Werteorientierungen und Grundeinkommen

Michael Opielka 22.07.2009 Druckversion

Die Idee des Grundeinkommens findet in konträren politischen und sozialen Gruppen Zustimmung. Dieses transzendierende Moment legt die Frage nahe, inwieweit die Idee an strukturelle Wertmuster und subjektive bzw. kollektive Werteorientierungen anknüpft, die quer zu den politischen Lagern bzw. klassischen Wohlfahrtsregimetypen sozialdemokratisch-liberal-konservativ angesiedelt sind. Einen ersten Zugang bilden in diesem Zusammenhang Gerechtigkeitskonzepte. Dabei kann kritisch vermutet werden, dass der Begriff der Gerechtigkeit auch als Chiffre bzw. als symbolische Politik verwandt wird. Umso wichtiger erscheint eine Klärung der dieser Idee zugrundeliegenden Werteorientierungen. Werte übernehmen eine generative Funktion für die Herausbildung von Interessen und neuen Institutionen. Gegen die Dominanz der Leistungs- und Arbeitsethik im modernen Sozialstaat argumentieren die Befürworter des Grundeinkommens für einen umfassenden Arbeitsbegriff und für eine Integration von Freiheit und Solidarität in den Werten von Anerkennung und Teilhabe. Die nun als Buch veröffentlichte empirische Studie [1] basiert auf der Deutungsmusteranalyse qualitativer Interviews mit mittleren und höheren Verantwortungsträgern aus Politik, Sozialer Arbeit und Wirtschaft. Sie zeigt deren ambivalente Werteorientierungen zur Idee des Grundeinkommens, aber auch Wege, diese Ambivalenzen auszuhalten und einer Synthese zuzuführen.

Ziel dieser Studie ist die qualitative Deutungsmusteranalyse von Werteorientierungen zu einem Grundeinkommen in Deutschland. Das ihr zugrunde liegende Forschungsprojekt bestand aus drei Elementen: einer textanalytischen Rekonstruktion von Deutungsmustern in aktuellen Dokumenten der deutschen Sozialpolitikliteratur; einer Serie von 13 Experteninterviews mit Personen der höheren Führungsebene und drei gruppenanalytischen Settings mit Personen der mittleren Führungsebene aus Wirtschaft (Tarifpartner), Politik und Soziale Arbeit an exemplarischen Standorten (Hamburg, Berlin, Erfurt). Die Durchführung der Studie wurde durch eine großzügige Förderung durch die Stiftung Wertevolle Zukunft (Hamburg) ermöglicht.

Unter der Leitung von Prof. Dr. Michael Opielka (Fachhochschule Jena und Institut für Sozialökologie, Königswinter) führten Dr. Matthias Müller (FH Jena), Dr. Jesco Kreft und Tim Bendixen (beide Stiftung Wertevolle Zukunft, Hamburg) die empirischen Erhebungen durch, werteten sie aus und erstellten den Abschlussbericht. Ziel dieser wissenschaftlichen Studie ist es, einen Einblick in die Deutungen wirtschaftlicher und politischer Ethik in Bezug auf die Idee eines Grundeinkommens bei Personen zu erhalten, die das Meinungsbild in Deutschland in näherer Zukunft prägen.

Das Forschungsprojekt sollte die wirtschafts-, politik- und sozialethische Dimension eines Grundeinkommens anhand von Deutungsmustern mittlerer und höherer Elite-Angehöriger erschließen. Hierzu wurden drei einschlägige gesellschaftliche Bereiche ausgewählt: Wirtschaft (Tarifpartner), Politik und Soziale Arbeit. Es wurde vermutet, dass die Einstellungen zu einem Grundeinkommen von erheblicher Ambivalenz gekennzeichnet sind. Insbesondere die Frage der Leistungs- bzw. Arbeitsethik dürfte unter Eliteangehörigen strittig sein, da sie eigene Identitätskonstruktionen berührt. Die Autoren vermuteten ferner, dass diese ambivalenten Deutungsmuster in sozial-kommunikativen Settings zugleich stabilisiert und in konfrontativen Situationen aufgebrochen werden können.

Die Darstellung der Befunde geschieht in der Studie entlang von drei Kategorien, die beide empirischen Teile – Experteninterviews und Fokusgruppen – gliedern: „Menschenbild“, „Operative Gerechtigkeit“ und „Politischer Vollzug“. Unter „Menschenbild“ werden grundlegende Deutungsideen zur Sozialtheorie und Anthropologie auf Seiten der befragten Akteure verstanden, unter „Operative Gerechtigkeit“ anwendungsbezogene gerechtigkeitstheoretische Annahmen und unter „Politischer Vollzug“ Annahmen über die politischen Prozesse zur Einführung eines Grundeinkommens.

Der Aufbau der Studie folgt dem Arbeitsprogramm. In Kapitel 2 werden zunächst theoretische Fragen zum Verhältnis von Werteorientierung und Grundeinkommen erörtert. Einem Aufriss der soziologischen Wertforschung folgt eine Untersuchung der Gerechtigkeitskonzepte. Kapitel 3 erläutert die methodologischen Voraussetzungen und methodischen Umsetzungen des Konzepts der Deutungsmusteranalyse in der vorliegenden Studie. Kapitel 4 präsentiert die Ergebnisse der Experteninterviews, Kapitel 5 und 6 die Ergebnisse der Fokusgruppenanalyse. Kapitel 7 entwickelt eine Matrix der in der Studie diskutierten Werteorientierungen und Kapitel 8 resümiert die Ergebnisse der Studie und erörtert ihre Relevanz für die gesellschaftliche Diskussion.

Die empirischen Befunde der Studie erscheinen ambivalent. Die Basisannahmen der „sozialen Marktwirtschaft“ – Subsidiarität und Solidarität – lösen sich nicht leicht in der Idee des Grundeinkommens auf. Gerade die mittleren Eliten der deutschen Gesellschaft erscheinen als deren konservative Bewahrer, durchaus ängstlich gestimmt gegenüber Reformkonzepten, deren Ausgang ungewiss wirkt. Die soziologische Analyse machte deutlich, wie sehr die Einstellungen zu einem Grundeinkommen mit grundlegenden Vorstellungen von Gerechtigkeit und Lebenssinn korrelieren. Spannungen zwischen Arbeit und Familie, Risiko und Sicherheit, Individualität und Gemeinschaft, materiellen und postmateriell-expressiven Werten müssen balanciert werden. Es erschien denkbar, dass die Idee des Grundeinkommens für die Befragten als Beitrag zur systemischen Neubalancierung der genannten Ambivalenzen erscheint. Für viele der Befragten war dies der Fall, doch für die Mehrheit überwogen die Bedenken gegenüber einer Grundeinkommensreform.

Eine qualitative Studie kann keine Repräsentativität beanspruchen. Gleichwohl dürfte der Erkenntniswert erheblich sein. Sie macht deutlich, dass die Ambivalenzen gegenüber der Idee des Grundeinkommens wohl nur durch öffentliche Diskurse und durch charismatische „public persons“ gelockert, reflexiv bewusst und damit – vielleicht – einer politischen Lösung zugeführt werden können. Die der Studie analysierten Ambivalenzen und Dilemmata sind keineswegs bedeutungslos. Sie betreffen die Architektur nicht nur der deutschen Gesellschaft, vielmehr aller modernen Wohlfahrtsstaaten.——————————

[1] Grundeinkommen und Werteorientierungen. Eine empirische Analyse“, Autoren: Michael Opielka, Matthias Müller, Tim Bendixen, Jesco Kreft, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2009, 24,90 Euro

4 Kommentare

Andreas Gurk schrieb am 02.08.2009, 11:59 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Die Trennung von Arbeit und Einkommen führt nicht zwangsweise zum Paradies, sondern ist eine Notwendigkeit, die (jetzt) geschehen muss. Es ist nicht ein absolutes Gesetz, dass für alle Zeiten gilt, sondern eine Bedingung, die sich heute für unsere globale Gesellschaft realisieren muss, damit keine Verhärtung im "Nützlichkeitsdenken" im Sinne einer Digitalisierung bzw. Zerstückelung von Lebenszusammenhängen statt findet. Der Mensch ist aufgefordert, Lebenszusammenhänge zu begreifen und diese auch im Sinne von Beziehungen zueinander zuzuordnen. Das was die „Technikwelt“ nicht leisten kann, denn diese strebt nach Effizienz, Schnelligkeit, Spezialisierung etc., muss vom Menschen in verantwortlicher Weise aufgelöst bzw. ins richtige Verhältnis geführt werden. Diese verantwortliche Arbeit kann nicht von privilegierten Gruppen eingefordert werden, da die notwendige "Moralkraft" von niemandem geleistet bzw. durchgesetzt werden kann. Vielmehr kommt es darauf an, dass gesellschaftliche Gruppen in ausgewogenen Verhältnissen zueinander stehen. Mit der Trennung von Arbeit und Einkommen, wird ein Tor geöffnet. Der Mensch hat die Möglichkeit, sich dem Diktat der „Technikwelt“ zu entziehen und ein persönliches Verhältnis zu den Errungenschaften des modernen Fortschritts aufzubauen. Den Zwangscharakter die heute „eine Digitalisierung“ mit sich bringt, muss mit „seelischer Wärme“ ausgeglichen werden. Seelische Wärme wird durch Beziehungsarbeit erzeugt und beinhaltet ein Verstehen von Entwicklungsprozessen. Durch die Trennung von Arbeit und Einkommen, kann Arbeit geleistet werden, die frei ist vom Takt der Maschinen, der Bürokratie und Finanzwelt. Wir müssen heute auch verstehen, dass die Bürokratie (Politik, Recht) und die Finanzwelt, dass moderne Schlachtfeld ist, in der Auseinandersetzung von kalter Funktionalität und menschlichen Freiheitsbedürfnissen, während die mediale Welten kaum eine eigene unabhängige Kraft verfügen, sondern ständig des Machtmissbrauchs unterliegen. Auch hier wäre ein BGE so notwendig, damit wir in keinem Bewußtseinsgefängnis ersticken. Der Fortschritt einer globalen Welt liegt nicht in der Förderung von Einseitigkeiten, wie scheinbar finanzielle Notwendigkeiten, politischen Ideologien oder medialen Beeinflussungen, sondern in der Ausgewogenheit gesellschaftlicher Beziehungen. Hier schafft das BGE etwas mehr an Freiheit und ermöglicht einen Strukturwandel, die dem heutigen Bewusstsein der Weltbevölkerung etwas näher kommt. Das BGE ist im alten Sinne keine politische Forderung von "linkes oder rechtes" Denken, sondern eine neue politische Herausforderung einer Bewusstseinsanpassung gesamtgesellschaftlicher Verhältnisse.

volker loos schrieb am 05.08.2009, 17:03 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

der begriff arbeit ist grundsätzlich neu zu überdenken. es ist nichts heiliges und wohltäterisches an der ausführung von lohnarbeit. zumal unter dem zurzeit herrschenden finanz und wirtschaftsystem der zwang zur wachstums- und renditesteigerung zum stetigen abbau von arbeitsplätzen führt. technologische produktionsprozesse verdrängen immer mehr menschliche arbeitskraft. schon aus diesem grunde ist die lohnarbeit immer weniger rentabel für den, der seine arbeitskraft verkauft. in den berufen des erzeugenden gewerbes zieht immer mehr lohndumping ein. genauso bei dienstleistung und auch in der landwirtschaft. es ist überall das gleiche, nur die großen betriebe und die lobbyisten streichen subventionen, gewinne oder beides ein. rechtschaffene arbeit und gerechter lohn sind grundsätzlich verschiedene sachen. eher das gegenteil ist die regel, hohe geldgewinne kassieren meist solche, die weder nützliches schaffen oder tun. wenn man bedenkt wie geldschöpfung aus spekulationen, oder aus zins und zinseszinsgewinnen maßlos betrieben wird, spottet das jeder ehrlichen arbeit. bei jeder debatte, die um arbeitsplätze geführt wird, geht es den menschen meist um lohneinkommen. also gebt den leuten ein ordentliches einkommen, dass sie vernünftig davon leben können. dann ist es auch egal ob sie einen job haben oder keinen oder gemeinnützliche arbeiten leisten oder sich sonstwie in der gesellschaft nützlich machen. diese tätigkeiten sind immer noch ertragreicher für das gemeinwohl, als die aktivitäten unserer finanzjongleure, manager und "heuschrecken".

Soulman schrieb am 29.11.2009, 14:53 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Schon Neugeborene kommen mit einem Schuldenberg zur Welt, der sich im Laufe der Lebenszeit durch die Zinsen stetig erhöht und mit der Veränderung der Altersstruktur in Deutschland von den später Erwerbstätigen nicht mehr geleistet werden kann. Dies wird von den Betroffenen als Damoklesschwert empfunden werden, was zu einer Aufgabe der Aufgabe führen wird. Sie werden sich als geborene Verlierer sehen, ob sie Arbeit haben werden und die angeborene Last schultern müssen, oder ob sie arbeitslos sein werden, weil sie in der geforderten Spezialisierung in der modernen Arbeitswelt den falschen Weg eingeschlagen haben. Sie werden entweder Beziehungen haben müssen, um materiell zu überleben, oder in wohlhabende Verhältnisse hineingeboren sein müssen, um überleben zu können. Doch auch im zweiten Fall wird es angesichts der zunehmenden Armut breiter Teile der Bevölkerung zunehmend schwieriger, den Wohlstand auch zu erhalten. So wird ein Grundeinkommen zwingend notwendig werden, damit Deutschland nicht in mittelalterliche Verhältnisse und Strukturen zurückfällt. Doch die Finanzierung des Grundeinkommens muß einher gehen mit einer strukturellen Veränderung der steuerlichen Abschöpfung der gesamten Wirtschaftsleistung in Deutschland. Steuer muß von der menschlichen Arbeitskraft entkoppelt werden. Das Geld selbst muß beim Wechsel von einer Hand zur anderen besteuert werden. Damit bekommt der Ansatz von Götz Werner Recht, den Geldfluss bzw. Transfer zu besteuern, egal ob er an der Börse oder bei der Überweisung einer Rechnung, oder gar einer Barabhebung zustandekommt. Das entspräche auch einer grundlegenden Steuerreform, die den bisherigen Verwaltungsaufwand der Finanzierung dieses Grundeinkommens zuführt.

Jürgen Hünefeld schrieb am 29.03.2013, 00:01 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Das BGE ist nur eine Fortsetzung der Analysen und Gedanken, die Silvio Gesell im Buch "Die natürliche Wirtschaftsordnung" beschreibt. Aber auch das reicht noch nicht, denn statt der Pressefreiheit der Eigentümer brauchen wir die Freiheit der Presse als Informations- und Kommunikationsplattform aller Gruppen in der Gesellschaft.

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