Wachstumswende und Grundeinkommen

Ronald Blaschke 27.05.2012 Druckversion

„Wirtschaft ohne Wachstum?! Notwendigkeit und Ansätze einer Wachstumswende“ lautet der Titel eines Buches, das vor einem Monat vom Institut für Forstökonomie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg herausgegeben worden ist. Grundsätzlich plädieren die Autorinnen und Autoren, die im Buch ihre Beiträge veröffentlichen, für eine gesellschaftliche Wende – weg von der Fokussierung auf eine kontinuierliche Steigerung des Wirtschaftswachstums und hin zu einer Senkung des Verbrauchs von Naturressourcen.

Die rund 30 Autorinnen und Autoren legen ihre Sicht auf die Ursachen für den gegenwärtigen enormen Ressourcenverbrauch dar und entwerfen Alternativen und Visionen einer Gesellschaft mit sozial wie ökologisch tragfähigen Wirtschaftsweisen und Lebensstilen. Namhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Publizistinnen und Publizisten sowie Aktivistinnen und Aktivisten der sozialen Bewegung sind im Buch mit Beiträgen versammelt: Niko Paech, Angelika Zahrnt, Adelheid Biesecker, Irmi Seidl, Fritz Reheis, Ulrich Schachtschneider, Margrit Kennedy, Nobert Reuter, Harald Welzer, Saral Sakar, Ernst Ulrich von Weizsäcker, Rainer Land, Bernd Senf, Helge Peukert, Hartmut Rosa, Sven Giegold, Christian Felber, Hans Christoph Binswanger – um nur einige zu nennen.

Nicht verwunderlich ist bei dem Thema, dass sich mehrere Autorinnen und Autoren mit Ansätzen zur Überwindung der Wachstumsfixierung zu Wort melden, die auch ein Grundeinkommen beinhalten. Hat doch das Grundeinkommen in der Debatte über eine so genannte Postwachstumsgesellschaft einen großen Stellenwert.*

So beschreiben Andrea Baier und Adelheid Biesecker verschiedene Ansätze eines guten Lebens und ressourcenschonenden Arbeitens, die Arbeitszeitverkürzung, selbstbestimmte Wechsel zwischen verschiedenen Arbeits- und Tätigkeitsbereichen und Grundeinkommen mit einander verbinden. Ihr eigener Ansatz der vorsorgenden Arbeit soll die Dominanz der Erwerbsarbeit durch die Aufwertung der vorsorgenden Arbeiten wie Sorgearbeit, Eigenarbeit und bürgerschaftliches Engagement brechen. Denn diese im weitesten Sinne privat und gesellschaftlich reproduktiven Tätigkeiten würden das, was notwendig zu tun ist, von den realen Lebensprozessen her bestimmen, statt dies von einer kapitalistischen Ökonomie abzuleiten, die keine oder wenig Rücksicht auf die Reproduktion der Natur nimmt. Die Förderung der vorsorgenden Arbeit soll mit einer radikalen Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit, mit ordentlichen Löhnen, unterstützender sozialer Infrastruktur und einem Grundeinkommen verbunden sein.

Ulrich Schachtschneider, der in seinem Beitrag verschiedene gesellschaftspolitische Ansätze der Reduktion des Naturressourcenverbrauchs darlegt, verweist in einem gesonderten Interview auf die regulative Wirkung von Ökosteuern und Ökogrundeinkommen zugunsten einer Minimierung von sozialer Ungleichheit sowie des Verbrauchs von Naturressourcen.

In dem Beitrag von mir werden Notwendigkeit und Möglichkeiten einer radikalen Demokratisierung von Wirtschaft und Gesellschaft und eines von oben nach unten umverteilenden Grundeinkommens begründet. Nur so kann eine Gesellschaft mit weniger Verbrauch immer knapper werdenden Naturressourcen in Produktion und Konsumtion Bestand haben. Entscheidend ist für eine solche Gesellschaft, so meine ich, dass statt Konkurrenz eine kooperative Produktionsweise vorherrscht und dass statt existenziellem Zwang allen ein bedingungslos materiell abgesichertes Leben und Tätigsein ermöglicht ist.

Die zahlreichen Beiträge in dem vorgestellten Buch werden von Interviews mit einigen Autorinnen und Autoren ergänzt. Die Interviews verdeutlichen deren Zugänge und Thesen zum Thema Wachstumswende in kurzweiliger und pointierter Form.

Dem von Lehrenden und Studierenden in kürzester Zeit herausgegebenen Buch ist eine breite Leserschaft zu wünschen – allerdings auch eine Öffnung für solche ökonomischen Analysen und Alternativen, die über die im Buch zahlreich vertretenen geldtheoretischen Ansätze hinausgehen.

Woynowski, Boris u. a. (Hrsg.): Wirtschaft ohne Wachstum?! Notwendigkeit und Ansätze einer Wachstumswende. Freiburg im Breisgau, 2012

*Wir berichteten auf unserer Website in mehreren Beiträge bereits zum Thema Postwachstumsgesellschaft und Grundeinkommen. Beiträge dazu finden sich zum Beispiel hier und hier. Eine umfassende Übersicht findet sich im Zusammenhang der Berichte und Veröffentlichung von Materialien zum wachstumskritischen Kongress im vorigen Jahr.

3 Kommentare

Rudolf Mletschnig schrieb am 27.05.2012, 16:19 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Ohne Kenntnis der Funktionssysteme und deren Selbst- und Fremdsteuerung sowie ohne ein die Wirtschaft umfassendes, allgemeines nachhaltiges Einkommensmodell bleiben die sonst erfreulichen Ansätze bereits im Ansatz stecken.

Lothar Mickel schrieb am 31.05.2012, 21:42 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Bekanntermaßen resultiert der Wachstumszwang aus der einfachen Wahrheit, dass bei der Geldschöpfung in unserem Finanzsystem stets nur der Kreditbetrag, nicht jedoch die gleichzeitig generierten Zinsforderungen in Umlauf gelangen. Letztere müssen also durch einen gnadenlosen Verdrängungswettbewerb aus dem Wirtschaftskreislauf erpresst werden, wobei zwangsläufig die schwächsten Marktteilnehmer auf der Strecke bleiben. Während immer die großen Kreditgeber die Gewinner sind, werden die Schuldzinsen kontinuierlich auf breite und arme Schultern verteilt (sogenannte Staatsschuldenkrise). Dieser Mechanismus vollzieht sich mit mathematischer Präzision und muss unbedingt mit einem finanziellen Gegenstrom in Form eines BGE mindestens kompensiert werden, um den totalen Kollaps des Finanzsystems zu verhindern. In der Vergangenheit kamen hier stets Waffen zum Einsatz, was sicher nicht sonderlich erstrebenswert, bei einem "weiter so!" jedoch unausweichlich ist. Wollen wir das? Kann dieser Planet noch einen dritten Weltkrieg mit nuklearen Waffen verkraften? Ohne BGE kommt der Zusammenbruch ebenfalls mit mathematischer Präzision.

Heinz Göd schrieb am 27.06.2012, 10:31 UhrDirektlink zu diesem Kommentar

Lothar Mickels Analyse des Geldsystems (Beitrag #2) ist sehr klar und einleuchtend; auch seine Abhandlung auf http://sorgenweg.de/ Das 'bedingungslose GrundEinkommen' ist sicher ein Weg in die richtige Richtung. Ein Problem stellt sich mir aber trotzdem noch: Die industrielle Landwirtschaft - falsche Bodenbearbeitung, Monokultur, Pestizide, falsche Düngung - zerstört langsam die Böden (siehe http://www.sswm.info/sites/default/files/toolbox/UNEP%20et%20al%201997%20soil%20degradation.png) und liefert nur minderwertige Nahrungsmittel, siehe http://www.chemievorlesung.uni-kiel.de/1992_umweltbelastung/dueng2.htm und http://home.pages.at/goedhe/GOD_Deutsch/Archiv/Ernaehrung/LebmittQual.html. Dieser Teil des derzeitigen Wirtschaftens wird fast immer ausgespart. Minderwertige Nahrung bestraft die Natur mit Krankheiten, und die Evolution ahndet dies auf längere Sicht mit dem Niedergang der betreffenden Zivilisation, die USAner sind schon auf dem Weg dazu, siehe http://www.medknowledge.de/abstract/med/med2006/06-2006-4-diabetes-usa-da.htm und http://diabetes.niddk.nih.gov/dm/pubs/statistics/index.htm. Höchstwertige Lebensmittel können nur in Mischkultur hergestellt werden, und Mischkulturen bedürfen der Handarbeit. Die zugehörige Wirtschafts- und Lebensweise ist dargestellt auf http://members.aon.at/goedheinz/GOD_Deutsch/Zukunft/ZukD_i.html#2069Brosch

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