Der Kardinal und die Arbeit

Franz Segbers 24.11.2017 Druckversion

Mit einem mächtigen Wort kassiert in einem Interview der Münchener Kardinal der römisch-katholischen Kirche und Erzbischof Reinhard Marx die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen ein: Das sei das Ende der Demokratie. Dafür bekommt er zwar Aufmerksamkeit auf dem Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung, doch er spricht hauptsächlich für sich.

 

Reinhard Marx, der auch Vorsitzender der Bischofskonferenz ist, nimmt nicht zur Kenntnis, dass die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung Deutschlands, als einer der ganz großen Sozialverbände in der katholischen Kirche, schon seit Jahren ein Grundeinkommen fordert. Erst vor wenigen Monaten sprach sich der Bund der Deutschen Katholischen Jugend, der 660.000 Kinder und Jugendliche vertritt, in einem „Sozialwort der Jugend“ für ein von den Erwachsenen unabhängig zu gewährendes Kinder- und Jugendgrundeinkommen aus.

 

Die Kritik des Kardinals an der Forderung eines bedingungslosen Grundeinkommens geht an der Sache vorbei. Er verkürzt nämlich Arbeit auf Erwerbsarbeit. Das Sozialwort der evangelischen und katholischen Kirche in Deutschland von 1997 stellt klar: „Menschliche Arbeit ist nicht notwendigerweise Erwerbsarbeit. […] Deshalb kann die Gesellschaft dadurch humaner und zukunftsfähiger werden, dass auch unabhängig von der Erwerbsarbeit die Chancen für einen gesicherten Lebensunterhalt, für soziale Kontakte und persönliche Entfaltung erhöht werden.“ Ein Grundeinkommen schiebt nicht Menschen ab, auch beseitigt es nicht die Demokratie. Vielmehr macht es aus dem Staatsbürger einen wirklich freien Wirtschaftsbürger, der – auch unabhängig von Erwerbsarbeit – das Recht auf ein Leben in Würde hat. Jeder wird gebraucht, auch wenn die Unternehmen ihm keine Erwerbsarbeit geben. Ein Grundeinkommen verbindet den menschenrechtlichen Anspruch auf ein Leben in Würde mit dem Recht auf soziale Sicherheit. Denn auch dann, wenn der Bürger Bezieher von staatlichen Leistungen ist, bleibt er Bürger. Am Horizont steht nicht eine Gesellschaft, die jeden irgendeine Erwerbsarbeit zu jedem Preis anbietet, sondern eine Tätigkeitsgesellschaft, in der alle Tätigkeiten gleich wertgeschätzt werden – sei es Erwerbsarbeit oder Arbeiten zum Wohl der Gesellschaft und Menschen, die auf andere Personen angewiesen sind, wie z.B. in der Pflege oder Erziehung. Diese Wertschätzung muss materiell mit einem Grundeinkommen unterlegt sein. Daran zeigt sich die Humanität einer Gesellschaft und nicht daran, dass sie alle Tätigkeiten in Erwerbsarbeit umwandelt und alle Menschen zu Erwerbsarbeitern macht.

 

Zum Autor: Prof. Dr. Franz Segbers ist Theologe und Sozialethiker. Er ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Netzwerk Grundeinkommen.

 

 

3 Kommentare

Rune C. Olwen schrieb am 01.12.2017, 14:18 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Wundert mich gar nicht. Ein Bischof oder Kardinal ist halt auch ein CEO.

Franz Schikorski schrieb am 09.12.2017, 12:04 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Jeder gesunde Mensch möchte arbeiten und sich in unserer Gesellschaft miteinbringen. Alle Menschen können sich in den 1. Arbeitsmarkt nicht aus eigener Kraft einbringen. Trotzdem haben diese Menschen ein Recht auf Leben und Teilhabe. Dafür braucht man Geld in der heutigen Zeit. Also hat der Mensch auch ein Recht auf Grundeinkommen. Jetzt werden aber alle Menschen, die keinen Arbeitsplatz finden, zu Bettlern bei den Behörden gemacht. Es muss alles beantragt werden, und wer ein Formular falsch ausfüllt, ist gleich ein Betrüger bei den Behörden. Das möchte ich abschaffen und darum werde ich mich bis zum letzten Atemzug für ein Grundeinkommen einsetzen. Ein Dank an alle Mitstreiter.

Bernhard Binzen schrieb am 16.12.2017, 13:21 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Confer: Paulus in 2. Thess 3,10: "Denn schon während unsers Aufenthalts bei euch haben wir euch dieses Gebot gegeben: »Wenn einer nicht arbeiten will, dann soll er auch nicht essen!« " Ernüchternd für Christen, statt die goldene Regel (Tob 4,15, Mt 7,12, Lk 6,31 (vergleiche z.B. kategorischer Imperativ gemäß Kant)) oder das Prinzip der Nächstenliebe (Brüderlichkeit, Solidarität) (Lev 19,18, 19,34; Mt 22,39, Lk 10,27, Gal 5,14 etc.) anzuwenden, konstatiere ich als Freidenker und betrachte die Sache mit Konfuzius, Gespräche 15,23: "Was du selbst nicht wünschst, das tue auch anderen nicht an." usw.

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