Einander sola gratia sein. Oder: wir sind alle frei in Fürsorgeabhängigkeit

Religiöse Menschen bestreiten kaum, dass wir alle vom ersten bis zum letzten Lebenstag abhängig sind. Wir Frommen wissen es: Nicht nur die so genannten „Schwachen“ brauchen Hilfe. Wo wären wir denn, wenn unsere Mütter uns nicht neun Monate in sich herumgetragen und schließlich unter Schmerzen in die Welt gesetzt hätten? Wären wir noch da, hätten Ältere uns nicht Jahre lang ins Erwachsenenleben begleitet? Und dann: Auch die stärkste Frau kann ihren Offroader nur aus der Garage fahren, wenn Mitmenschen vorher die Garage und das Auto gebaut haben. Zwar koche ich meistens das Mittagessen selber und ohne „finanzielle Anreize“. Aber vorher muss wachsen, was wir zum Leben brauchen, müssen andere Leute die Lebensmittel gepflanzt, gedüngt, geerntet, geschlachtet, verarbeitet, transportiert und verkauft haben. Der Herd, die Wasserleitung und der Kochlöffel fallen im Übrigen auch nicht vom Himmel.

Religiöse Menschen und Institutionen, wie zum Beispiel Kirchen, haben das Wissen um unser aller Abhängigkeit in eine teilaufgeklärte Zeit hinein gerettet: in eine Kultur, die wider alle Realität das „autonome Individuum“ glorifiziert. Wir könnten also eine Wirtschaftswissenschaft und -praxis aufklären, die einen „homo oeconomicus“ anbetet, der angeblich „sein eigener Herr“ ist. Wir könnten laut sagen, wie es wirklich ist: Wer Geld verdient, ernährt keineswegs sich selbst und seine Familie, sondern lässt sich ernähren von Menschen, die ihm ganz nah oder auch ziemlich fern sind: von aufräumenden und kochenden Ehefrauen, tröstenden Großvätern, schwarzarbeitenden Babysittern, migrierenden Careworkern, kongolesischen Minenarbeiterinnen, nordafrikanischen Erntehelfern …

Wir Frommen könnten viel Gutes tun und nebenbei eine heilsame Deutungshoheit zurückgewinnen, wenn wir uns trauen würden, unser Wissen um die conditio humana mitten hinein in den postfaktischen Tumult zu platzieren. Aber unsere Tradition steht uns im Wege. Sie sagt uns nämlich zwar, dass wir alle abhängig sind – aber nicht von einer intakten Mitwelt und voneinander, sondern: von einem Herrn, der oben im Himmel auf einem Thron sitzt und alles vom Anfang bis zum Ende der Welt unter Kontrolle hat. Er hat einen Sohn gezeugt, der mal kurz schnell unten auf der Erde war, aber jetzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters sitzt. Im Gottesdienst danken wir deshalb selten einander, und wir preisen nicht das GROSSE UNVERFÜGBARE UMUNSHERUM, das uns in jeder Sekunde unseres Lebens beatmet und erhält. Wir singen „Herr, wir danken dir…“ und „Herr, erbarme dich…“.

Würden wir nun aber, zum Beispiel im Jubeljahr 2017, endlich unsere verkrampfte Beheimatung in patriarchalen Sprachbildern verabschieden und alle zusammen darüber nachdenken, was wir denn wirklich meinen, wenn wir „Herr unser Herrscher“ oder „Vater unser“ sagen, dann kämen wir vielleicht ganz von selber auf gute neue Ideen. Oder auf Ideen, die andere schon in die Welt gesetzt haben: zum Beispiel, dass wir im ausgehenden Kapitalismus, im zu Ende gehenden Patriarchat nicht nur den Damen und Herren Ökonomen ins Gewissen reden, sondern auch das Geld so organisieren sollten, dass es uns alle, egal was wir tun und wie wir leben, in unserer allseitigen Abhängigkeit gerecht wird. Wir Frommen wissen doch längst, dass alle erst etwas, sogar viel sola gratia bekommen (müssen), bevor sie selbst tätig werden können. Und dass es folglich göttlich-logisch wäre, jedem und jeder auch von dieser eigenartigen Substanz „Geld“, solange man sie denn als „Lebensmittel“ verstehen und gebrauchen will, zu geben: damit wir dann endlich tun können, was notwendig und gut ist und das gute Zusammenleben nährt, so wie wir täglich voneinander und vom UNVERFÜGBAREN UMUNSHERUM genährt werden:

„Sieh, so fliesst aus dem Glauben die Liebe und die Lust zu Gott und aus der Liebe ein freies, williges, fröhliches Leben, den Nächsten umsonst zu dienen.“ (Martin Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen, in: Ders., Ausgewählte Schriften Bd.1, 241f.)

Ach so: Ihr wollt euch nicht exponieren, indem ihr laut sagt, dass das bedingungslose Grundeinkommen eine zukunftsweisende, bibelkompatible Idee ist? Ihr fürchtet, dass euch die letzten verbliebenen herrgottsgläubigen Kirchgängerinnen auch noch davonlaufen werden, weil sie euch „zu politisch“ finden? – Ach ihr lieben Kirchenleute, erinnert euch doch daran, wie unerschrocken Jesus in seiner Zeit laut gesagt hat, dass die umfassende göttliche Liebe MEHR ist als ein netter folgenloser Gedanke für abends zuhause unterm Christbaum.

Fürchtet euch nicht! (Lk 2, 10)

Zum Weiterlesen von Ina Praetorius:

Ina Praetorius, Bedingungslos? Ein Beitrag zur Theologie des Grundeinkommens, Vortrag, gehalten am 7. November 2012 im evangelisch-reformierten Kirchgemeindehaus Zürich-Neumünster; https://inabea.wordpress.com/2013/07/10/bedingungslos-ein-theologischer-beitrag-zum-nachdenken-uber-die-volksinitiative-fur-ein-bedingungsloses-grundeinkommen-10-november-2012-um-0853-vortrag-gehalten-am-7-november-2012-im-ev-ref-kir/

Weitere Veröffentlichungen von Ina Praetorius, passend zum Thema:

Ina Praetorius, Weit über Gleichberechtigung hinaus. Das Wissen der Frauenbewegung fruchtbar machen, Rüsselsheim 2009, 3. Aufl. 2016; http://www.christel-goettert-verlag.de/75-neu—buecher-info.htm

Ina Praetorius, Nach der Schweizer Volksabstimmung: Das bedingungslose Grundeinkommen als care-ökonomisches Projekt, in: Herwig Büchele, Lieselotte Wohlgenannt, Grundeinkommen ohne Arbeit. Auf dem Weg in eine kommunikative Gesellschaft (Katholische Sozialakademie Österreichs), Wien 2016, XX-XXVIII; https://inabea.wordpress.com/2016/11/26/nach-der-schweizer-volksabstimmung-das-bedingungslose-grundeinkommen-als-care-oekonomisches-projekt/

Ina Praetorius, Erbarmen. Unterwegs mit einem biblischen Wort, Gütersloh 2014; https://www.randomhouse.de/Buch/Erbarmen/Ina-Praetorius/Guetersloher-Verlagshaus/e448278.rhd

Ronald Blaschke, Ina Praetorius, Antje Schrupp (Hg.), Das bedingungslose Grundeinkommen. Feministische und postpatriarchale Perspektiven, Sulzbach/Taunus 2016; https://www.grundeinkommen.de/20/09/2016/grundeinkommen-aus-feministischer-und-postpatriarchaler-perspektive.html

Ina Praetorius, Das Reformationsjahr 2017 im postpatriarchalen Durcheinander; https://inabea.wordpress.com/2016/03/31/das-reformationsjahr-2017-im-postpatriarchalen-durcheinander/

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