Das Grundeinkommen bricht mit Glaubenssätzen unserer Zivilisation.

Das Grundeinkommen stößt bei vielen Menschen auf Widerstand, weil es mit unausgesprochenen unterbewussten Glaubenssätzen unserer Zivilisation bricht. Die Argumente „Das Grundeinkommen ist nicht gerecht“ und „Dann arbeitet ja niemand mehr“ sind die oberflächlichen Auswirkungen.

Vor gut 20 Jahren hat Daniel Quinn viele Glaubenssätze als gefährliche Begleiterscheinung unserer Zivilisation entdeckt und formuliert. Zwei davon sind für das Grundeinkommen bedeutend. In seinem Buch „Ismaels Geheimnis“ erklärt der Lehrer Ismael seiner Schülerin Julie, woran sie zweifelsfrei und sofort erkennen kann, ob sie sich in einer Gesellschaft unserer Zivilisation befindet, oder in irgend einem Urvolk. „Dass du dich unter den Angehörigen deiner Kultur befindest, weißt du, wenn die ganze Nahrung irgendjemandem gehört. Wenn sie ausnahmslos unter Verschluss gehalten wird. … die Nahrung wegzusperren war eine der großen Neuerungen eurer Kultur. Keine andere Kultur in der Geschichte hat je die Nahrung weggesperrt – und sie wegzusperren ist der Grundstein eurer Ökonomie.“ nennt Ismael als erstes Kriterium. „Warum ist das der Grundstein?“ fragt Julie. „Nun, wenn die Nahrung nicht unter Verschluss wäre, würde doch niemand mehr arbeiten. … Wenn du nach Singapur, Amsterdam, Seoul, Buenos Aires, Islamabad, Johannesburg, Tampa, Istanbul oder Kyoto fährst, wirst du feststellen, dass sich die Menschen dort in ihrer Kleidung, ihren Hochzeitsbräuchen, in ihrer Freizeitgestaltung, ihren religiösen Zeremonien u.s.w. deutlich unterscheiden. Aber sie alle gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass ihnen die Nahrung erst einmal vorenthalten wird. Sie gehört jemandem, und wenn du etwas haben willst, dann musst du es kaufen.“ stellt Ismael fest. Übrigens: Ismael ist ein ausgewachsener Gorilla.

Das Grundeinkommen hebelt die Beschränkung aus. Kaufen muss man seine Nahrung zwar auch dann, aber man muss vorher nicht dafür gearbeitet haben. Arbeit als Voraussetzung zum Überleben, scheint bei Ismael zwischen den Zeilen hervor. Das Grundeinkommen lässt die Menschen sich wie in einem Urvolk fühlen, wo jeder einfach nimmt, was er gerade zum Leben braucht. Überfluss ist dort die Erfahrung, nicht Mangel. Besonders nicht der künstliche Mangel, auf dem das ganze Wirtschaftssystem unserer Zivilisation aufgebaut ist. „Überfluss“ kann es einfach nicht geben: ein weiterer falscher Glaubenssatz. „Urvolk“ zeitigt bei uns „Zivilisierten“ das Bild von Rückschritt, Primitivität, Wildheit, Bedrohtheit. Überlebenskampf. Wer diese unzutreffenden Bilder nicht hinterfragt, klebt außen ans Grundeinkommen das scheinbar rationale, in Wirklichkeit aber emotionale Etikett „ungerecht“.

Ismael fährt fort: „Hier ist die zweite Faustregel, mit deren Hilfe du die Angehörigen eurer Kultur erkennen kannst: Sie empfinden sich als Mitglieder einer Rasse, die einen grundlegenden Fehler hat und von Natur aus zu Leid und Elend verdammt ist. Weil sie einen grundlegenden Fehler haben, erwarten sie, dass Weisheit ein seltenes Gut und deshalb nur schwer zu erlangen sei. Weil sie von Natur aus verdammt sind, überrascht es sie auch nicht, dass sie inmitten von Armut, Ungerechtigkeit und Verbrechen leben. Es überrascht sie auch nicht, dass sie ihren Planeten unbewohnbar machen. Sie sind vielleicht empört darüber, aber es überrascht sie nicht, weil sie nichts anderes erwarten. Sie halten es für genauso plausibel wie ihre Nahrung unter Verschluss zu halten.“

Zu den für grundlegend gehaltenen Fehlern der zivilisierten Menschheit gehören Gier und Faulheit. Den Urvölkern hängen wir diese Fehler nicht an. Selbst wenn man Gier und Faulheit bei sich selbst nicht beobachtet und daher auch anderen nicht von vornherein unterstellen sollte, zwingt der unbewusste Glaubenssatz dazu. Und so wird dem Grundeinkommen das zweite Etikett aufgeklebt: „Niemand wird mehr arbeiten.“ Der unbewusste Glaubenssatz erzeugt auch die bekannte Diskrepanz bei Umfragen, wonach ca. 90% der Befragten sagen, sie würden auch mit Grundeinkommen weiter arbeiten; aber 80% derselben Leute glauben, die anderen Menschen seinen faul und würden mit Grundeinkommen ihr Leben in der Hängematte verbringen.

Was folgt daraus? Das Grundeinkommen wird weniger durch bewusste logische Überlegungen infrage gestellt, eher durch unbewusste Gefühle. Wenn ich Grundeinkommens-Zweiflern zuhöre, wundere ich mich, dass die Menschen nicht merken, wie widersprüchlich, irrational und lebensfremd ihre Argumente sind. Das ist nicht verwunderlich: Ihre Glaubenssätze sind als Gefühle unbewusst, nicht in Worte gefasst, gespeichert. Beim Versuch, nebulös Gefühltes auszudrücken, verwenden sie gängige Begriffe, die die Gefühle gar nicht abbilden.

Was tun? Das Anliegen von Daniel Quinn (die menschliche Gesellschaft in eine überlebensfähige Zukunft zu führen) und das dazu vorbereitende Anliegen des Grundeinkommens (Freiheit, Menschlichkeit zu bringen, Armut zu eliminieren) brauchen dieselbe Vorgehensweise: Irreführende Glaubenssätze zu entdecken, sie ans Tageslicht zu holen und sie zu verbalisieren, Ihren Ursprung, ihre Unrichtigkeit, oft Lächerlichkeit und ihre fatalen Wirkungen aufzuzeigen, und sie endlich durch Glaubenssätze zu verdrängen, die der realen Welt angemessen sind. Ein lohnender Weg, der Energie und Durchhaltevermögen braucht.

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4 Kommentare:

  1. Sigid Arndt
    schrieb am 24.02.17 um 20:37 Uhr ( Permalink ):

    Ja, ganz viele Glaubenssätze und tiefe Überzeugungen zu hinterfragen, das ist, glaube ich, die große Herausforderung in unserer Zeit. Hoffnung macht, dass dies immer mehr Menschen bewusst wird.

  2. Gerhard Seedorff
    schrieb am 02.03.17 um 18:58 Uhr ( Permalink ):

    Der Intellektuelle Noam Chomsky hat die Fragen mit Beispielen aus unserer Zeit beantwortet:

    https://www.youtube.com/watch?v=g8gbpUHLJaU

    Vielleicht hilft er uns damit einige unserer unbewussten Glaubenssätze zu überprüfen?

  3. Sigurd Schmidt
    schrieb am 04.03.17 um 15:10 Uhr ( Permalink ):

    Eine hervorragend simple und überzeugende Widerlegung gängiger Vorurteile gegen das bedingungslose Grundeinkommen.

  4. Stefan Kächele
    schrieb am 06.03.17 um 10:51 Uhr ( Permalink ):

    Ich stimme zwar damit überein, daß in den Argumenten der BGE-Gegner erschreckend viel Irrationalität, Widersprüchlichkeit und selbstschädigende GLS stecken, ABER Ihre Argumentation über den angeblichen Überfluss bei Urvölkern halte ich für verfehlt.
    Welchen Grund hätten z.B. die Neandertaler gehabt, auszusterben, wenn sie tatsächlich im Überfluss gelebt hätten? Abgesehen davon hatten und haben Urvölker kaum Möglichkeiten der Nahrungskonservierung. Es gab da überhaupt nichts wegzusperren! Nahrung musste quasi von Tag zu Tag und gegen möglw. konkurrierende Stämme und häufig unter Lebensgefahr neu „erwirtschaftet“ werden.
    Das war harte Arbeit! Es wurde arbeitsteilig gejagt, gesammelt, gekocht, geflickt, usw. Jeder hatte seinen Job und war am Gemeinwohl beteiligt, aber auch am Gemeinweh, wenn es eben nichts oder wenig oder Minderwertiges zu beissen gab!
    Ich jedenfalls möchte in diese Form des „Überflusses“ nicht zurück, wohl aber in das ursprüngliche, selbstverständliche Miteinander und das Wissen, dass es Jeden und Jede mit seinen/ihren Fähigkeiten in einer Gesellschaft/Urvolk braucht und daran selbstverständlich und ohne Diskriminierung auch teilhat.

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