58 Prozent der in Deutschland Befragten halten die Einführung eines Grundeinkommens für sinnvoll

Ronald Blaschke 26.11.2017 Druckversion

Eine repräsentative Umfrage der Splendid Research GmbH zum Grundeinkommen ergab, dass 58 Prozent der Befragten in Deutschland die Einführung eines Grundeinkommens für sinnvoll halten. Im Durchschnitt halten die 1.024 Befragten im Alter von 18 bis 69 Jahren einen Betrag von 1.137 Euro für angemessenen. Das ist fast exakt die Höhe der momentanen Pfändungsfreigrenze bzw. des Durchschnitts der Armutsrisikogrenzen für Deutschland (siehe dieser Beitrag).

Die Pressemitteilung der Splendid Research GmbH lautet:

„Eine aktuelle repräsentative Studie zeigt, dass die Mehrheit der Deutschen einer Einführung des Bedingungslosen Grundeinkommens positiv gegenübersteht. Allerdings gibt es gegenüber der Einführung auch Bedenken. Bei einem Grundeinkommen von 1.000 Euro im Monat würde fast jeder zehnte Beschäftigte nicht mehr arbeiten gehen.

Das Marktforschungsinstitut SPLENDID RESEARCH hat im Oktober und November 2017 im Rahmen einer repräsentativen Umfrage 1.024 Deutsche zwischen 18 und 69 Jahren online zum Thema Bedingungsloses Grundeinkommen befragt. Untersucht wurde unter anderem, wie bekannt das Konzept in der Bevölkerung ist, wie die Deutschen einer Einführung gegenüberstehen, welcher Betrag hierfür als angemessen empfunden wird und ob man weiterhin erwerbstätig bleiben würde.

Zwei Dritteln der Deutschen ist das Bedingungslose Grundeinkommen ein Begriff. Im Durchschnitt befürwortet eine Mehrheit von 58 Prozent der Bundesbürger nach dem Lesen einer Definition seine Einführung. Dabei zeigt sich, wie stark politische Willensbildung vom Kontext abhängig ist: Wenn in der Definition die Vorteile überwiegen, stimmen 64 Prozent der Deutschen für das Konzept. Überwiegen die Nachteile, sind es hingegen nur 46 Prozent. [*] Der angemessene Betrag für ein Bedingungsloses Grundeinkommen liegt für die Deutschen bei durchschnittlich 1.137 Euro monatlich. Dabei spielt offenbar auch das individuelle Gerechtigkeitsempfinden eine Rolle. Personen, die die Welt für eher gerecht halten, schlagen einen Betrag von 1.093 Euro vor, während Menschen, die die Welt für eher ungerecht halten, 1.239 Euro als angemessen einstufen.

Mit der Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens wären gravierende Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt verbunden. Je nach Höhe des monatlichen Geldbetrags würden bis zu 38 Prozent der Beschäftigten in Deutschland den Beruf oder den Arbeitgeber wechseln, ihre Stundenzahl reduzieren oder sogar überhaupt nicht mehr arbeiten. Von den Berufstätigen mit einer abgeschlossenen Lehre würde ein Viertel erwägen, die Berufstätigkeit vollständig an den Nagel zu hängen. Unter Akademikern hingegen würde nur jeder Fünfte darüber nachdenken, überhaupt nicht mehr zu arbeiten. ‚Damit könnte sich durch die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens in Deutschland der Fachkräftemangel in bestimmten Berufen vergrößern‘, bilanziert Studienleiterin Nadine Corleis von SPLENDID RESEARCH.

Insgesamt denken die Deutschen schlechter über ihre Mitbürger als über sich selbst: Während bei einem Grundeinkommen von 1.000 Euro pro Monat neun Prozent von sich selbst sagen, dass sie definitiv nicht mehr arbeiten würden, erwarten sie dies von durchschnittlich 28 Prozent der anderen Beschäftigten. Teilzeitarbeit und die unterschiedliche Bezahlung der Geschlechter machen sich auch beim Bedingungslosen Grundeinkommen bemerkbar: Frauen würden durchschnittlich bereits ab einem Betrag von 1.477 Euro aufhören zu arbeiten, Männer hingegen würden erst ab 1.830 Euro kündigen.

Einen positiven Effekt könnte das Bedingungslose Grundeinkommen auf das lokale Engagement in Deutschland haben. Gut ein Drittel der Bundesbürger kann sich vorstellen, bei staatlicher Unterstützung in eine Region mit billigen Mieten und niedrigen Preisen zu ziehen und dort ehrenamtlich zu arbeiten oder ein Unternehmen zu gründen. ‚Dies könnte zu einem Aufschwung in Regionen führen, die in den letzten Jahren eine starke Abwanderung verzeichneten‘, führt Corleis weiter aus.“

Die detaillierten Ergebnisse der Studie können von der Splendid Research GmbH kostenfrei bezogen werden.

* Die Splendid Research GmBH hat mir freundlicherweise die „Definitionen“ übermittelt:

„Definition, bei der die negativen Aspekte überwiegen:

Bei einem Bedingungslosen Grundeinkommen bekommt jeder Bürger im Monat einen festen Geldbetrag vom Staat. Dafür gibt es die ganzen unterschiedlichen Leistungen wie Arbeitslosengeld, Kindergeld, Hartz IV und Wohngeld nicht mehr. Obwohl es auch Vorteile gibt, überwiegend die Nachteile: manche Menschen gehen überhaupt nicht mehr arbeiten gehen und in anstrengenden Berufen finden Unternehmen nur schwer neue Mitarbeiter.

Definition, bei der die positiven Aspekte überwiegen:

Bei einem Bedingungslosen Grundeinkommen bekommt jeder Bürger im Monat einen festen Geldbetrag vom Staat. Dafür gibt es die ganzen unterschiedlichen Leistungen wie Arbeitslosengeld, Kindergeld, Hartz IV und Wohngeld nicht mehr. Obwohl es auch Nachteile gibt, überwiegen die Vorteile: es fällt sehr viel Bürokratie weg und man kann dadurch einen Großteil der Kosten sparen kann. Gleichzeitig werden Arbeitslose besser behandelt und sind viel motivierter, einen Job zu finden, der ihnen Spaß macht.

Definition, bei der die positiven Aspekte überwiegen, mit Praxisbeispiel aus Finnland:

In Finnland ist Anfang 2017 eine Testphase zum Bedingungslosen Grundeinkommen gestartet. Zufällig ausgewählte Arbeitslose erhalten statt verschiedener Leistungen einfach einen Geldbetrag pro Monat, den sie für sich verwenden können. Das Bedingungslose Grundeinkommen wird auch ausgezahlt, wenn die Arbeitslosen nicht aktiv nach einem neuen Job suchen. Durch die Aufnahme eines Jobs kann man sich weiteres Geld dazu verdienen, ohne dass dies zu Steuerabzügen vom Bedingungslosen Grundeinkommen führt. Die Resultate sind überraschend positiv. Das Grundeinkommen macht die Menschen nicht faul und genügsam. Ganz im Gegenteil. Die Teilnehmer berichten davon, dass sie mehr Lust haben, einen Arbeitsplatz zu suchen und mehr Zeit, um Geschäftsideen zu verfolgen. Auch haben sich zahlreiche Teilnehmer bei der Leiterin des Projekts gemeldet und ihr gesagt, dass sie viel weniger gestresst seien als früher.“

4 Kommentare

Juergen Rettel schrieb am 27.11.2017, 12:46 Uhr

„Bei einem Bedingungslosen Grundeinkommen bekommt jeder Bürger im Monat einen festen Geldbetrag vom Staat. Dafür gibt es die ganzen unterschiedlichen Leistungen wie Arbeitslosengeld, Kindergeld, Hartz IV und Wohngeld nicht mehr.“

Diese Definition ist natürlich grottenfalsch, bGE ersetzt nur Kindergeld und Hartz IV, aber nicht ALG 1 und Wohngeld. Es ersetzt aber auch Erwachsenenfreibeträge.
Andernfalls ist es ja nicht mehr bedingungslos !

Rune C. Olwen schrieb am 01.12.2017, 14:31 Uhr

Natürlich wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen das Ende von McJobs, und auch für viele Leute der Ausweg aus dem „corporate rat race“ zugunsten einer viel sinnvolleren und wahrscheinlich auch ökologischen Wirtschaftsform.
Aber genau dieser Effekt, dass wir Armgeborenen dann fast so gute Entscheidungsmöglichkeiten hätten wie reicher Leute Kinder – abhängig von der Höhe des Grundeinkommens – genau das wird uns den Hass der Leute einbringen, die gerne jemand anderen als Dreck behandeln!!!

Thilo Krause schrieb am 15.12.2017, 22:13 Uhr

Im Jahr 2010 gab es die erste repräsentative Umfrage der „IMAS International“ zum Thema BGE-2100 Menschen wurden befragt.

Ein Vergleich ist durchaus interessant,
damals hatten beispielsweise erst 50% der deutschen Bevölkerung davon gehört.
Auch die Frage nach dem „Weiterarbeiten“ wurde hier gestellt, allerdings wesentlich differenzierter und daher m.E. auch mit aussagekräftigeren Ergebnissen.

Diese Studie ist hier kostenlos veröffentlicht (als pdf-Datei, Studie auf Seite 195):

https://publikationen.bibliothek.kit.edu/1000028770

Jörk Huhle schrieb am 16.01.2018, 11:31 Uhr

Natürlich würde etwa jeder Zehnte nicht mehr einer demütigend schlecht bezahlten ERWERBSARBEIT nachgehen. Deren Arbeitgeber müssten folgerichtig ihr menschenunwürdiges Verhalten überprüfen. Das leidige Argument, dass ihr Unternehmen in eine existenzielle Schieflage käme, beweist doch nur, dass es nicht wirklich effizient arbeitet. Die Grundfrage lautet nun einmal: Ist die Wirtschaft für die Menschen da oder, wie bisher, umgekehrt. Die Einführung des BGE erzeugt ein ALLSEITIGES Umdenken. Das ist freilich anstrengend, aber stellt nun wirklich keine existentielle Gefährdung dar.

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