Drei Blumensträuße

Ronald Blaschke 22.07.2013 Druckversion

Eine Milliarde für Süderlenau
Astrid Wenkes Eine Milliarde für Süderlenau wandelt den todbringenden „Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt in einen Besuch um, der Leben bringt. Drei Blumensträuße bietet sie uns mit ihrem Roman an: Einen bunten Strauß von Debatten übers Grundeinkommen, einen farbkräftigen Strauß der (Ab)Gründe menschlicher Beziehungen und einen Strauß Rosen für die Liebe.

Nur soviel zum Rosenstrauß: Sätze wie „Sie nahm mich in ihre Augen. Ich hätte mich ewig darin wiegen lassen können“ sagen einem: Liebe ist Erleben und Erlebtwerden. Katharina, die Erzählerin im Roman, erfährt das.

Der zweite Strauß, den uns Astrid Wenke anbietet, der Beziehungsstrauß, führt uns in die (Ab)Gründe gelingender und nicht gelingender Beziehungen zwischen Frauen und zwischen Frauen und Männern. Zwischen kräftigem Rot und Schwarz findet sich vieles. Astrid Wenke macht immer wieder deutlich, dass es mehr als Liebe ist, was übers Gelingen und Nichtgelingen einer Beziehung bestimmt. Es sind die konkreten Arbeitswelten, -vorstellungen und -praxen, die die Beziehungen prägen, gestalten – oder eben auch töten. Oder anders, mit einem Spruch der Frauenbewegung, ausgedrückt: Das Private ist politisch – die in ein bestimmtes ökonomisches System eingebettete Arbeit ist hochgradig politisch, weit über den Süderlenauer oder nationalen Tellerrand hinaus, und greift dennoch massiv ins Private.

Ökonomisches System, Arbeit, Beziehungen – der Grundeinkommensblumenstrauß nimmt diese Ebenen auf und ist daher so wunderbar bunt. Verpackt ist er in einer radikalen Umgestaltung von Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ – wie wir wissen, ein todbringender Besuch, um Vergangenes zu rächen.

Eine alte Dame mit einer Milliarde im Gepäck stoppt wie bei Dürrenmatt mit der Notbremse einen Zug, der dort sonst nie halten würde, in einem Kaff – und bringt den Süderlenauern eine Milliarde für ein fünf Jahre lang ausgezahltes Grundeinkommen in Höhe von 1000 Euro monatlich mit. Dieses Angebot belebt die öffentliche politische Diskussion und die Beziehungen der Menschen – es sinnt nicht auf Rache und Tod, sondern auf Leben und Liebe. Spannend ist es zu lesen, wie schon allein die Vorstellung eines real existierenden Grundeinkommens die Menschen verändert, ihnen Mut gibt, sich öffentlich zu artikulieren, ihre Wünsche offenlegt. Es ist für viele eine Befreiung, Zeit der Wahrhaftigkeit und des Lebendigwerdens …

Die von der Kenntnis philosophischer Hintergründe, politischer Begründungen und aktueller Debatten ums Grundeinkommen geprägte Beschreibung der politischen und zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen im Roman liest sich für den Eingeweihten vergnüglich, für Uneingeweihte erhellend. Astrid Wenke spitzt zu: Die Bürgerinnen und Bürger Süderlenaus können selbst über Annahme oder Ablehnung der Milliarde für ein Grundeinkommen entscheiden. Der Ausgang dieser Entscheidung dürfte für Diskussionen sorgen.

Astrid Wenke hat einen Roman geschrieben, der drei Blumensträuße wunderbar zusammenbindet. Weil sie zusammengehören. Der Roman liest sich leicht. Und weil Astrid Wenke manchmal auch mit einem Schuss Ironie erzählt, verhilft der Roman zum nötigen Abstand, um alles besser zu überdenken.

Astrid Wenke: Eine Milliarde für Süderlenau, Verlag Krug & Schadenberg, Berlin 2013, 208 Seiten, ISBN 978-3-930041-89-3, 16.90 €

Hinweis: Astrid Wenke liest nach der Grundeinkommensdemo am 14.09. 2013 in Berlin aus dem Roman „Eine Milliarde für Süderlenau“: 19.00 Uhr, im Haus der Demokratie und Menschenrechte (HdDM), Greifswalder Straße 4, 10405 Berlin.
Davor, ab 18.00, findet eine Buchvorstellung statt, danach, ab 20 Uhr, ist ein offenes Treffen mit GrundeinkommensaktivistInnen aus ganz Europa geplant. Der Eintritt ist frei. Veranstalter ist das Netzwerk Grundeinkommen.

Ein Kommentar

Horst Weyrich schrieb am 08.08.2013, 10:21 Uhr

Ich habe das Buch gerade zu Ende gelesen und muss sagen, dass ich enttäuscht bin. Ich hatte mir zu lesen erhofft, wie es ist, wenn eine Bevölkerung 5 Jahre lang mit bedingungslosem Grundeinkommen lebt. Doch das Buch endet im Vorfeld dieser Erfahrung. Man liest also nur das, was man aus der Realität zu bedingungslosem Grundeinkommen kennt: Sehnsüchte, Diskussionen, Demo, Veranstaltungen, Befürchtungen. Ich komme mir vor, als ob ich einen von diesen ARD- oder ZDF-Filmen gesehen hätte: Arm bzw. Mitte trifft auf Reich, Familienzwist, wer ist wessen Vater oder Mutter mit z.T. glücklichem, z.T. glücklosen Ausgang. Zur Einführung in Bedingungsloses Grundeinkommen geeignet, aber nicht über den Beginn eines Traums hinausgehend, ohne Mittelteil, ohne Ende.

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