Mit Martin Luther für ein BGE und gegen den alles bestimmenden Götzen Kapital

Michael Behrmann 30.03.2017 Druckversion

Thesen[1]

A. Luther hat in der Zeit des Frühkapita­lismus dem Zins­nehmen (Wucher) vehement widersprochen. Er hat darüber hinaus die sich entwickelnde kapitalistische Orien­tierung als Religion mit einem konkur­rie­renden Gott erkannt und benannt.

1. Zinsen, rücksichtsloses Streben nach immer mehr Geld, der Glaube an seine Macht und vermeintliche Sicherheit sind nach Luther ein dem Kapitalis­mus innewohnendes Prinzip.

2. Luther hat seine Kritik nicht nur anhand des Siebten Gebotes („Du sollst nicht stehlen“) begründet. Im Zusammenhang mit dem Ersten Gebot („Du sollst keine anderen Götter haben“) hat er sie verschärft und theologisch zentral verortet. Die wirtschaftliche Orientierung der frühkapitalistischen Gesellschaft ist für ihn nicht nur eine Frage der Ethik, sondern des Glaubens schlechthin. Er widerspricht damit der sich zu seiner Zeit etablierenden Kultur der Geld- und Kapitalwirtschaft und ihrem totalen Anspruch.

3. Luther ist in seiner Kritik zusammen mit der mittelalterlichen (scholastischen) Theologie an Prinzipien orientiert, die ihren Ursprung im Alten Testament und der jüdisch-prophetischen Tradition haben (siehe unten C 1).

4. Als alles und sogar die Zukunft bestimmende Macht gefährdet der sich entwickelnde Kapitalismus Leben, Demokratie, Frieden und ökologische Zukunft. Ihm wohnt ein unbändiges Wachstum inne. Im heutigen Finanzkapitalismus entzieht er sich gesellschaftlichen, nationalen und demokratischen Regulierungen und Kontrollen.[2]

5. Diese Kultur hat als das die ganze Wirklichkeit bestimmendes Prinzip den Platz Gottes real besetzt und beansprucht Gehorsam. Sie wirkt als religiöse Macht und steht in Konkurrenz zum Gott des Exodus, der jüdisch-prophetischen Tradition und zum Gott Jesu.

B. Das emanzipatorische BGE widerspricht der Totalität der alle Wirklichkeit bestimmenden Prinzipien des Kapitalismus, indem es den Teilbereich grundlegender individueller Existenz- und Teilhabesicherung seinem unmittelbaren Einfluss entzieht.

1. Ein Grundeinkommen ist die für eine grundlegende Existenz und gesellschaftliche Teilhabe notwendige Menge von Mitteln (Geld und/oder gebühren-/kostenfreier Zugang zu Gütern und Dienstleistungen), die jedem Gesellschaftsmitglied bedingungslos, dauerhaft und verlässlich zur Verfügung gestellt wird. Damit wird die direkte Kopplung des Individuums an das System der Kapitallogik für die Ebene der bloßen Existenz und (Mindest-)Teilhabe aufgehoben.

2. Grundeinkommensmodelle unterscheiden sich nach dem Grad der durch sie möglich werdenden emanzipatorischen Wirkungen.

3. Manche Modelle beanspruchen zwar den Begriff ‚Grundeinkommen’, bieten aber u.a. keine für Existenz und Teilhabe ausreichende Dimensionierung. Sie basieren u.U. auf neoliberalen Überzeugungen. Indem sie den Individuen nicht die Möglichkeit einräumen, sich frei entscheiden zu können, stützen sie die Kultur des Kapitalismus. Ich verwende zur Unterscheidung dazu die Abkürzung eBGE für emanzipatorisches Bedingungsloses Grundeinkommen.

4. Erst ein den Gesellschaftsmitgliedern durch ein eBGE dauerhaft, verlässlich und unbedingt zugestandenes Recht auf Existenz und Teilhabe erzeugt eine Freiheit, die emanzipatorische Kraft entfalten kann. Ihre Erpressbarkeit wäre beseitigt. Existenziell nicht bedrohbar können sie sich gesellschaftlichen, aber auch privaten Zumutungen, Mächten und Gewalten entziehen. Ein eBGE löst sie aus der Verhaftung in der Kapitallogik und widerspricht damit deren Totalität.

5. Unerpressbar und materiell abgesichert können sich die Mitglieder für eine Gesellschaft und Wirtschaft engagieren, die dem Leben und den Bedürfnissen der Menschen dient und nicht der Geld- und Kapitalwirtschaft.

C. Luthers Kritik und das eBGE – ein Kulturbruch, Mensch und Welt zugute

1. In der jüdisch-christlichen Tradition geht es zentral um Freiheit, Autonomie und Egalität. Das ohne Vorbedingungen aus der Sklaverei befreite Volk soll sich zu diesen Lebensmöglichkeiten und zu dem einen damit verbundenen, besonderen Gott bekennen.[3]

2. Martin Luther fordert in seiner Unterscheidung von Gott und Mammon die eindeutige Entscheidung, an den „rechten“ Gott zu glauben. Er fordert damit den Bruch mit der Kultur des Frühkapitalismus.

3. Zu Recht wird im Blick auf ein eBGE von einem „Kulturbruch“ gesprochen, weil ein eBGE die absolute Herrschaft des Kapitals und der Geldvermehrung durchbricht. Es beendet die totale Herrschaft der Einen auf Kosten der Lebensmöglichkeiten aller Anderen. Es stärkt die Freiheit aller Menschen und wirkt als Demokratiepauschale.

4. Als sozialpolitische Konzeption liegt ein eBGE mit den Grundzielen christlicher Tradition auf einer Linie und stützt deren menschenfreundliche, Frieden, Leben und Zukunft eröffnende Intention.[4]

 

Gottesdienstentwurf (PDF-Dokument) zu Luthers Kritik am Frühkapitalismus und zum Grundeinkommen

In diesem Gottesdienst kreisen Predigt, Lieder, Gebete und Bekenntnis um die Frage nach dem „rechten“ Glauben – angesichts des Anspruchs des kapitalistischen Systems als alles bestimmender Wirklichkeit.

Martin Luther legt das Erste Gebot mit kritischem Blick auf den Frühkapitalismus aus. Er spitzt seine Aussage im Einklang mit alttestamentlichen Vorstellungen auf die jesuanische Alternative zu: Man kann nur Gott dienen oder dem Mammon (Matthäus 6,24; Lukas 16,13).

Nach Luthers Auffassung stehen Christinnen und Christen und Kirchen gegenüber dem totalen Anspruch des Kapitalismus in der Entscheidungssituation, rechtgläubig zu sein oder Götzendienst zu verrichten.

Ein emanzipatorisch ausgestaltetes bedingungsloses Grundeinkommen liegt auf der Linie Luthers und der von ihm herangezogenen Tradition. Christinnen und Christen sehen darin eine Möglichkeit, den totalen Anspruch des Mammons zu brechen.

Kritisch wird das gegenwärtige Verhältnis der Evangelischen Kirche Deutschlands bzw. ihres Ratsvorsitzenden und dem Autokonzern VW aufgrund der Alternative Gott / Mammon befragt. Stimmen aus der gegenwärtigen weltweiten Ökumene beziehen – im Sinne der Unterscheidung Luthers – eindeutig Stellung gegen den Götzendienst.

 

Fußnoten

[1] Diesen Thesen liegt der Gottesdienstentwurf zugrunde. Dort finden sich ausführliche Zitate und Literaturangaben. Grundsätzlich empfehlenswert: Thomas Ruster (2000), Der verwechselbare Gott. Theologie nach der Entflechtung von Christentum und Religion. Freiburg, Basel, Wien: Herder (Quaestiones disputatae 181), darin besonders S. 154ff: „Martin Luther: ‚Was heißt einen Gott haben oder was ist Gott?’”. Ebenfalls grundlegend: Christoph Fleischmann (2010), Gewinn in alle Ewigkeit. Kapitalismus als Religion. Zürich: Rotpunktverlag.

[2] Wolfgang Steeck (2015), Wie wird der Kapitalismus enden? Blätter für deutsche und internationale Politik 3, S. 99-120, schreibt dazu (S. 107): Das Problem ist, „dass der kapitalistische Fortschritt mittlerweile buchstäblich jede Instanz, die ihn stabilisieren könnte, indem sie ihm Grenzen setzt, mehr oder weniger zerstört hat. Die Stabilität des Kapitalismus als sozioökonomisches System hing nämlich immer davon ab, dass seine Eigendynamik durch Gegenkräfte gezügelt wurde – durch kollektive Interessen und Institutionen, die die Kapitalakkumulation gesellschaftlichen Kontrollen unterwarfen. Das bedeutet, dass der Kapitalismus sich dadurch selbst den Boden unter den Füßen wegziehen kann, dass er zu erfolgreich ist.“ Weiterhin spricht Streeck von einer „faktische[n] Entdemokratisierung des europäischen Kapitalismus“, weil „die Wirtschaftspolitik der Mitgliedsstaaten, einschließlich der Lohnfindung und der Haushaltspolitik, zunehmend durch supranationale Einrichtungen wie die Europäische Kommission und Europäische Zentralbank gesteuert [sind], die sich außerhalb der Reichweite massendemokratischer Willensbildung befinden“ (S. 105).

[3] Vgl. z.B. Ton Veerkamp (2012), Die Welt anders. Politische Geschichte der Großen Erzählung. (Berliner Beiträge zur kritischen Theorie Band 13). Berlin: Argument Verlag / InkriT. Im Klappentext: „Im Zentrum der Volksreligionen Judentum, Christentum und Islam steht die ‚Große Erzählung Israels‘. Kern dieser Erzählung ist die Tora, ein Gesellschaftsentwurf des antiken Judäa, mit Autonomie und Egalität als Ziel aller gesellschaftlichen Institutionen und der ganzen Rechtsordnung. Sie wollte nicht eine andere Welt, erst recht keine andere Welt im Jenseits, sondern die gleiche Welt, aber völlig neu geordnet: die Welt anders. Das Judentum hat die Große Erzählung bewahrt, das Christentum und der Islam haben sie auf je verschiedene Weise angepasst und verfremdet. Die Erzählung von Autonomie und Egalität blieb auch im Christentum die Grunderzählung. Auch die Christen wollten die Welt anders. Aber sie sahen keine effektiven politischen Möglichkeiten, die Welt zu verändern. Das Christentum schuf seine Perspektive jenseits der Erde und jenseits der Zeit, und die Erde wurde zum Bewährungsraum für das Leben im Himmel. Freilich hat das Christentum die Große Erzählung Israels, der Paulus und die Evangelien die Treue hielten, als Wesenselement seiner eigenen Großen Erzählung beibehalten, ja die Einheit beider Erzählungen oder »Testamente« in seinen Zentraldogmen festgeschrieben. Sein Projekt Die Welt anders wurde vertagt bis zum Ende aller Tage.“

[4] Christoph Fleischmann (2010), Gewinn in alle Ewigkeit. Kapitalismus als Religion. Zürich: Rotpunktverlag, 2010, S. 245: Dass bei der „Suche nach dem guten Leben auch die vom Kapitalismus abgehängte Religion etwas beitragen könnte, ergibt sich aus ihrer ursprünglichen Gegnerschaft zum Kapitalismus. Das Christentum müsste sich an seinen eigenen Wurzeln fassen, um radikal zu werden.“ – Die Gegnerschaft zum Kapitalismus impliziert nicht zwingend den Wunsch nach seiner Abschaffung, sondern kann sich auch in Widerstand gegen seine Exzesse an Mensch und Welt und seine Selbstzerstörung ausdrücken. Die Gegnerschaft kann sich auch in dem Interesse zeigen, die demokratische, zivilgesellschaftliche Kontrolle zurückzuerlangen, damit Staaten wieder über die Fähigkeit verfügen, in das Marktgeschehen zu intervenieren und dessen Ergebnisse im Interesse der Mehrheit ihrer Bürgerinnen und Bürger zu korrigieren.

 

Zum Autor: Michael Behrmann ist evangelischer Theologe und arbeitet als Krankenhausseelsorger in Bremen. Er ist Mitbegründer der Initiative Bedingungsloses Grundeinkommen in der Bremischen Evangelischen Kirche (InitiativeBGE.BEK) und der Attac Gruppe „Genug für alle“ in Bremen.

2 Kommentare

Horst Angelbeck schrieb am 31.03.2017, 20:22 Uhr

Sehr geehrter Herr Behrmann,

es erfüllt mich mit großer Freude, dass es einen Menschen gibt, der sich die Aufgabe stellt, auf das zu schauen,

was sich durch ein bGE verwirklichen ließe, hin zu einem wahren Christentum. Und das geht nicht ohne ein Wirtschaftsleben, welches der Brüderlichkeit dient und nicht dem Mammon.

Ich bin in Bremen aufgewachsen und habe vor 10 Jahren in Dortmund die Initiative bGE begründet.

Mit herzlichen Grüßen

Horst Angelbeck

Swidu schrieb am 26.05.2017, 14:46 Uhr

Mal ganz abgesehen davon, dass der Begriff \"Kapitalismus\" zu Luthers Zeiten noch nicht erfunden war - angesichts klarer Aussagen der Bibel wie \"im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein Brot essen\" erscheint mir das Konzept BGE geradezu heidnisch.

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