Kandidaten und Kürbissuppe

Sabine Storch 22.11.2009 Druckversion

Am 14./15. November fand in Göttingen auf Einladung der dortigen Grundeinkommensinitiative erstmals ein Herbsttreffen statt, zu dem alle Grundeinkommens-KandidatInnen der vergangenen Bundestagswahl und benachbarte Initiativen eingeladen waren. Es schien ein interessantes Wochenende zu werden, und ich wurde beileibe nicht enttäuscht. Und das obwohl wegen Krankheit oder sonstiger Umstände letztendlich nur zwei Kandidaten gekommen waren!

Die perfekten Rahmenbedingungen

So trafen wir uns am Samstag zu vierzehnt in der Göttinger Walddorfschule, ständig in regem Austausch, der nie langweilig zu werden drohte. Tanja war eine fabelhafte Moderatorin, die bei dieser Gelegenheit ihr Talent entdeckte, die Örtlichkeit hatte eine freundliche Ausstrahlung, und alle Göttinger und auch Gäste halfen wunderbar zusammen, um Mittagessen, Nachmittagskaffee und Abendbuffet zu organisieren. Allen voran Anna, die die vorzügliche Kürbissuppe kochte und der Küche vorstand. Stefan steuerte viel Gutes aus seinem Naturkostladen bei. In seinem Haus boten sich auch Übernachtungsmöglichkeiten – natürlich erst nach dem gemeinsamen Kneipenbesuch – und am Sonntagvormittag trafen sich dort einige wieder, um bei einem Frühstück weiter zu reden, zu diskutieren, zu philosophieren – bis es fast schon wieder dunkel wurde!

Die spannenden Inhalte

So waren die Rahmenbedingungen optimal, um den inhaltlichen Austausch und persönliche Kontakte in einer rundum positiven Atmosphäre gedeihen zu lassen. Schon in der Vorstellungsrunde merkte ich, wie das Thema Grundeinkommen die Menschen aufweckt, integriert und einen respektvollen, ja unterstützenden Umgang miteinander beflügelt.

Der inhaltliche Austausch begann in der großen Runde, in der jeder seine zuvor auf Kärtchen notierten Fragen oder Diskussionswünsche vorbrachte. In der Kreismitte bildete sich so ein kleines Karten-Puzzle. Daraus ergaben sich später zwei Kleingruppen, die zu meiner Überraschung genau jene beiden Aspekte aufgriffen, welche ich in meiner Eingangsfrage in den Raum gestellt hatte: Nämlich inwieweit die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Idee des Grundeinkommens einerseits vor allem als Kulturimpuls verstehen, der Horizonte öffnet und grundlegende soziale und kulturelle Beziehungen und Strukturen hinterfragen lässt, oder andererseits als greifbare politische Forderung, für die es nun Mehrheiten zu schaffen gilt. Natürlich gibt das eine das andere!

Zuvor aber bestand großer Bedarf darin, von den Erfahrungen der beiden aus Bayern angereisten Kandidaten zu hören und von ihrem Wissen zum Thema zu profitieren. Reimund Acker konnte geistreich von seiner Direktkandidatur fürs Grundeinkommen und seiner Arbeit im Netzwerk Grundeinkommen berichten, Thomas Blechschmidt von der Wählergemeinschaft „Für Volksentscheide“ brachte ebenso spannende Anekdoten und praktisches Wissen mit. Beide waren auf der Plattform „Grundeinkommen ist wählbar“ vertreten. Für die Göttinger und Kasseler war dieser Austausch sehr inspirierend und spannend. An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank!

Die Diskussion in den zwei Kleingruppen war dann genauso intensiv, so dass es nicht einmal nötig war, mit besonderen Methoden wie der eigentlich noch vorgesehenen Fishbowl-Diskussion Schwung in die Runde zu bringen.

Während die Abendsonne den Horizont rot färbte und langsam verschwand (das war tatsächlich schön anzusehen), beschäftigte sich die eine Gruppe mit den Visionen und Hoffnungen, die mit dem BGE (bedingungsloses Grundeinkommen) zusammen hängen. Sprich, mit dem Kulturimpuls. Aber auch die mit der Idee verbundenen Ängste kamen zur Sprache. Ausgehend von der großen Frage „Was würdest du tun, wenn?“ wurden neue Formen der Arbeit und des gesellschaftlichen und sozialen Engagements diskutiert. Ein Schwerpunkt lag auf der Frage, wie sich Beziehungen in Familien ändern könnten, zum Beispiel da, wo heute oft noch Neid oder Eifersucht herrscht.

Die andere Gruppe überlegte sich unterdessen, wo die Grundeinkommensbewegung gerade steht und welche Schritte als sinnvoll und notwendig erscheinen, um dem Ziel der gesellschaftlichen Mehrheitsfähigkeit eines BGE näher zu kommen. Die größte Aufmerksamkeit galt dabei der weiteren Verbreitung der Idee über Initiativen, über deren Öffentlichkeitsarbeit und natürlich über das Netzwerk. Aber auch die politischen Instrumente wie Kandidaturen, Petitionen oder Volksentscheide und mögliche politische und gesellschaftliche Widerstände wurden thematisiert.

Und was bleibt?

An diesem Wochenende hat der Kulturimpuls gewirkt. Denn schon allein das Reden über ein BGE ist ein Kulturimpuls. Daneben war – so empfand ich es – einfach das Zusammenkommen und die gemeinsame Zeit, in denen auch viele persönliche Begegnungen stattgefunden haben, das Wichtigste und Schönste. Das mag aber daran liegen, dass ich selbst noch nicht lange in der Grundeinkommensbewegung bin und auch die meisten Göttinger sowie Kasseler erst jetzt näher kennen gelernt habe. So ist wohl ein Ergebnis des Wochenendes, dass sich unser Arbeitskreis gefestigt und die regionale Vernetzung einen Anfang genommen hat.

Doch eigentlich wollten wir tatsächlich all jenen, die für das Grundeinkommen kandidiert hatten, eine Plattform bieten, um sich kennen zu lernen und zu vernetzen! Zumal Göttingen mitten in Deutschland liegt und – wie beschrieben – die Rahmenbedingungen einfach toll sind… Vielleicht gibt es irgendwann nochmal eine Gelegenheit!

Am Sonntag Nachmittag schließlich fuhr Gisela mit Reimund noch ins Studio des Stadtradios Göttingen und nahm ein Interview auf – für eine der nächsten Sendungen des Radios Grundeinkommen, das immer Samstags von zehn bis elf zu hören ist (www.stadtradio-goettingen.de).

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