Ars Regendi: Browsergame mit Grundeinkommen

Patrick Wehner 24.04.2015 Druckversion

Foto: Privat

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Diesmal stellen wir Marc Böttenberg in einem Interview vor. Mit der von ihm entwickelten Politik- und Wirtschafts­simulation „Ars Regendi“ will der haupt­berufliche Spiele­entwickler und Rätsel­autor spielerisch Interesse für politische Themen wecken. In dem Browser­game ist es möglich Grundeinkommen im eigenen Staat einzuführen und die Auswirkungen auf Wirtschaft und Zufriedenheit der BürgerInnen zu testen.

Was bedeutet Ars Regendi und was steckt dahinter?

MB: „Ars Regendi“ ist Latein und bedeutet „Die Kunst des Herrschens“. Es ist eine im Browser spielbare Wirtschafts- und Politiksimulation, in der die Spieler fiktive Staaten regieren können. Dabei werden sie vor immer neue Entscheidungen gestellt, zum Beispiel ob sie Abtreibung erlauben oder verbieten, wie sie mit Zuwanderung umgehen möchten und etliches mehr. Zudem können sie das Budget des Staates verändern, Steuern oder Ausgaben erhöhen oder senken, Großprojekte umsetzen oder Reformen einleiten. Zu den Reformen gehören zwei verschiedene Arten des Grundeinkommens. Alle Entscheidungen des virtuellen Regenten fließen in ein komplexes Formelsystem ein, das sich an volkswirtschaftlichen und eigenen Modellen und Theorien orientiert. Die Ergebnisse der Berechnungen werden dann jeweils im nächsten Spielzug sichtbar. In den „Welten“ können die Herrscher auch mit- oder gegeneinander spielen.

Wie bist du auf das Projekt gekommen und mit welchen Mitteln hast du es realisiert?

MB: Mit Ars Regendi wollte ich eine ernsthafte Simulation ins Netz bringen, zudem mir keine öffentliche Möglichkeit bekannt war oder ist, in der ein Interessierter schauen kann, wie sich seine Entscheidungen auswirken könnten, wenn er mal selbst das Sagen hätte. Dabei tritt das Spiel nicht oberlehrerhaft auf und propagiert einen Königsweg, sondern es versucht, die Konsequenzen realistisch abzuschätzen und die Spieler zum Nachdenken anzuregen. Für die Umsetzung des Projekts musste ich zunächst aus dem Studium vorhandene volkswirtschaftliche Kenntnisse auffrischen und erweitern, um das Formelsystem konstruieren zu können. Die gesamte Vorbereitungsphase, inklusive der Texte für die Aufgaben, hat mehr als ein Jahr gedauert, bevor ich einen Programmierer für das Projekt begeistern konnte, der zur Hälfte beteiligt wurde.

Warum habt ihr in der Simulation ein Grundeinkommen eingeführt und wie funktioniert dieses Grundeinkommen?

MB: Eines der größten Anliegen von Ars Regendi ist das Aufzeigen von Optionen abseits der konventionellen Politik. Da darf das Grundeinkommen als wohl bedeutendster Reformvorschlag nicht fehlen. Die Umsetzung im Spiel ist recht einfach: Jeder Bürger bezieht aus dem Staatshaushalt Transferleistungen, die an der Höhe der Lebenshaltungskosten bemessen werden. In der ersten Variante entspricht die Höhe des Grundeinkommens der des Existenzminimums, und in der zweiten, der Luxusversion, dem Anderthalbfachen dessen. Andere Transferleistungen wie Wohlfahrt und Renten werden entsprechend gekürzt, wobei aber bei den Renten laufende Verträge berücksichtigt werden. Zudem sinken die Kosten für Bürokratie. Das Grundeinkommen wirkt übrigens immer kumulativ mit anderen Einkommensarten (Grundeinkommen bleibt erhalten, egal was dazuverdient wird, Anm.d.R.). Es gibt neben den beiden Reformen aber noch die Möglichkeit, stufenweise Grundbezüge einzuführen.

Wie bist du darauf gekommen in eurem Spiel die Möglichkeit anzubieten ein Grundeinkommen einzuführen?

MB: Das Grundeinkommen ist eines der wichtigsten Konzepte, Kapitalismus und Sozialismus zu versöhnen, und in Anbetracht der steigenden Ungleichverteilung ist es aktueller denn je. Ich hatte mich schon lange vor Ars Regendi damit beschäftigt und bin rechnerisch wie gesellschaftlich von seinen Vorzügen überzeugt, aber nicht ohne Vorbehalte. In Ars Regendi soll man insbesondere probieren können, wie das Grundeinkommen zu finanzieren wäre, wenn man davon ausgeht, dass das Erwerbsverhalten dem derzeit real gegebenen ähnelt.

Wie realistisch sind die Auswirkungen?

MB: In Bezug auf den Staatshaushalt halte ich unsere Berechnungen für sehr realistisch. Aber in Bezug auf das ökonomische Verhalten der Menschen können wir nur mutmaßen, denn es gab ja noch keinen Staat, der das Grundeinkommen dauerhaft eingeführt hat. Insofern liegen uns wenige Daten vor, mit denen wir arbeiten können. Aber wie gesagt, sehe ich wenige Gründe zu der Annahme, dass sich das ökonomische Verhalten massiv ändern würde und ein Staat, der sich auf das Experiment einlässt, scheitern könnte. Der geringeren Bereitschaft zu schlecht bezahlten, unangenehmen Tätigkeiten oder Mehrarbeit stünde meines Erachtens eine bessere Zuordnung der Fähigkeiten und Talente zu den gesellschaftlichen Erfordernissen gegenüber. Insgesamt wäre eine viel größere Flexibiltät möglich, die sich auch ökonomisch sehr positiv auswirken kann. Andererseits gibt es Bedenken, dass sich viele Leute tatsächlich zu sehr gehen ließen und ihre Ausbildung vernachlässigen könnten. Wir haben versucht, jeden Punkt zu berücksichtigen. Wie gut das gelungen ist, müssen die Spieler beurteilen.

Wird die Möglichkeit ein Grundeinkommen einzuführen von vielen SpielerInnen genutzt?

MB: Allerdings, die Grundeinkommens-Reformen sind sehr beliebt. Die meisten Spieler, die sie einführen, versuchen allerdings erst über ein oder zwei Jahrzehnte hinweg ihren Staat auf diesen enormen Schritt vorzubereiten. Wenn es überstürzt eingeführt wird, kann es kritisch werden, insbesondere in Abhängigkeit von der Staatenklasse. Ein bevölkerungsreiches Entwicklungsland muss erst gewisse Voraussetzungen erlangen, die bei einer Industriemacht in der Regel schon gegeben sind. Mitunter ist zunächst die Negative Einkommenssteuer als Alternative angebracht.

Was würdest du tun, wenn du ein Grundeinkommen hättest?

MB: Ich gehe mal – je nach Methode der Gegenfinanzierung – davon aus, dass ich dann mehr Geld zur Verfügung hätte. Als Freiberufler in der Textbranche steht man ständig unter Strom, und ein existenzsicherndes Grundeinkommen würde einiges an Druck nehmen. Das wäre womöglich förderlich für Gesundheit und Kreativität. Ich könnte mehr Zeit in Ars Regendi und mehr Geld in neue Projekte investieren. Aber ich muss auch dazu sagen, dass ich mich, als mir Hartz IV drohte, mit einem wohligen Polster in Form des Grundeinkommens vermutlich nicht derart angestrengt hätte, als Freiberufler ganz auf eigenen Beinen stehen zu können, was auch kein schlechtes Gefühl ist.

Hier war bislang viel von mir und meinen Einschätzungen die Rede, daher möchte ich noch der gesamten Community Dank sagen, die immer wieder gnadenlos größere und kleinere Fehler aufgezeigt hat, so dass Ars Regendi sich immer weiter verbessern konnte. Und natürlich auch Dank an die Programmierer und die ehrenamtlichen Moderatoren, ohne die Ars Regendi auf die Dauer kaum zu betreiben gewesen wäre.

3 Kommentare

Juergen Rettel schrieb am 24.04.2015, 16:25 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

1. „Jeder Bürger bezieht aus dem Staatshaushalt Transferleistungen, die an der Höhe der Lebenshaltungskosten bemessen werden.“

Das ist falsch. Ein Grundeinkommen ersetzt Grundfreibeträge und Grundsicherungen. Grundfreibeträge sind KEINE Transferleistungen.

2. „Andere Transferleistungen wie Wohlfahrt und Renten werden entsprechend gekürzt ...“

Das ist falsch. Renten sind KEINE Transferleistungen, sondern Leistungen aus Versicherungen aufgrund von Beiträgen.

3. „Wenn es überstürzt eingeführt wird, kann es kritisch werden, insbesondere in Abhängigkeit von der Staatenklasse.“

Auch das ist falsch, denn auch heute sind schon Grundfreibeträge, Grundsicherungen, andere Wohlfahrtsleistungen und Renten finanziert. bGE kann also jederzeit und sofort eingeführt werden.

Steffen schrieb am 21.05.2015, 00:38 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Ich habe das Spiel 2 bis 3 Wochen gespielt und kann es nicht empfehlen. Mich würde mal interessieren, ob der Autor diese Artikels sich mit dem Spiel beschäftigt hat oder ob er einfach nur das Interview gemacht hat.

Zum Grundeinkommen im Spiel: Man braucht einen gewissen Grad an "Einfluss", um diese und auch andere Reformen durchzuführen. Also mal kurz das Spiel spielen, um das BGE zu testen - is nich. Leider hatte ich, nachdem ich den Artikel las, den Eindruck, dass dies ginge. Jetzt habe ich den Eindruck, dass dieses Interview schlicht Werbung für das Spiel ist.

Timo Schneider schrieb am 10.07.2017, 14:14 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Ars Regendi ist eine absolut gelungene Wirtschafts- und Politiksimulation.

Da macht sich jemand die Mühe da seine komplette Zeit und sein fundiertes Wissen reinzuinvestieren, was sich wirklich bemerkbar macht, bietet das Standardspiel auch noch kostenlos an. Und da wird hauptsächlich nur rumkritisiert.

Was nicht schlecht wäre -> Eine Option um Ohne den Einflussfaktor Reformen zu erlassen und in der selben option am besten noch Unbegrenzte Amtszeit ohne Wahlen einstellen. So als "Sandbox Modus".

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