„Wofür nimmst du dir Zeit?“ – Grundeinkommen auf dem Katholikentag 2026

    Jörg Ackermann 28.06.2026 Druckversion

    Zum Katholikentag vom 13. bis 17. Mai 2026 wurde Würzburg zum Treffpunkt für zehntausende Menschen aus Kirche, Gesellschaft und Politik. Unter dem Leitwort „Hab Mut, steh auf!“ füllten Diskussionen, Begegnungen und Austausch die Stadt – oft spontan, direkt und mitten im Alltag der Kirchenmeile. Im „Dorf der Jugend“ wurde der gemeinsame Stand der Christlichen Arbeiterjugend (CAJ) und von uns als Netzwerks Grundeinkommen zu einem solchen Ort der Begegnung.

    Unser gemeinsamer Auftritt mit der CAJ stand nicht nur im Zeichen einer langjährigen Zusammenarbeit, sondern auch im Kontext ihres Bundesaktionsplans 2026-2030. Der Schwerpunkte des Aktionsplans sind gute und menschenwürdige Arbeit, stärkere soziale Teilhabe sowie gelingende Übergänge im Lebenslauf – etwa von der Schule in die Ausbildung, von der Ausbildung in den Beruf oder zwischen verschiedenen Lebens- und Arbeitsphasen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie junge Menschen in einer sich verändernden Arbeitswelt echte Perspektiven und Sicherheit gewinnen können.

    In vielen Gesprächen am Stand wurde spürbar, wie eng diese Ziele mit der Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens verbunden sind. Immer wieder kam die Frage auf, wie ein System aussehen kann, das nicht von Angst vor dem sozialen Abstieg geprägt ist, sondern Menschen tatsächlich ermöglicht, Entscheidungen freier zu treffen – in Ausbildung, Beruf, Engagement und persönlicher Entwicklung insgesamt.

    Das Grundeinkommen wurde dabei nicht abstrakt diskutiert, sondern sehr konkret im Zusammenhang mit Lebensrealitäten: Leistungsdruck in Ausbildung und Studium, finanzielle Unsicherheiten beim Einstieg ins Berufsleben oder die Schwierigkeit, sinnvolle Tätigkeiten mit existenzsichernder Arbeit zu verbinden.

    Eine einfache Frage – viele sehr persönliche Antworten

    Im Mittelpunkt unseres Standes stand eine Mitmachaktion mit Postkarten, die wir gemeinsam mit der Christlichen Arbeiterjugend (CAJ) gestaltet und angefertigt hatten. Die Karten luden Besucherinnen und Besucher dazu ein, sich ganz persönlich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie sich das eigene Leben verändern würde, wenn die Existenz gesichert wäre. Auf der Vorderseite der Postkarte stand die Frage: „Du bekommst ein bedingungsloses Grundeinkommen. Wofür nimmst du dir jetzt Zeit?“

    Viele Menschen blieben stehen, lasen, dachten nach und schrieben ihre Antworten mit großer Sorgfalt auf – oft verbunden mit einem spürbaren Moment des Innehaltens. Die Antworten waren vielfältig, kreisten aber immer wieder um ähnliche Themen: Zeit für Menschen, für Sinn, für Gesundheit und für Dinge, die im Alltag häufig zu kurz kommen.

    Genannt wurden unter anderem Zeit für

    • Familie, Freundschaften und Nachbarschaft
    • ehrenamtliches Engagement und soziale Unterstützung
    • Weiterbildung, Studium und persönliche Entwicklung
    • Reisen und neue Erfahrungen
    • Gesundheit, Erholung und mentale Entlastung
    • Zeit für Natur und Nachhaltigkeit
    • Tätigkeiten, die als sinnvoll und erfüllend erlebt werden

    Viele formulierten es sehr persönlich:

    • „Würde mehr für meine Gesundheit und Familie tun“
    • „Zeit für zwischenmenschliche Beziehungen und das Studium nehmen“
    • „Mit der Familie reisen, mich weiterbilden und Trauerbegleitung auch kostenfrei anbieten“
    • „Armen und Bedürftigen helfen“
    • „Nachhaltigkeit voranbringen“

    Auf der Rückseite der Karte wurde nicht minder direkt gefragt:

    „Du bekommst ein bedingungsloses Grundeinkommen. Was tust du jetzt nicht mehr?“

    Auch hier entstand häufig ein kurzer Moment des Zögerns – als würde die Frage sehr unmittelbar an eigene Erfahrungen rühren. Die Antworten machten deutlich, wie stark viele Menschen Arbeit und Alltag heute als von Druck, Anpassung und finanziellen Zwängen geprägt erleben.

    Genannt wurden unter anderem:

    • Stress und ständige finanzielle Sorgen
    • Arbeiten neben Schule oder Studium aus reiner Notwendigkeit
    • Jobs, die als unpassend oder belastend empfunden werden
    • Schlechte Arbeitsbedingungen akzeptieren müssen
    • Dauerhafte Überlastung und Erschöpfung

    Einige Aussagen lauteten:

    • „Mich stressen, um Geld neben der Schule zu verdienen“
    • „Neben dem Studium und Ehrenamt nicht mehr arbeiten“
    • „Einen Job machen, der mich unglücklich macht“
    • „Schlechte Arbeitsbedingungen akzeptieren“
    • „Weniger Sorgen um Geld haben müsse“

    „Jeder bekommt ein Stück vom Kuchen“ – eine weitere Perspektive auf dem Katholikentag

    Unabhängig von unserem gemeinsamen Stand mit der CAJ, war auch die Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB)auf dem Katholikentag präsent – mit der Aktion: „Jeder bekommt ein Stück vom Kuchen.“ Die sogenannte Kommission Grundeinkommen der KAB hatte eine mobile Kaffeetafel – erkennbar an weißen Bäcker*innenmützen – ins Leben gerufen, an der sich schnell Gespräche über soziale Sicherheit, Teilhabe und ein Leben in Würde für alle entwickelten. Bei Kaffee und Kuchen kamen viele Menschen darüber ins Gespräch, welche Möglichkeiten ein Bedingungsloses Grundeinkommen schaffen könnte – für mehr gesellschaftliche Teilhabe, demokratische Beteiligung und die Anerkennung unterschiedlichster Formen gesellschaftlich notwendiger Arbeit. Auch diese Aktion machte deutlich, wie niedrigschwellig und zugleich tiefgehend die Diskussion über das Grundeinkommen geführt werden kann, wenn sie an konkrete Lebensfragen anknüpft: Zeit, Sicherheit, Teilhabe und die Möglichkeit, das eigene Leben selbstbestimmter zu gestalten.

    Gespräche, die nachwirken

    Im Verlauf unserer mehrtätigen Präsenz auf dem Katholikentag  wurde immer deutlicher, dass diese unterschiedlichen Formate – unser gemeinsamer Stand, die Mitmachkarten und auch die Aktion der KAB – auf je eigene Weise denselben Kern berühren: die Frage, wie ein gutes Leben in Würde, Sicherheit und Freiheit möglich ist. Viele Gespräche gingen über die konkreten Aktionen hinaus. Es wurde über Arbeitsbedingungen gesprochen, über Zukunftsängste, über die Belastungen junger Menschen – aber ebenso über Hoffnungen, über Engagement und über die Sehnsucht nach mehr Zeit für das, was als wirklich wichtig erlebt wird. Gerade im Kontext des Katholikentags wurde dabei immer wieder der Zusammenhang zwischen sozialer Gerechtigkeit, Menschenwürde und gesellschaftlicher Teilhabe deutlich. Die Idee, dass jeder Mensch unabhängig von Leistung ein Recht auf ein gesichertes Leben hat, fand in vielen Gesprächen Resonanz oder zumindest ernsthaftes Interesse. Auch der Bezug zum CAJ-Bundesaktionsplan 2026–2030 spielte dabei eine wichtige Rolle: Die dort formulierten Ziele einer gerechteren Arbeitswelt und besserer Lebensperspektiven für junge Menschen wurden häufig als anschlussfähig an die Idee eines Bedingungslosen Grundeinkommens wahrgenommen – insbesondere dort, wo es um Entlastung, Übergänge und echte Wahlfreiheit im Leben geht.

    Dank und Ausblick

    Der gemeinsame Stand mit der Christlichen Arbeiterjugend war geprägt von Offenheit, Geduld und vielen sehr persönlichen Begegnungen. Wir danken allen Besucherinnen und Besuchern für ihre Gedanken, Fragen und Erfahrungen – oft waren es kurze Gespräche, die dennoch lange nachwirkten. Unser besonderer Dank gilt außerdem der Christlichen Arbeiterjugend (CAJ) für die vertrauensvolle und engagierte Zusammenarbeit.

    Die Vielzahl der Eindrücke hat erneut gezeigt: Die Diskussion über das Bedingungslose Grundeinkommen ist keine rein ökonomische Debatte. Sie ist eine gesellschaftliche und zutiefst menschliche Frage danach, wie wir leben wollen – mit mehr Zeit, mehr Sicherheit, mehr Selbstbestimmung und weniger existenziellem Druck.

    Fotos: (1) Conni Schermer, (2) Christliche Arbeiterjugend, (3) Jörg Ackermann

    Ein Kommentar

    Hans Stallkamp schrieb am 01.07.2026, 13:54 Uhr

    Herzlichen Dank an die Schreiber dieses Berichts über die Diskussionen und Aktionen zum Bedingungslosen Grundeinkommen auf dem Katholikentag im Mai 2026 in Würzburg. Weiter so!! In dieser Zeit der sozialpolitischen Unruhen. Weiter so in der Suche nachveränderten menschenwürdigen undmachbaren sozialpolitischen Lösungen des menschlichen Miteinanders hin zu Gerechtigkeit und Menschenwürde in unserem so reichen Land, in dieser so turbolenten Zeit. Das VW-Werk will 100000 Arbeitsplätze aufgeben viele Andere auch und wir haben soviele „Mitmenschliche Arbeit“. Noch sind wir nicht in der Lage diese Einkommensmöglichkeiten gerecht zu verteilen. Laß es uns mit dieser laufenden „Sozialreform im Sinne eines „Bedingungslosen Grundeinkommens“ beginnen. Wir werden eine Lösung finden wenn wir es „Wollen“. Hans Stallkamp

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