Das Bedingungslose Grundeinkommen – ein Evangelischer Kulturimpuls, eine Frohe Botschaft?!

Seit etwa acht Jahren beschäftige ich mich als Leiter der synodalen Arbeitsgemeinschaft Grund­ein­kommen sehr intensiv mit dem Bedingungslosen Grund­ein­kommen (BGE). Eindrücklich kennengelernt habe ich das BGE auf einer „Krönungs-Aktion“. Jeder Mensch ist ein/sein König und bekam als Zeichen dafür eine Krone aufgesetzt.

Sein eigener König sein bedeutet, selbstbestimmt und befreit von strukturellen Zwängen zu leben! Ich habe mich in dieser Aktion schnell wiedergefunden, denn als Christ bin ich ja auch erlöst und befreit! Für mich ist also das BGE weder ein politisches Dogma noch eine abgehobene Schwärmerei, sondern eng mit meiner Vorstellung von Glauben als evangelischer Christ verbunden.

Die Idee des Grundeinkommens stellt uns Menschen kulturell und auch theologisch die Frage: In was für einem Land, in was für einer Kultur wollen wir leben? Welches Menschenbild/Gottesbild vermitteln wir? Wird der Mensch an sich wertgeschätzt oder nur seine Leistung? Welche Leistungsethik vertreten wir? Die Idee, die hinter dem BGE steckt, und mehr noch die Einführung des BGE in Deutschland, stellt einen Impuls dar, der Kultur und Gesellschaft positiv verändern kann, der den Menschen zu mehr Freiheit, Würde, Sicherheit und einem sozialeren Miteinander verhelfen kann. In diesem Sinne verstehe ich das BGE als eine Frohe Botschaft, als evangelischen Kulturimpuls mit Potential für jene positiven Entwicklungen, die sich in weltlichen Bezügen auswirken.

Wie das BGE als Kulturimpuls wirkt, möchte ich in meinem Text erklären und versuchen deutlich zu machen, warum es so wichtig ist, sich für das BGE einzusetzen. Dabei verstehe ich das BGE im Wesentlichen so, wie es die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) beschreibt:

– universell: Rechtsanspruch für jede Bürgerin und jeden Bürger, unabhängig von Einkommen, Vermögen und Lebensweise,

– personenbezogen: individueller Anspruch ab dem Tag der Geburt, eigenständige Existenzsicherung für jede Frau, jeden Mann, jedes Kind, keine gegenseitige Anrechnung im Rahmen von Bedarfsgemeinschaften,

– existenzsichernd: Garantie des soziokulturellen Existenzminimums, d.h. dem sozialen und kulturellem Standard entsprechende Lebensführung, die eine gesellschaftliche Teilhabe und Teilnahme gewährleistet,

– voraussetzungslos: bedingungslos, keine Kontrolle, keine Zwangsmaßnahmen, positives Menschenbild.

 1. Veränderung des Menschenbildes

Gott liebt uns Menschen ohne Vorleistung. Wir sind nicht gerechtfertigt durch unsere Werke, sondern allein durch die Liebe Gottes. Dadurch bekommt der Mensch eine Würde einfach geschenkt! Im evangelischen Verständnis ist der Mensch nicht durch Status oder Leistung wertvoller als ein anderer, sondern alle sind gleich hochgeschätzt, gleich geliebt von Gott. Auch ein BGE wird allen Menschen gleich und ohne Vorleistung gewährt, genau wie Gottes Liebe allen Menschen gleich zuteilwird. Wenn man das ernst nimmt, ist das BGE die Umsetzung von Gottes Willen!

Diese Sicht der Dinge verändert gewaltig das beherrschende Menschenbild.

Wer das BGE einführt, gesteht den Menschen finanzielle Leistungen zu, nur dafür, dass sie leben, ohne dass sie selbst etwas dafür leisten müssen. Jeder Mensch hat das Recht zu leben, einfach so, weil er/sie existiert. Dadurch wird das bisher vorherrschende Menschenbild, das den Menschen nach seiner Leistung beurteilt bzw. belohnt, auf den Kopf gestellt.

Wir leben in einer Gesellschaft in der nur existieren kann, wer finanzielle Mittel zur Verfügung hat, die es ermöglichen, die lebensnotwendigen Güter zu erwerben. Darum wird das BGE in Form eines finanziellen Grundbetrages an jeden Menschen ausgezahlt. Dies geschieht jedoch, im Gegensatz zu den bisher bekannten Sozialleistungen, ohne Prüfung und Kontrolle und ohne dass für diese Mittel selbst erst etwas geleistet werden muss. Durch das BGE wird dem Menschen eine Freiheit geschenkt, die es möglich macht, sich mit dem zu beschäftigen, was seinen Talenten und Wertvorstellungen entspricht. Er/sie muss sich nicht ständig um die fundamentale Sicherung der Existenz sorgen. Der Mensch kann nun selber entscheiden, ob er mit den finanziellen Mitteln leben und ob und zu welchen Bedingungen er dazuverdienen möchte. In diesem Sinn beinhaltet das BGE eine Frohe Botschaft von der Freiheit für alle Menschen.

2. Veränderung unseres Gerechtigkeitsverständnisses

Der zweite Punkt, an dem das BGE als Kulturimpuls wirkt, also unsere Kultur entscheidend verändert, betrifft unser Gerechtigkeitsverständnis. Nach unserem herrschenden Gerechtigkeitsverständnis wünschen wir uns für viel Arbeit bzw. Leistung eine angemessene Bezahlung. Diese Vorstellung nimmt Jesus im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg auseinander. Vordergründig bekommen die Arbeiter alle denselben Lohn, unabhängig davon, wie lange sie gearbeitet haben. Hintergründig geht es um Gottes Barmherzigkeit, die nicht zu berechnen ist, sondern jedem Menschen zusteht, egal wie viel und wie lange jeder „gearbeitet“ hat (siehe Matthäus 20).

Ebenso sehen viele Kritiker des BGE vor allem die bedingungslose, leistungsunabhängige Gewährung des Grundeinkommens als ungerecht an. Sie befürchten, dass sich all ihre Anstrengungen, die sie in ihrem Leben geleistet haben, und die sie vielleicht in eine hohe gesellschaftliche Position gebracht oder durch die sie ein hohes Einkommen erwirtschaftet haben, praktisch weniger wert sind. Denn, wenn ein Grundeinkommen ganz unabhängig von einer erbrachten eigenen Leistung gezahlt wird, ist diese Leistung nicht mehr wertgeschätzt, sondern ganz allein der Mensch.

Das BGE bedeutet Wertschätzung aller Menschen gleichermaßen ohne Unterschiede – ganz egal wieviel ein Mensch arbeitet oder gearbeitet hat. Damit hält sich das BGE an ein Gerechtigkeitsverständnis, wie es im obigen Gleichnis beschrieben ist und setzt die in unserer Gesellschaft herrschende Vorstellung von Werkgerechtigkeit* außer Kraft.

3. (Lohn-)Arbeit

Als letztes kommt der für mich wichtigste Punkt, der zeigt, dass das BGE ein echter Kulturimpuls ist, der unsere Kultur nicht nur verändern, sondern revolutionieren und befreien kann. Dieser Aspekt beschäftigt sich mit dem Begriff Arbeit bzw. Lohnarbeit.

„Das Recht auf Arbeit“ war eine der Grundforderungen der europäischen Arbeiterbewegung 1848. „Brot ist Arbeit, Arbeit ist Brot“ gilt als Voraussetzung jeder Emanzipation bis heute. Doch was bewirkt diese Arbeitsethik in unserer Gesellschaft und für jeden Einzelnen? Drastisch formuliert es Paul Lafargue in seinem literarischen Werk „Recht auf Faulheit. Widerlegung des Rechts auf Arbeit von 1848“ aus dem Jahre 1883:

„Arbeitet, arbeitet, Proletarier, vermehrt den gesellschaftlichen Reichtum und damit euer persönliches Elend. Arbeitet, arbeitet, um, immer ärmer geworden, noch mehr Ursachen zu haben, zu arbeiten und elend zu sein. Das ist das unerbittliche Gesetz der kapitalistischen Produktion.“ (Lafargue, zit. nach Lessenich 2014, S. 40)

Mit dem Argument der „Schaffung von Arbeitsplätzen“ lassen sich alle anderen Argumente totschlagen, auch die moralischen: Wer Arbeitsplätze schafft, kann damit z.B. auch die Produktion von Waffen rechtfertigen oder die Ausbeutung von Ressourcen im Umweltbereich. Das Argument der neu geschaffenen Arbeitsplätze wird auch von denjenigen benutzt, die an diesen heiligen Arbeitsplätzen ihre Gesundheit ruinieren, ihren Stolz verlieren, ihr Leben verschwenden. Wer heute Arbeitsplätze schafft, hat automatisch Recht. Die verinnerlichte Arbeitsmoral hat uns stärker im Griff denn je. Wir kennen es ja auch nicht anders.

„Arbeit ist eine Ideologie, eine Art weltliche Ersatzreligion, die uns Identität Sinn und Halt gibt. Und die absolut keine Ketzer duldet.“ (Lessenich 2014, S. 72)

Andere Kulturen schätzen das Nichtstun als schöpferische Phase. Verpönten die alten Griechen die Arbeit, so stellt die moderne Hirnforschung fest: Pausen sind produktiv. Ist unsere mühsam gewonnene „Freizeit“ wirklich selbstbestimmt? Mitnichten: Die „Mittags-Siesta“ ist zum „Power Nap“, zum „Superschlaf“ verkommen, das momentane Nichtstun gilt nur, um das personale Kraftwerk zu noch mehr Leistung zu steigern. Es lebe die Freizeit-Industrie! „Unsere kollegialen Bankette bestehen aus short-time-fast-food, eingenommen beim gemeinsamen Arbeiten. Arbeit! Arbeit! Arbeit!“ (wwalkie 2010). Alles scheint planbar und den Arbeitsbedingungen zugeordnet zu sein. So ist es nun auch möglich, dass Frauen ihre Gebärzeiten ebenfalls dem Arbeitsprozess anpassen können.

Wer einen Lohnarbeitsplatz ergattert hat, hält an diesem, unter Umständen unter Aufgabe seiner selbst, fest.

Wer keinen bekommen hat, lässt sich durch die Agenda 2010 menschenunwürdig zurück ins Hamsterrad zwingen.

 „Der notleidende Mensch soll Abscheu vor staatlicher Hilfe entwickeln. Das ist sehr aktuell.“ (Wulf 2016)

Da dürfen wir als Christen nicht wegschauen! Eine evangelische Soziallehre entwickelt sich weiter und verändert sich im Zusammenleben der Menschen. Wir können uns von der bestehenden Arbeitsethik verabschieden, hin zu einer größeren Befreiung der (Lohn-) ArbeitnehmerInnen.

Das BGE gewährleistet dem Menschen dieses größere Stück Freiheit. Mit dieser Freiheit kann der Mensch selber entscheiden, welcher Art von Arbeit er nachgehen bzw. wie viele Stunden und unter welchen Bedingungen er einer Erwerbsarbeit nachgehen will. Ein evangelischer Christ ist doch schon im Ursprung ein freier Mensch – frei im Glauben und nur der Schrift verpflichtet! Wie steht im Matthäus-Evangelium so wunderschön geschrieben:

„Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. Macht euch also keine Sorgen…“ (Matthäus 6)

Abschließende Gedanken

Als Beispiel für die positive Wirkung eines gewährten Grundeinkommens stelle ich hier einige Erfahrungen einer Frau aus Schleswig-Holstein vor, die in einer Grundeinkommensverlosung gewonnen hatte und ein Jahr lang jeden Monat 1.000 Euro geschenkt bekam.

Sie konnte also auf diese besondere Weise die „Frohe Botschaft eines Grundeinkommens“ schon praktisch erleben.

Ein Bericht darüber stand übrigens in der Zeitschrift „Hempels“ (Jonas 2016).

– „Ich sehe Möglichkeiten, die ich vorher nicht hatte.“

– „Das Leben fühlt sich auf einmal leichter an.“

– „Teure Autoreparaturen sind nun möglich.“

– „Lang gehegte Fortbildungen gebucht für ein neues berufliches Standbein“

– „Durch das Geld – eine andere Sicherheit“

– „Die Euphorie, die Entspanntheit, sind das viel größere Geschenk!“

Kulturimpulse, Alternativen, Gegenvorschläge und auch nur Ideen sind in der heutigen Gesellschaft so unendlich wichtig. Zu merken, es geht auch anders, schafft Hoffnung! Das Grundeinkommen ist eine Möglichkeit dazu, setzen wir uns also dafür ein!

Ich bedanke mich außerordentlich für die zeitliche & inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema, bei Ute Hörcher und Sönke Thiesen!

* Werkgerechtigkeit ist ein zentraler theologischer Begriff aus der lutherischen Rechtfertigungslehre. Sie steht für die Ansicht, man könne vor Gott gerechtfertigt sein, wenn man gute Werke tut.

Quellen:

Jonas, Ulrich (2016), „Auf eigenen Füßen stehen“, in: Hempels, Das Straßenmagazin für Schleswig-Holstein, Ausgabe Nr. 245, September 2016, Seite 8 ff.

Lessenich, Stephan (2014), Zu Paul Lafargue: Das Recht auf Faulheit, (Amlinger, Carolin/ Baron, Christian, Hrsg.), Hamburg: LAIKA Verlag (das Original hier)

Wulf, Hans-Albert (2016), „Wer faul ist, muss bestraft werden!“, in: taz-Interview von Sonja Vogel mit Hans-Albert Wulf (25.12.2016)

wwalkie (2010), „Wer nicht arbeitet, soll auch gut essen! Das „Recht auf Faulheit“ (28.02.2010)

Zum Autor: Detlef Flüh, Diakon, geb. 1955, wohnt und arbeitet in der Landschaft zwischen Schlei und Flensburger Förde, ist im Ev.-Luth. Kirchenkreis Schleswig-Flensburg in der Erwachsenenbildung und Flüchtlingsarbeit tätig, ist Vorsitzender einer Synoden-AG zum Grundeinkommen.

Foto: Jan Christoph Elle

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Ein Kommentar:

  1. Rainer Lerch
    schrieb am 26.03.17 um 22:49 Uhr ( Permalink ):

    Guten Abend.

    Ich kann dem Schreiber nur in allen Punkten uneingeschränkt zustimmen!

    Längst schafft man doch „Arbeitsplätze“ auf Kosten der Arbeitnehmer; man denke nur, welche Nutznießer davon profitieren, dass jemand in einer Fabrik arbeitet über eine Leihfirma.
    Oder wie viele Agenturen plus freiberufliche Coaches usw. ihre Aufträge vermutlich ausschließlich von den Job-Centern bekommen. Ist in einer Arbeitswelt, welche immer schon einen gewissen Teil an arbeitslosen Männern und Frauen miteinplante, der „Erwerbslose“ selber Schuld, wenn 150 Bewerbungen erfolglos blieben?
    Auf einem Arbeitsmarkt, welcher offensichtlich übersättigt ist!

    Ich unterstütze die im vorliegenden Text erwähnte Initiative seit 2016.

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