Prinzip in Erinnerung zu rufen, das die Kirche immer gelehrt hat: das Prinzip des Vorranges der Arbeit vor dem Kapital.“ (Laborem exercens, 1981, Ziff. 12)

Das Recht auf eine menschenwürdige Existenz muss jedoch immer wieder neu erkämpft werden, da Arbeits- und Lebensbedingungen einem stetigen Wandel – beschrieben mit den Begriffen Globalisierung, Vorrang von Kapitalinteressen, Massenarbeitslosigkeit, Flexibilisierung und Individualisierung – unterworfen sind. Für den Einzelnen bedeutet dies immer häufiger mit sehr konkreten Zukunftsängsten leben zu müssen und im schlimmsten mit Fall von Armut, sozialer Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit betroffen zu sein. Der Gesellschaft als Ganzes droht die Spaltung durch den Verlust des sozialen Zusammenhalts. Der Kitt „Erwerbsarbeit“ als sinnstiftendes und gesellschaftlich integrierendes Element verliert seine Integrationskraft. Diese Entwicklung ist nicht vorübergehend, sie ist eng mit unserer kapitalistischen Wirtschaftsweise verbunden. Noch so viele gutgemeinte Förder- und Wiedereingliederungsmaßnahmen seitens der Hartz-IV-Verwaltung können diese Strukturen nicht durchbrechen. Unsere Aufgabe ist es, Arbeit und Soziale Sicherung grundlegend neu zu denken. Bei allen Überlegungen muss die Würde der menschlichen Person dabei die Grundlage sein.

Die Zivilgesellschaft ist ein wichtiger Akteur, diesen notwendigen gesellschaftspolitischen Diskurs anzustoßen. Die KAB sucht bereits seit den 1980er Jahren nach Alternativen zum Dogma einer alle anderen Lebensbereiche dominierenden Erwerbsarbeitsgesellschaft und hat mit der „Tätigkeitsgesellschaft“ ein Konzept auf den Weg gebracht, das die Dominanz der Erwerbsarbeit bricht und die Gleichwertigkeit aller Formen menschlicher Tätigkeit (Erwerbsarbeit, Privat- und Familienarbeit, gemeinwesenorientierte Arbeit) unterstreicht. Statt Konkurrenz zwischen Leben und Arbeit, individueller Freiheit und sozialem Zusammenhalt sollen diese in einen neuen, den menschlichen Bedürfnissen entsprechenden, Einklang gebracht werden. Dazu ist es erforderlich, allen Menschen den Zugang zu den unterschiedlichen Formen der Arbeit/Tätigkeit zu öffnen und eine flexible und selbstbestimmte Aufteilung der Arbeits- und Lebenszeit zu ermöglichen. Dies schließt zwingend das Recht auf eine menschenwürdige Existenz(grundlage) ein. Zur Durchsetzung der Tätigkeitsgesellschaft bedarf es deshalb der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Mit dem „Garantierten Grundeinkommen“ hat die KAB 2007 ein eigenes Modell beschlossen und seitdem kontinuierlich weiterentwickelt und in die öffentliche und politische Diskussion getragen. Im aktuellen Flyer der KAB: „Garantiertes Grundeinkommen“ sind die Einzelheiten nachzulesen.

Trotz dieser Erfolge zeigt die Erfahrung aus dem Meinungsbildungsprozess innerhalb der KAB, dass das Modell selbst von sekundärer Bedeutung ist. Viel wichtiger sind die durch die Grundeinkommensfrage angestoßenen Diskussionen. Die wirkliche Kraft der Idee liegt darin, dass sich Menschen ganz konkret anhand ihrer eigenen Lebenserfahrung vorstellen können, wie sich mit dem Grundeinkommen ihr Lebensentwurf und die Gesellschaft insgesamt positiv verändern und gestalten ließen. Das Grundeinkommen ist eine greifbare Alternative zur vermeintlichen Alternativlosigkeit und somit die Einladung an jede und jeden, an dieser neuen Gesellschaftsidee mitzubauen.

Mit der gemeinsamen Postkartenaktion anlässlich des Papstbesuches wollen wir darauf hinweisen, welcher Schatz in den Sozialenzykliken begraben ist. Es gilt die dort gelegten Grundlagen aufzunehmen und auf dieser Basis konkrete gesellschafts- und sozialpolitische Perspektiven zu entwickeln.

Ein Kommentar

Adam Csillag schrieb am 24.01.2012, 11:00 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Sozialenzykliken im Gegensatz zu HARTZ IV

Zweck dieses Gesetzes war es - bewusst oder unbewusst - für alle und "für immer" deutlich zu machen, dass der arbeitslose Zustand schrecklich - abschreckend - ist. Dadurch wurde in allen Bereichen der Arbeitsgesellschaft, bis hin zur Leistungselite, die Angst vor jeglichem abweichenden Verhalten maximalisiert, weil die Sanktion - Verlust des Arbeitsplatzes - eine schreckliche u. U. lebensgefährliche ist. Man kann zwar darüber diskutieren, inwiefern der heutige Regelsatz ein Existenzminimum sichert, aber über die mit dem Arbeitslosenzustand einhergehende Entrechtung und Demoralisierung nicht.

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