Das Grundeinkommen: Ein rotes Tuch für die Gewerkschaft?

Olga Masur 25.06.2018 Druckversion

Das Grundeinkommen wird über alle Parteigrenzen und Bevölkerungsschichten hinweg diskutiert. Nicht überraschend, denn wir brauchen nachhaltige Lösungen, um mit den Herausforderungen einer sich verändernden Arbeitswelt zurechtzukommen. Es geht um Verteilungsgerechtigkeit von Arbeit und Einkommen unter Bedingungen der Digitalisierung. Diese Verteilungsgerechtigkeit muss hergestellt werden, ohne die Fokussierung auf Konsum und Arbeitsplätze immer weiter zu verschärfen, und ohne dass wir den Planeten mittags schon zigmal verfrühstückt haben. Und es geht darum, die Stigmatisierung und Ausgrenzung von „Arbeitslosen“, die soziale Spaltung und den Extremismus nicht noch weiter zu befördern. Es geht um nicht weniger als um die Demokratie selbst.

Abgesehen davon zeigen arbeits- und motivationspsychologische Erkenntnisse, dass es dringend nötig ist, den Arbeitsbegriff endlich daran anzupassen, wie Menschen psychologisch wirklich „ticken“, statt neoliberaler Indoktrinierung zu erliegen. Und diese wirkt unbewusst immer da, wo wir unter Arbeit nur bezahlte verstehen. So ist es auch höchste Zeit, die Arbeitswelt grundlegend humaner zu gestalten. Denn die kreativen Lösungen, die wir brauchen, entwickeln sind nicht in einem gesellschaftlichen Klima, das von Druck und Angst beherrscht ist.

Gerade Gewerkschaften haben hier nicht nur die große Aufgabe, Antworten zu liefern, sondern auch eine große Verantwortung, weil sie durch die lange Weigerung, dem Mindestlohn zuzustimmen, viel Leid aufrecht erhalten, es vielen „Aufstockern“ erst beschert – und dadurch zu einer skandalösen Subventionierung mancher „Unternehmer“ beigetragen haben. Stattdessen sollten die Gewerkschaftsführungen dafür sorgen, dass solch ein Fehler nicht durch Verschleppung der BGE-Diskussion noch einmal passiert und sie dadurch womöglich für ein neoliberales „Grundeinkommen“ mitverantwortlich wären, das uns brasilianische Verhältnisse bringen würde.

Ver.di war innerhalb des DGB – zusammen mit der NGG – Vorreiterin in der Akzeptanz des Mindestlohns. Es bleibt abzuwarten, welche Gewerkschaft in Bezug auf das BGE den ersten Schritt geht.

Mein Artikel „Ein rotes Tuch“ erörtert den Diskussionsstand in Sachen Grundeinkommen, die Missverständnisse, Begriffsverwirrungen und Ignoranz – und die Kluft, die sich diesbezüglich mittlerweile zwischen Gewerkschaftsführung und Gewerkschaftsmitgliedern erkennen lässt.


Zur Autorin: Olga Masur ist Mediatorin, Coach, Heilerin, Autorin und aktives Mitglied der Gewerkschaft Ver.di. Ihre Homepage ist http://olga-masur.de.

Foto: By movie studio (ebay) [Public domain], via Wikimedia Commons

Ein Kommentar

Robert Bleilebens schrieb am 27.06.2018, 17:37 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Warum sind viele Gewerkschafter dagegen? - Nun, es sind meistens Spitzenfunktionäre der Gewerkschaften, die entschieden dagegen sind. Und hier ist es ganz wichtig, die persönliche Komponente zu beachten: Das BGE nimmt ihnen schlicht und ergreifend Macht und Bedeutung weg. Und das ist für Menschen, die viel davon haben, ein großes Problem! (Ehernes Gesetz der Oligarchie). https://de.wikipedia.org/wiki/Ehernes_Gesetz_der_Oligarchie Denn schließlich kommt es durch das BGE zu einer erheblichen Machtverlagerung im Arbeitnehmerlager: Weg von den Gewerkschaftsfunktionären hin zu den einzelnen Arbeitnehmern. Mich wundert es immer, wieso diese persönliche Komponente so häufig übersehen wird. Ist sie doch der Hauptgrund für den Widerstand gegen das BGE.

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