Mehr Anerkennung durch Grundeinkommen

Reimund Acker 26.09.2013 Druckversion

Das wissenschaftliche Journal Basic Income Studies, einzige Fachzeitschrift über Grundeinkommen, hat kürzlich seinen Essay-Preis für den besten englischsprachigen Aufsatz des BIEN-Kongresses 2012 verliehen (wir berichteten). Der Preis geht an Roisin Mulligan aus Dublin für ihren Beitrag Universal Basic Income and Recognition : A Tangible Step towards an Ideal (Allgemeines Grundeinkommen und Anerkennung – ein großer Schritt hin zu einem Ideal).

Mulligan vergleicht in ihrem Papier zunächst verschiedene Theorien der Anerkennung im Hinblick auf ihre Relevanz für die Grundeinkommensdebatte. In die engere Wahl nimmt sie dabei Fraser und Honneth (2003).

Anerkennung, so präzisiert die Autorin, sei die Bestätigung der eigenen Wesensmerkmale und Beiträge durch andere Menschen. Jeder brauche die Anerkennung durch andere, um als Mensch gedeihen und sich entfalten zu können.

Obwohl das Thema Anerkennung in der Grundeinkommensdebatte nicht sofort ins Auge springe, halte sie, so Mulligan den Zusammenhang zwischen Anerkennung und Umverteilung für zentral.

Wie Honneth unterscheidet Mulligan drei Sphären der Anerkennung: Liebe, Recht und Wertschätzung. Anerkennung aus Liebe erfährt z. B. ein Kind durch seine Eltern. Zur Sphäre des Rechts zählt die Anerkennung des Bürgers als Inhaber gesetzlicher Rechte. Und Anerkennung aus Wertschätzung wird dem Einzelnen in Bezug auf seine Leistungen, Begabungen und speziellen Eigenschaften zuteil.

Eine gute Gesellschaft zeichnet sich nach Honneth dadurch aus, dass sie keinem ihrer Mitglieder die Möglichkeit verweigere, sich die Anerkennung der anderen für den eigenen Beitrag zum Gemeinwohl zu verdienen. Aber nur wo Anerkennung auf Gegenseitigkeit beruhe, trage sie zum Selbstwertgefühl der Beteiligten bei. Und ohne Selbstrespekt sei man sozial so gut wie gelähmt, weil nichts einem wert erscheine, getan zu werden (Rawls).

Mulligan sieht das Alleinstellungsmerkmal des Grundeinkommensansatzes gegenüber konkurrierenden Ansätzen im Ruf nach Anerkennung des grundsätzlichen Werts und der Selbstbestimmung jedes Menschen.

Wie kommt es nun dazu, dass Menschen die ihnen zustehende Anerkennung verweigert wird? Die Autorin identifiziert dafür vor allem drei Ursachen, die durch das Grundeinkommen beseitigt würden: das Fehlen einer bedingungslos garantierten materiellen Absicherung; das Stigma finanzieller Abhängigkeit in Verbindung mit Vorurteilen gegen Bezieher sozialer Leistungen; und die willkürliche Höherbewertung von bezahlter gegenüber unbezahlter Arbeit.

Anerkennung für Selbstbestimmung

Derjenige, dessen Existenz von anderen abhängt, muss – wie Karl Marx es ausdrückt – andere bitten, existieren zu dürfen, ist also unfrei. Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber es ist wichtig, in einer Diskussion über Anerkennung daran zu erinnern. Besitzlose, Unfreie durften bei den alten Griechen nicht einmal wählen, anderswo später nur den eigenen Landlord oder Arbeitgeber. Auch der Volksmund weiß: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“ und „Beiß nicht in die Hand, die dich füttert“.

Arbeiterbewegung und Sozialstaat haben diese Logik nicht grundsätzlich ändern können; erst recht nicht, wenn Jobangebote angenommen werden müssen. Mulligan schreibt dazu: „Eine Person, die in einem Job arbeiten muss, den sie nicht mag, zu Zeiten und Löhnen, die sie nicht selbst gewählt hat, und unter der ständigen Furcht, ihr Einkommen samt Vergünstigungen zu verlieren, kann von anderen nicht in der gleichen Weise respektiert werden wie jene, die ein unabhängiges Einkommen haben.“ [Übersetzung: RA].

Indem es die existenzielle Abhängigkeit von anderen beende, könne das Grundeinkommen den Menschen helfen, sich gegenseitig als selbstbestimmt wahrzunehmen; als Mitmenschen, die zwischen Zielen, die ihnen etwas bedeuten, selbst wählen können.

Anerkennung nach Spurenbeseitigung

Ein weiteres von der Autorin genanntes Hindernis für Anerkennung hängt ebenfalls damit zusammen, dass Existenzsicherung nicht garantiert wird: das Stigma finanzieller Abhängigkeit in Verbindung mit Vorurteilen gegen Bezieher von Transferleistungen. Hiergegen helfe das Grundeinkommen, indem es sozusagen die Spuren verwischt, nämlich dadurch, dass es an alle gezahlt wird. Wenn aber alle diese Transferleistung beziehen, ist nicht mehr klar erkennbar, wer finanziell abhängig ist, die Stigmatisierung daher unmöglich.

Anerkennung für unbezahlte Arbeit

Auch in der übertriebenen Betonung bezahlter Arbeit gegenüber unbezahlten Formen sieht Mulligan einen Hinderungsgrund für gegenseitige Anerkennung.

Eine der wichtigsten Rechtfertigungen für die Überbewertung bezahlter Arbeit sei, dass sie – in Abwesenheit anderer Einkommensquellen – das Überleben sichere. Interessanter Weise erwartet Mulligan daher vom Grundeinkommen eine relative Aufwertung unbezahlter Arbeit durch Wegfall des Anspruchs auf Wertschätzung der Broterwerbsrolle (weil man ja schließlich „die Brötchen verdiene“).

Allgemeiner rechnet die Autorin mit einer Relativierung der Bedeutung ökonomischer Ziele – und damit der bezahlten Arbeit – durch das Grundeinkommen, weil es zum Ausdruck bringe, dass der innere Wert eines Menschen wichtiger sei als seine Rolle als potenzielle Quelle von Erwerbsarbeitskraft.

Einen weiteren wichtigen Weg zur Aufwertung unbezahlter Arbeit durch das Grundeinkommen sieht Mulligan darin, dass Menschen sich frei entscheiden würden, den Arbeitsmarkt zu verlassen, um häusliche oder ehrenamtliche Arbeiten zu verrichten, was zu einer stärkeren Anerkennung solcher Tätigkeiten führen werde. Dieser Effekt sei bereits heute am Beispiel von Auszeit wegen Elternschaft zu sehen, die zunehmend als normal angesehen würde. Auch hierbei spiele die Tatsache eine Rolle, dass der Ausstieg aus dem Arbeitsmarkt oder die Verringerung der Erwerbsarbeitszeit auf der freien Entscheidung dieser Menschen beruhe. So wachse die Anerkennung der Fähigkeit der Anderen zur Selbstbestimmung über ihr eigenes Leben.

Anerkennung als Argument

Aber ist es nicht ein Zirkelschluss, wenn Mulligan einerseits argumentiert, das Grundeinkommen führe zu mehr gegenseitiger Anerkennung, diese andererseits aber die Durchsetzung des Grundeinkommens überhaupt erst möglich zu machen scheint? Wie kann denn die Abschaffung von Kontrollen und Sanktionen gegen Missbrauch von Transferleistungen gerechtfertigt werden, solange Neiddebatten und Diskriminierung sogenannter „Sozialschmarotzer“ das politische Klima prägen?

Mulligan verweist dazu auf die zahlreichen anderen Gründe für das Grundeinkommen, die unabhängig von der Frage der Selbstbestimmung der Bezieher von Transferleistungen seien [und stark genug sind – sein müssen -, um seine Einführung zu rechtfertigen (RA)].

Diskussion und Ergänzung

Mulligan geht in ihrer Argumentation u. a. von drei Beobachtungen aus, die sich so zuspitzen lassen:

These 1: Ein Mensch erhält weniger Anerkennung für eine Arbeit, wenn er sie nicht freiwillig verrichtet.

These 2: Ein Mensch erhält weniger Anerkennung für eine Arbeit, wenn er sie unbezahlt verrichtet.

These 3: Wer als Erwachsener seinen Lebensunterhalt nicht selbst bestreitet, wird bedauert oder verachtet.

Die Autorin zeigt, auf welche Weise das Grundeinkommen in allen drei Fällen der Verweigerung von Anerkennung entgegenwirken könnte (s. o.): durch Befreiung vom Arbeitszwang im ersten Fall, Aufwertung unbezahlter Arbeit im zweiten und einer Verschleierungstaktik im dritten. Während ich die Argumentation in den beiden letzten Fällen plausibel finde, scheint mir nicht ohne weiteres auf der Hand zu liegen, dass und warum These 1 zutrifft und das Grundeinkommen hier Abhilfe schaffen könnte.

Warum stimmt es, dass man für eine Handlung weniger Anerkennung erhält, nur weil man sie nicht freiwillig vollzieht? Betrachten wir dazu einen extremen Fall: Ein Mensch auf der Straße händigt einem anderen Menschen sein gesamtes Bargeld aus, weil der ihm eine Pistole vor die Nase hält. Warum bedankt sich der Räuber nicht aufrichtig für diese „großzügige Spende“? Offenbar geht es bei der Wertschätzung eines Menschen für eine Handlung nicht nur um die Handlung selbst und ihr Ergebnis, sondern auch um das Motiv der Handlung und ihre Zurechenbarkeit zum Handelnden. Eine erzwungene Handlung wird dem Handelnden in geringerem Maß zugerechnet als eine freiwillige. Bei einer Straftat spricht man von „mildernden Umständen“: Zwang, Versehen, Trunkenheit führen aber nicht bloß bei negativ, sondern auch bei positiv bewerteten Handlungen dazu, dass sie dem Handelnden nicht voll, oder womöglich gar nicht zugerechnet werden, so dass er für seine Handlungen nicht die volle Verantwortung trägt. Deshalb wird eine erzwungene Zahlung nicht als Geschenk angesehen und eine erzwungene Arbeit weniger wertgeschätzt.

Umgekehrt führt ein Wegfall der Zwangsvermutung womöglich dazu, dass jemand für seine Handlung größere Wertschätzung erfährt. Betrachten wir dazu folgendes Beispiel: Sie sehen, wie ein älterer Mann die Toiletten einer Autobahnraststätte reinigt. Wenn dies eine Arbeit ist, die Sie selbst nicht gern machen würden und Sie davon ausgehen, dass er das tun muss, weil er das Geld braucht, könnte das Ihr Mitleid erregen. Vielleicht schätzen Sie darüber hinaus die erbrachte Leistung selbst. Aber schätzen Sie ihn auch persönlich als denjenigen Menschen, der seine Aufgabe darin sieht, hier den Dreck anderer Leute wegzumachen? Oder sagen Sie sich bloß: „Der arme Kerl macht das wirklich gut. Ich geb’ ihm einen Euro.“?

Und nun stellen Sie sich vor, Sie erfahren, dass der Mann diese Arbeit gar nicht tun muss, sondern dass ihm als Inhaber der Raststätte saubere Toiletten so wichtig sind, dass er sich lieber selbst darum kümmert oder (wahrscheinlicher) weil er ein Grundeinkommen erhält. Könnte es sein, dass dies an Ihrer Wertschätzung für den Mann etwas ändert? Dass Sie vielleicht sogar für einen Moment froh und dankbar sind, dass es Menschen wie ihn gibt, die bereit sind, auch unangenehme Arbeiten zu übernehmen, z. B. weil sie getan werden müssen?

Roisin Mulligan hat mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag zur Grundeinkommensdebatte geleistet. Sie hebt mit Recht die zentrale Bedeutung der gegenseitigen Anerkennung von Menschen als Argument für das Grundeinkommen hervor. Hoffentlich trägt die Auszeichnung mit dem BIS-Essay-Preis zur weiteren Verbreitung dieser Thematik in der Grundeinkommensszene bei.

Literatur

Fraser, Nancy ; Honneth, Axel.: Redistribution or Recognition? : A Political-Philosophical Exchange. London, 2003.

Rawls, John: A Theory of Justice. Revised ed., Oxford, 1999.

Ein Kommentar

Schuldt, Karin schrieb am 13.10.2013, 19:48 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Wenn wir jetzt alle unseren Lebensunterhalt nicht mehr durch Arbeit verdiene und stattdessen ein Grundeinkommen beziehen, bleibt die Frage,wer dieses Grundeinkommen erwirtschaftet.

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